Karneval

Gegen Judenhass in de Bütt gestiegen - diesen Redner muss man lieben

Florian Sitte als Till bei der Mainzer Fastnachtssitzung Foto: picture alliance/dpa

Büttenreden haben in der bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit keinen guten Ruf. Hier würden doch nur Zoten gerissen, und wenn es politisch sein soll, dann werde nur plump gegen »Rote« und »Schwarze« und »Grüne« ausgeteilt.

Doch dann hört man dies: »Ein perfider antisemitischer Wahn / bricht sich bei uns langsam Bahn / Und wird, was mich noch mehr schockiert / von vielen Seiten toleriert.« Der diesen Reim vorträgt, ist »Till«, eine Kunstfigur der Mainzer Fastnacht.

Der Rahmen, in dem Till redet, ist die Fernsehsitzung der Mainzer Fastnacht. Die hat nicht bei allen Freunden des Karnevals einen guten Ruf. Hier sitzen die reichen und einflussreichen Vertreter aus Mainz und Umgebung, heißt es, die, die sich schon mal gerne übers blöde Volk erheitern.

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Vom Karneval, wie er sich einst Bahn brach als Umkehrung der Verhältnisse, als Verspottung und zeitweise Ablösung der Herrschenden und vieles mehr, ist in den Fernsehsitzungen mit ihren Elferräten und Tuschkapellen nichts mehr übrig. Wer herausfinden will, woran das liegt, wird in Deutschland nicht an der NS-Geschichte vorbeikommen: Der obrigkeitskritische Impetus des Karnevals wurde in offenen Judenhass umgeleitet. Seither tut sich der Karneval schwer damit, in einem guten Sinne politisch zu wirken.

Was, bitte, was ist das für ein Humor, wie er auf Rosenmontagszügen zu sehen ist? Friedrich Merz beim BDSM oder die AfD als Schlange, die hypnotisiert — das ist weder lustig noch kritisch. Es gehört aber, wie der unangenehme Herrenwitz vom Sitzungspräsidenten, zum Klischee: Der Sitzungskarneval gilt als rechts, der Straßenkarneval als links. Was jedoch überall fehlt, ist die Freiheit, in jede Richtung auszuteilen.

Doch dann tritt Till bei der Mainzer Fastnacht auf: »Weshalb ich an die Geschichte erinner’ / Es gibt sie, die antisemitischen rechten Spinner / Zum Teil wurde Judenhass, und das sag’ ich frustriert / von Immigranten auch hierher importiert / Neu ist jedoch, und das tut mir stinken / der Judenhass von jungen Linken«.

Wer Tills gesamte Rede hört, bemerkt schnell, dass auch er die typischen Stereotype bedient — wenn er etwa meint, sozialdemokratische Finanzminister seien wie Panzerknacker zum Schutz einer Bank, oder ob er Jürgen Klopp als Bundeskanzler vorschlägt. Auch das ist weder kritisch noch lustig. Und dennoch bleibt etwas von Tills Büttenrede hängen: Dass der Redner, Florian Sitte ist sein bürgerlicher Name, den neuen Antisemitismus in diesem Land so aufmerksam registriert und so ernsthaft anprangert, zeigt, dass auch der über die vielen Jahrzehnte so schrecklich unpolitisch gewordene Karneval nicht an dieser gesellschaftlichen Gefahr vorbeikommt.

Niemand muss Karneval, Fastnacht oder Fasching lieben. Aber Till danken, das können wir schon.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.

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