Debüt

Glück spielt keine Rolle

Schade eigentlich, dass die Heldin schon in der ersten Zeile des Romans stirbt: Luna Ermoza, die Schönheitskönigin von Jerusalem. Das beunruhigt. Eben noch stolziert die geheimnisvolle Frau vom Buchcover herab und auf den Leser zu. Frech und selbstbewusst in ihrem knallgelben Kleid, mit den roten Lippen und ihren – wie man später erfährt – grünen Augen. Ihre Tochter Gabriela, gerade 18 Jahre alt, stellt eher lapidar den Tod ihrer Mutter Luna fest. Rührung? Fehlanzeige. Auch ihr Vater scheint nicht sonderlich aufgewühlt: »Das war’s.«

Ein grandioser Einstieg in eine Familiengeschichte voller Geheimnisse, voller Verirrungen und Leiden, voller Schmerzen. Gabriela, durch den Tod der Mutter wie befreit, will endlich einem Familienfluch auf die Spur kommen. Sie will das hartnäckige Schweigen, unter dem alle seit Generationen leiden, verstehen und erkunden.

Eine Göre, die sich um die ungeschriebenen Gesetze der Familie nicht schert, sondern fragt und fragt – so lange, bis die Ersten antworten. Wie kann es sein, dass die Mütter ihre Kinder nicht lieben, wie es sich gehört und wie man es aus anderen Familien kennt? Was stimmt bei den Ermozas nicht? Gerne würde der Leser die üppigen 600 Seiten in einem Zug verschlingen, geht natürlich nicht und ist auch gut so, denn die Geschichte ginge viel zu rasch zu Ende, was wirklich ein Jammer wäre.

Familie Der Debütroman der Journalistin Sarit Yishai-Levi ist eine Wucht. Er war 2014 das bestverkaufte Buch Israels. Die Autorin, selbst aus einer sefardischen Familie stammend, macht keinen Hehl daraus, dass dem Familiendrama der Ermozas aus Toledo ihre eigene Geschichte zugrunde liegt. Sie hat sie ihrem greisen Vater abgerungen, der kurz vor dem Erscheinen ihres Romans starb.

Es ist die Geschichte bedrückend unglücklicher Frauen und mutlos enttäuschter Männer. Es ist die Geschichte von Menschen, die durch die Traditionen und Moralvorstellungen ihrer Gesellschaft in arrangierte Ehen gezwungen werden und in ihnen feststecken. Sie versuchen, sich mit den ungeliebten Ehepartnern abzufinden. Es sind aber vor allem die Frauen, die den Ton des Romans angeben.

An ihnen entlang entfaltet Yishai-Levi auf raffinierte Weise nicht nur die intimen Machenschaften und Ränke eines Familienmonstrums, sondern auch die Schmerzen, unter denen Israel erwachsen wurde, ein Land, das es zu Beginn des Romans noch gar nicht gibt, sondern das noch ein dünn besiedelter Landstrich unter der Knute des Osmanischen Reiches ist. Es ist die Zeit, als Urgroßvater Rafael sich kurz vor der von seinen Eltern bestimmten Heirat mit Rebekka in eine blonde junge Frau verliebt, nur mit Blicken, zufällig im Vorübergehen und nicht einmal erwidert.

Man wünscht ihm, dass er seinen Gefühlen folgt und nicht dem Familiendiktat, dass er den Mut hat, alles über Bord zu werfen und glücklich zu werden. Aber er entscheidet sich dagegen und gehorcht. Sein rasender Liebeshunger auf das junge Mädchen bleibt folglich ungestillt und gibt den Ton vor, der fortan als traurige Melodie auch das Schicksal der nächsten Generationen begleiten wird.

Fluch Die unbekannte Schöne ist eine Aschkenasin und er, Rafael, Sefarde. Eine solche Verbindung galt als Familienschande, weshalb Rafael brav und gefügig die für ihn bestimmte Rebekka ehelicht. Rafael ist ein erfolgreicher Feinkosthändler in der Altstadt von Jerusalem, die Geschäfte mit den arabischen Nachbarn laufen bestens. Aber der Fluch der unerfüllten Liebe bleibt ein böser Keim, er pflanzt sich unmerklich fort bis in die Generation der Erzählerin.

Ein packender Familienroman als Spiegel einer ganzen Epoche. Beiläufig und doch zum Miterleben nah entführt uns die Autorin in die finstere und heute weitgehend vergessene Zeit der türkischen Besatzung, als jüdische Wehrdienstverweigerer in Lager gesteckt wurden, in denen sie spurlos »verschwanden«. Oma Rosa fand ihren Bruder Rachamin erhängt an einem Galgen am Damaskustor.

Nach den Türken kommen die Engländer, die Rosa, die Mutter der Schönheitskönigin, nur die »Ingländer« nennt. Sie hat als Putzfrau bei ihnen schuften müssen und hasst sie aus tiefstem Herzen: »Ausgelöscht sei ihr Name.« Efraim, ihr jüngster Bruder, geht in den jüdischen Untergrund und wird zum Mörder.

Tochter Luna, die schönste Frau der Stadt und die eigenwilligste, wird im Unabhängigkeitskrieg durch eine Bombe schwer verletzt und verliebt sich in einen gleichfalls schwer verletzten Mann. Diese zarte Liebe, geheim gehalten, verboten, versagt und doch lebensrettend gelebt, ist das große Geheimnis Lunas, dessen Entdeckung Gabriela ihre Mutter mit neuen Augen wird sehen lassen.

unerfüllt Die Schönheitskönigin von Jerusalem ist ein großer Roman über unerfüllte Liebe. Rosa liebt ihre Tochter Luna nicht. Die Tochter Luna liebt ihre Tochter Gabriela nicht. »So eine Mutter wünsche ich nicht mal meinen Feinden.« Sie rät ihrer beharrlich nachfragenden Enkelin: »Heirate niemals einen Mann, bei dem du nicht spürst, dass er dich mehr liebt als du ihn, damit dein Leben nicht vorbeigeht und du eine vertrocknete Alte wirst wie ich.« Und die dazugehörigen Männer? Lieben alle eine andere. Unerfüllt, versteht sich, es ist der Kodex der ersten jüdischen Einwanderer, aber auch von vier Generationen über Jahrzehnte hinweg.

Sarit Yishai-Levis Debüt ist ein subtiles, kluges und spannendes Geschichtsbuch, raffiniert und mit Witz erzählt, und am Ende ist es dann doch noch eine einzige wahre Liebeserklärung: an ein verrücktes Land.

Sarit Yishai-Levi: »Die Schönheitskönigin von Jerusalem«, Übersetzt von Ruth Achlama. Aufbau, Berlin 2016, 618 S., 22,95 €

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