Ausstellung

Gott des Gehorsams

Gute Literatur, heißt es, hat einen doppelten Boden. Doch jene Texte, die jahrhundertelang Leser beschäftigen und herausfordern, besitzen mehr als das: Bei ihrer Lektüre tut sich ein Abgrund unbeantwortbarer Fragen auf. Die im ersten Buch Mose erzählte Geschichte der »Bindung Isaaks«, die »Akeda«, ist so ein Text. Ein stärkeres Bild für den bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott lässt sich kaum denken.

Kein Wunder also, dass sich auch Christentum und Islam gerne auf die Geschichte von der befohlenen und dann verhinderten Opferung beziehen, wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen: In der muslimischen Tradition soll der Erstgeborene, Ismael, geopfert werden, der sich sogar einverstanden damit erklärt, den Opfertod zu sterben. In der Tradition des Christentums, die nicht von der »Bindung«, sondern von der »Opferung Isaaks« spricht, soll diese bereits auf die spätere Kreuzigung Jesu verweisen.

aktuell Die Tatsache, dass die Geschichte vom gehorsamen Abraham in den drei großen monotheistischen Religionen eine fundamentale Rolle spielt, war es vielleicht, was die Programmmacher des Jüdischen Museums Berlin schon seit Jahren davon träumen ließ, sich des Themas anzunehmen. Doch dieses Mal, sagte Programmdirektorin Cilly Kugelmann am Donnerstag vergangener Woche bei der Vorstellung der Schau, sollte es keine »kulturhistorische Ausstellung« sein.

Das Museum entschied sich vielmehr für eine »Künstlerausstellung, die das Thema aktuell aufgreift, es auf heute bezieht und für die relevanten Geschehnisse von heute interpretiert«. Auch sollte es, so Kugelmann, keine Ausstellung werden, die nur den Intellekt der Besucher anspricht: »Unser Ziel war: Man soll erst fühlen und dann denken.«

Der schon zu Lebzeiten legendäre britische Filmemacher Peter Greenaway (Der Kontrakt des Zeichners) und seine Partnerin, die niederländische Performancekünstlerin Saskia Boddeke, konnten für das ambitionierte Vorhaben gewonnen werden, die Geschichte vom Gehorsam Abrahams und der verhinderten Opferung in eine – natürlich subjektiv interpretierte – Installation umzusetzen. Und worum es den beiden Künstlern in ihrer groß angelegten Schau geht, wird spätestens im dritten Raum deutlich: Hier steht der Besucher der tonangebenden Filminstallation gegenüber – zahllose Videoclips von Kindern, die jeweils einen Satz sagen: »I am Isaac« oder »I am Ishmael«.

Botschaft Sogleich wird dem Besucher klar: Hier geht es weniger um den Gehorsam Abrahams als um den drohenden Tod des Sohnes, sei es Isaak oder Ismael. Beide Söhne sollen offenbar stellvertretend für all jene Kinder und Jugendlichen stehen, die heute überall in der Welt unter religiösem oder politischem Fanatismus der Erwachsenen leiden und sterben müssen. Mit dieser Botschaft entfernt sich die Interpretation natürlich vom Text, um den sie kreist – folgt Abraham in der vorherrschenden Lesart der drei monotheistischen Weltreligionen doch nicht politischen oder religiösen Fanatikern, sondern immerhin und unmittelbar Gott selbst.

Aber ein freier und unbefangener Umgang mit Texten ist nicht nur erlaubt, er ist in Anbetracht der angestrebten politischen Botschaft der Installationen auch notwendig. So weit, so gut also. Doch: »Gute Gesinnung«, wie Heinrich Böll einmal bemerkte, »gibt’s bei uns gratis.« Was hat die Schau von Greenaway und Boddeke also jenseits ihrer politischen Botschaft zu bieten?

Die Ausstellung, die sich nun im Jüdischen Museum begehen und erleben lässt, hat es in sich: Greenaway und Boddeke meditieren, zwischen den Traditionen der drei Religionen hin und her wechselnd, multimedial über Abrahams »Gehorsam« einerseits und die Rolle des zu opfernden Sohnes andererseits. Dabei war es das Ziel der Künstler, Räume zu gestalten, die möglichst viele Sinne ansprechen, Emotionen wecken und so eine jeweils ganz und gar unterschiedlich zu erlebende Raumerfahrung bieten.

kieselsteine 15 Räume sind es insgesamt geworden, die ihre Wirkung auf den Besucher allesamt erst dann zu entfalten vermögen, wenn er sie tatsächlich betritt. Sich nur Fotos davon anzusehen, reicht also nicht. Das wird zum Beispiel in jenem Augenblick deutlich, da man den sechsten Raum betritt und sich tatsächlich anders »fühlt«, ganz einfach schon allein deswegen, weil der Boden aus Kieselsteinen besteht, die den Besucher aus dem Tritt bringen. Das passt: Immerhin ist der sechste Raum thematisch »Satan« zugedacht, der im Judentum und Islam Abraham in Versuchung führen sollte, dem Befehl Gottes nicht zu folgen.

