Paul Auster

»Ich denke nach vorne«

»Ich habe das bislang, ehrlich gesagt, verdrängt«: der Schriftsteller Paul Auster über seinen 75. Geburtstag Foto: picture-alliance / APA/picturedesk.com

Paul Auster

»Ich denke nach vorne«

Der Schriftsteller wird 75 – auch nach seinen jüngsten Mammutwerken ist er nicht bereit, sich zurückzulehnen

von Sebastian Moll  03.02.2022 08:04 Uhr

Paul Auster ist ein höflicher Mensch, und so bedankt er sich herzlich für die guten Wünsche zu seinem 75. Geburtstag. »Ich bin sehr berührt, dass Sie an mich denken«, sagt er während eines Telefongesprächs von seinem Arbeitszimmer in Brooklyn aus. Doch er lässt gleichzeitig durchblicken, dass er das Datum eigentlich lieber übergangen hätte. »Ich habe das bislang, ehrlich gesagt, verdrängt.«

75 ist ein Alter, in dem man definitiv nicht mehr behaupten kann, jung zu sein. Dabei fühlt sich Auster noch jung. »Ich denke noch immer nach vorne, an all das, was ich noch tun möchte.« Auster ist noch nicht fertig, auch nicht nach 30 Büchern, die in 40 Sprachen übersetzt worden sind. Er ist noch lange nicht dazu bereit, sich zurückzulehnen und zu resümieren.

MAMMUTWERKE Wenn überhaupt, dann hat das Älterwerden Paul Austers ungeheuerliche Produktivität noch einmal um einen Gang gesteigert. In den vergangenen fünf Jahren hat er zwei Mammutwerke vorgelegt: Sein Opus magnum 4 3 2 1, das er mit knapp 900 Seiten selbst als »einen Elefanten von einem Buch« bezeichnet und gleich hinterher eine 800- Seiten-Biografie des Schriftstellers Stephen Crane.

Es hat etwas Atemloses, wie Auster arbeitet, und er gibt selbst zu, dass er von der Furcht getrieben wird, die Zeit könne ihm ausgehen. So hat er die 900 Seiten von 4 3 2 1 in der Hälfte der Zeit geschrieben, die er gewöhnlich für ein solches Buch gebraucht hätte.

Es war eine enorme Kraftanstrengung, an deren Ende er völlig erschöpft war. »Ich habe permanent daran gedacht, dass ich bei der Hälfte des Buches tot umkippen könnte. Und was könnte schlimmer sein, als bei einem 900-Seiten-Buch nur bis Seite 450 zu kommen.«

An dem Tag, als er älter wurde als sein Vater, veränderte sich für Paul Auster alles.

Die Furcht war davon befeuert, dass Auster zu Beginn des Projektes 66 war – exakt jenes Alter, in dem sein Vater starb. An dem Tag, an dem er älter wurde als sein Vater, erinnert sich Auster, habe sich für ihn alles verändert.

»Es fühlt sich unnatürlich an«, sagt er. »Man sollte nicht älter sein als seine Eltern.« Viel mehr als das jetzige Datum seines 75. Geburtstags war der 66. für Auster ein Scheideweg, ein Übergang in eine neue Lebenszeit.

SKIFAHRER Es ist eine alte Obsession von Paul Auster, die Frage, was passiert, wenn man älter wird als seine Eltern. Schon in Teil II seiner New-York-Trilogie, der Erzählung Ghosts aus dem Jahr 1986, spielt er mit diesem Gedanken. Dort begegnet ein Skifahrer seinem in Eis gefrorenen jüngeren Vater.

Später, im Drehbuch zum Film Smoke, das Auster 1995 schrieb, taucht das Thema noch einmal auf. Die Figur Paul Benjamin, die unverkennbare Züge von Auster selbst trägt, erzählt die Geschichte des Skifahrers, dem 17 Jahre alten Rashid. Daraufhin vertauschen Benjamin und Rashid spielerisch die Rollen, Rashid tut so, als wäre er Benjamins Vater.

Nun also war Auster selbst in dieser Zone der verkehrten Zeit. Und in dieser Zone nahm er sich ein Projekt vor, das sich wie die Kulmination seines gesamten vorangegangenen Lebens und Schaffens liest.

4 3 2 1 ist die Geschichte von Archibald Ferguson, der viele Lebensdaten mit Auster teilt. Er wächst in einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie in Newark, New Jersey, auf, er studiert an der Columbia University in New York auf der Höhe der Studentenunruhen der 60er-Jahre, er geht nach Paris, er wird Schriftsteller.

Doch das Buch wäre kein Auster-Buch, wenn es eine schlichte, lineare biografische Erzählung wäre. Auster erzählt Fergusons Geschichte in vier Variationen. Jedes Mal geben zufällige Begebenheiten dem Leben des Helden eine andere Wendung.

ZUFALL Die Rolle des Zufalls spielt in Austers Werk von Anfang an eine enorme Rolle, einer seiner Romane, The Music of Chance, trägt den Zufall sogar im Titel. In 4 3 2 1 nun wird Austers Meditation darüber, wie der Zufall sein eigenes Leben beherrscht, unübersehbar. Auster betont immer wieder, dass seine Figuren nicht er selbst sind, selbst wenn sie, wie in der New-York-Trilogie, Paul Auster heißen. Und doch wird mit 4 3 2 1 unleugbar, wie sehr Auster beschäftigt, was hätte sein können.

