Berlinale

»Gute Filme überdauern die Zeit, weil sie menschlich sind«

Der israelische Regisseur Assaf Machnes

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»Gute Filme überdauern die Zeit, weil sie menschlich sind«

»Where to?« ist die einzige israelische Produktion der 76. Berlinale. Regisseur Assaf Machnes im Interview über Inspiration, Trauma und Hoffnung

von Sophie Albers Ben Chamo  18.02.2026 17:08 Uhr

Assaf Machnes‘ Film Where to? ist der einzige israelische Beitrag auf der diesjährigen Berlinale und wird bereits als Geheimtipp gefeiert. Die Geschichte des zarten Erblühens einer Freundschaft zwischen einem palästinensischen Uber-Fahrer und einem israelischen Fahrgast in Berlin bietet ein Kaleidoskop widersprüchlicher Gefühle: leise und ernst, laut und absurd. Vor allem aber ist es ein Film über das Einander-Zuhören - zum Glück ohne einen Funken Didaktik, dafür mit wunderbarem Humor.

Herr Machnes, Sie haben seit Jahren an der Idee gearbeitet. Wo kam die her?
Alle meine Filme entspringen realen, persönlichen Erfahrungen. Diese kam mir, als ich in Berlin war, um eine Serie zu entwickeln, aus der dann nichts wurde. Zwei Monate im Berliner Winter. Und dann saß ich plötzlich im Taxi mit einem palästinensischen Fahrer. Nach fünf Minuten war klar, dass wir uns verstehen, ohne viel sagen zu müssen. Da habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn ich häufiger in seinem Taxi landen würde …

Haben Sie ihn nochmal getroffen?
Leider nein.

<em><sub>Szene aus »Where to?« mit Ehab Salami und Idi Tako</sub></em>Foto: © Maayne Bouhnik

Neben dem wunderbaren Ehab Salami (Let there be morning und Jaffa) und Ido Tako sind auch Dov Navon und Milan Peschel mit dabei. Wie schwer war es, sie zu bekommen?
Ich hatte großes Glück. Alle mochten das Drehbuch. Dass Dov Navon zugesagt hat, war ein Traum für mich. Ich bin mit Hahamishia Hakamerit aufgewachsen, diesem israelischen Monty Python der 90er-Jahre.

Sie machen selbst Stand-up in Berlin?
Vor etwa drei Jahren habe ich mit Open-mic angefangen. Die englischsprachige Szene in Berlin ist riesig.

Und da können Sie auch israelisch-palästinensische Witze machen?
Ja.

Haben Sie einen für mich?
Als ich das zweite Mal nach Berlin kam, war ich im Kitkat-Club. Am Morgen danach war ich überzeugt, mir eine sexuell übertragbare Krankheit geholt zu haben. Ich googelte einen Urologen in der Nähe, und ging zu dem, der am nächsten war. Hinter dem Empfang hing ein riesiges Bild von Al-Aksa. Als ich dran war, fragte mich der Urologe, wo ich herkomme, weil mein Name Assaf auch arabisch ist: Aus Israel, sage ich, und er: Ich komme aus Gaza, ziehen Sie Ihre Hose und Unterwäsche aus. (Lacht) Das war mein erstes Zusammentreffen mit einem Palästinenser in Berlin.

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Sie haben Mathematik studiert, wie kamen Sie zum Film?
Ich war schon immer ein Geschichtenerzähler. Um als Kind in der Schule im sozialen Dschungel zu überleben, ist man entweder gut in Sport oder witzig. Ich war nicht gut in Sport.

Aber was hat Sie motiviert?
Ich glaube, ich habe Mathematik studiert, weil ich die philosophische Seite davon mag. Aber das Studium in Tel Aviv war sehr praktisch angelegt. Ich hatte das Gefühl, wenn ich wirklich tief in mich hineinhöre, dann will ich Momente schaffen, die die Menschen etwas fühlen lasse.

Sie haben einmal gesagt: Judaismus käme von Angst, und das sei gesund. Was heißt das?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir alle durch unsere Traumata miteinander verbunden sind. Natürlich kann diese Verbindung manchmal sehr fragil sein, aber sie schafft auch persönliche Grenzen und gibt einem in manchen Situationen Klarheit. Das kann sowohl gesund als auch ungesund sein, es ist in vielerlei Hinsicht ein Paradoxon.

Und nun wurde das Trauma getriggert.
Ja, und in diesem Film geht es natürlich um Traumata und wie man diese verarbeitet.

Der Film hat eine zeitliche Ordnung, in der auch der 7. Oktober vorkommt. Sie haben einen perfekten Umgang damit gefunden, der in seiner Einfachheit auch etwas Absurdes hat … Ist die Absurdität ein valides Werkzeug, um mit all dem, was passiert ist und gerade passiert umzugehen?
Absolut. Ich denke, in meinen Filmen geht es immer um diese Lücke zwischen dem Kollektiven und Intimen.

<em><sub>Weltpolitische Feinde menschlich ganz nah</sub></em>Foto: © Maayne Bouhnik

Welchen Einfluss hatte der 7. Oktober auf Ihr Schreiben?
Ich habe während Covid damit begonnen, dann fing der Krieg in der Ukraine an … Es war eine wichtige Frage für mich, ob ich das Skript nach dem 7. Oktober ändern muss. Mir wurde klar, dass ich mich damit auseinandersetzen muss, aber gleichzeitig war mir bewusst, dass Geschichtenerzählen keine didaktische Abhandlung sein darf. Gute Filme überdauern die Zeit, weil sie menschlich sind.

Und universell.
Genau. Die Auseinandersetzung musste subtil sein und durfte keinen Einfluss auf die ursprüngliche Absicht und Motivation hinter dem Film haben.

Der Film scheint genau zur richtigen Zeit fertig geworden zu sein.
Vielleicht haben Sie recht. Aber schon vorher haben Israelis und Palästinenser nicht wirklich miteinander gesprochen.

Glauben Sie, dass Filme Narrative ändern können?
Als jemand, der aus einer sehr zynischen Familie stammt, schwanke ich immer zwischen Zynismus und hochemotionalen, hoffnungsvollen, manchmal sogar kitschigen Gefühlen, und das ist die beste Mischung. Ich möchte gern glauben, dass es möglich ist. Manchmal denke ich, dass das Kino oft nur die Überzeugten überzeugt. Aber ich hoffe, dass sich der Dialog dadurch bis zu einem gewissen Grad ändern kann. Das hoffe ich wirklich. Und ich bin sehr stolz darauf, eine Geschichte zu erzählen, die sich gegen die allgemeine Stimmung der Hetze richtet.

Mit Assaf Machnes sprach Sophie Albers Ben Chamo.

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