Überhaupt wird der Besucher in den verschieden ausgeleuchteten Installationen geradezu überflutet von Eindrücken: Im vierten Raum kann man zum Beispiel neun historische Manuskripte der Geschichte aus allen drei Religionen betrachten, im achten Raum gibt es unter anderem Druckgrafiken von Rembrandt, Otto Dix und »Videomapping« von Caravaggios »Opferung Isaaks« zu sehen, im neunten Raum (»Judaism«) Märtyrergrabsteine aus dem 13. Jahrhundert, und schließlich wird das Motiv der Ausstellung in musikalisch untermalten Filmsequenzen von Tänzern interpretiert.

Außerdem gibt es zahllose Stichwaffen und Fesselungsarten zu bestaunen – ein gelungener Versuch, das Thema Brutalität zu konkretisieren. Auch wenn Isaak und Ismael laut Boddeke im Zentrum der Installation stehen, da es in der Schau ja vor allem darum geht, das Recht der Kinder auf ein Leben ohne Krieg und Gewalt zu fordern, werden diese Objekte auf manche Kinder unter den Besuchern sicherlich leicht verstörend wirken. Und dann dürfte es den begleitenden Eltern schwerfallen, auch nur eine einzige jener unvermeidlichen Fragen zu beantworten, die sich Leser seit Jahrhunderten stellen. Wie etwa: Hätte Abraham, wenn der Engel ihn nicht daran gehindert hätte, seinen geliebten Sohn tatsächlich getötet?

emotionen Besonders wichtig war es Boddeke, dass den Müttern Sara und Hagar ein eigener Raum gewidmet ist, gerade weil die beiden Frauen im Text von der »Bindung Isaaks« keine Rolle spielen. Künstler dürfen so etwas. Und so hängen im »Female Room« nicht nur Familienfotos, die an die Emotionen der Betrachter appellieren. Es gibt dort auch eine Installation mit tropfendem Wasser, das das Weinen der Mütter Isaaks und Ismaels andeuten soll. Diese »Tränen« sind indes so ungewollt komisch, wie die Verwendung von Damien Hirsts »Widder mit Goldhörnern« – eine Anspielung auf jenen Widder, den Abraham anstelle des Sohnes opfert – einfallslos wirkt.

Nachdenklich stimmt die Frage, mit der der Besucher am Ende entlassen wird. »Or am I Abraham?« ist in großen Lettern auf eine der Wände projiziert. Kuratorin Boddeke meint, die Antwort zu kennen: »Wir alle waren einmal Isaaks und Ismaels und sind dann zu Abrahams geworden. Und unsere Kinder werden ihre Kinder wiederum zu Abrahams machen. Ich kenne die Antwort auch nicht, ich weiß auch nicht, wie ich das ändern soll, aber es geht darum, dass man ein Bewusstsein für das entwickelt, was geschieht.«

»Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway«.  Jüdisches Museum Berlin, bis 13. September

www.jmberlin.de

Fernsehen

Gil Ofarim: »Das kann es nicht gewesen sein«

Was genau er damit meint und ob er sich auf den Skandal bezieht, der das öffentliche Bild von ihm zuletzt geprägt hatte, lässt Ofarim als Cliffhanger offen

 28.01.2026

"Dschungelcamp"

Anwalt von Gil Ofarim warnt vor Grenzüberschreitungen

Alexander Stevens sagt, es würden teils unwahre Tatsachenbehauptungen verbreitet, die strafrechtliche Konsequenzen haben könnten

 28.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Januar bis zum 5. Februar

 28.01.2026

Fernsehen

»Bin ich die einzige Normale?«

Die Frage stellt Dschungelcamperin Ariel – doch Ferndiagnosen verbieten sich auch bei TV-Stars

von Martin Krauss  28.01.2026

Zahl der Woche

13 Sommer- und Winter-Machanot

Fun Facts und Wissenswertes

 27.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 27.01.2026

USA

Kanye West entschuldigt sich erneut für Antisemitismus

In einer ganzseitigen Anzeige im Wall Street Journal schreibt der Rapper: »Ich bin kein Nazi und kein Antisemit. Ich liebe jüdische Menschen.«

 27.01.2026

Meinung

Ein Schmock kommt selten allein

Im »Dschungelcamp« scheint Gil Ofarim in bester Gesellschaft. Doch was hat er aus seiner Lüge in der »Davidstern-Affäre« gelernt?

von Ayala Goldmann  27.01.2026

Meinung

»Zeit Geschichte« stellt sich in eine unsägliche Tradition

Das Titelbild der neuen Ausgabe des Hefts reduziert den Nahostkonflikt auf ein simples Gut-gegen-Böse-Schema. Immer wieder nutzen renommierte Medien problematische Bildsprache, wenn es um Israel geht

von Nikolas Lelle  27.01.2026