»Ich bin der Glückspilz, der mit ihr zusammenleben darf«, sagt er über seine Frau Siri Hustvedt.

Sein eigenes Leben sieht er freilich vor allem als eine Verkettung glücklicher Zufälle. Wie etwa die Tatsache, dass er just in dem Augenblick, in dem seine schriftstellerische Karriere in eine Sackgasse geraten war, Geld erbte. Er hatte plötzlich Zeit und Raum, seinen ersten Roman zu schreiben, der seinen späteren Welterfolg begründete.

Oder der Zufall, dass er im Jahr 1981 bei einer Lesung in Manhattan einer umwerfend schönen und charmanten und ebenso klugen jungen Schriftstellerin aus dem Mittleren Westen namens Siri Hustvedt über den Weg lief. Die beiden heirateten kein Jahr später.

ehe Für Auster war es die zweite Hochzeit. Aus seiner ersten Ehe mit der Schriftstellerin Lydia Davis hat er den Sohn Daniel, der 1998 in einen spektakulären Mordfall in der New Yorker Nachtszene verwickelt war.

Zusammen haben Paul Auster und Siri Hustvedt mehr als 50 Bücher geschrieben, sie beschreiben sich gegenseitig als ihre ersten und wichtigsten Leser. Sie haben eine Tochter, Sophie Auster, großgezogen und sind, wenn man Auster glauben darf, so verliebt wie am ersten Tag. »Siri ist der wundervollste Mensch, der mir je begegnet ist«, sagt er. »Und ich bin der Glückspilz, der mit ihr zusammenleben darf.«

So hat für Paul Auster das Spekulieren darüber, was hätte sein können und warum das eine und nicht das andere passiert ist, nichts mit Reue oder Bedauern zu tun. Im Gegenteil, es hat in Austers Werk und im Gespräch mit ihm immer etwas von einem beinahe kindlichen Staunen über die Mysterien des Lebens.

Über die Versuche der Technik, den Menschen oder das Leben zu simulieren, kann er jedenfalls nur lachen. »Wenn ich einen dieser automatischen Rasenmäher sehe«, sagt Auster etwa, »bin ich immer amüsiert. Es ist immer toll, was sie können, bis sie gegen eine Wand fahren und nicht mehr weiterkommen. Dann fahren sie so lange dagegen, bis ihre Batterie leer ist.«

ZAUBER Für Auster bleibt die Welt ein Zauber, und dass wir uns zunehmend in virtuelle Welten flüchten, hält er für eine Tragödie. »Wenn ich ein junges Paar sehe, das in seine Rechtecke starrt, anstatt sich zu küssen und zu umarmen, dann überkommt mich eine Welle der Traurigkeit«, sagt er.

Austers Literatur war schon immer ein Gegengewicht gegen diese Entzauberung, lange bevor die Technologie im heutigen Ausmaß unser Leben beherrschte. Ein Sinn für das Unerklärliche, das Mysteriöse überlagert schon seine frühen Bücher, besonders die New-York-Trilogie, und trug ihm bisweilen das Label des »magischen Realisten« ein.

Der Sinn für den Zauber der Welt hat allerdings nicht Austers Blick für die harten Realitäten getrübt. In weitaus geringerem Ausmaß als sein Alter Ego Archibald Ferguson hat Auster sich in die Kunst und Literatur geflüchtet und sich stattdessen handfest politisch engagiert.

PEN Bei den Studentenunruhen der 60er-Jahre gegen den Vietnamkrieg und die Rassendiskriminierung in Amerika wurde Auster verhaftet. Er hat sich als Vizepräsident des PEN für Salman Rushdie und gegen Recep Tayyip Erdogan eingesetzt. Und er hat zusammen mit Siri Hustvedt eine Gruppe von »Schriftstellern gegen Trump« gegründet, die heute mehr als 3000 Mitglieder hat.

Er setzte sich für Salman Rushdie ein und gründete die Gruppe »Schriftsteller gegen Trump«

Nachdem Paul Auster 4 3 2 1 fertig geschrieben hatte, wollte er eigentlich ein wenig Pause machen vom Schreiben. Sich ein paar Monate zurücklehnen und nur lesen. Doch dabei entdeckte er die Werke von Stephen Crane, in dessen Sprachstil und Kunstfertigkeit Auster sich verliebte. Die Lektüre wurde zur Besessenheit, ein kurzer Essay über Crane zu einem weiteren 800-Seiten-Werk.

Auster ist noch lange nicht fertig, er hat noch viel zu sagen. Und je älter er wird, so scheint es, desto dringlicher wird es ihm, noch so viel loszuwerden, wie er nur irgendwie kann.

Paul Auster: »Die New York-Trilogie«. Übersetzt von Joachim A. Frank. Rowohlt, Hamburg 2012, 416 S., 12 €
»4 3 2 1«. Übersetzt von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt, Hamburg 2017, 1264 S., 29,95 €
»In Flammen: Leben und Werk von Stephan Crane«. Übersetzt von Werner Schmitz. Rowohlt, Hamburg 2022, 1200 S., 34 €

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