Interview

»Mit Humor, Herz und Haltung«

Florian Sitte als Till bei der Mainzer Fastnachtssitzung Foto: picture alliance/dpa

Herr Sitte, In der Mainzer Fastnachtsitzung haben Sie scharf jede Form von Antisemitismus beschreiben und verurteilt. Viele Menschen in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland waren darüber angenehm erfreut. Überrascht Sie das?
Nicht so sehr. Es ist ja so, dass der politisch-literarische Vortrag ein Grundpfeiler der Fastnacht in Mainz ist. Es sind Reden mit Humor, Herz und Haltung. Das ist die Figur des »Till«, die ich übernommen habe, und die Figur des »Bajazz mit der Laterne«. Die sind symbolisch für die Mainzer Fastnacht. Sie halten der Gesellschaft den Narrenspiegel vor.

Die positive Reaktion galt vor allem Ihrer Warnung vor dem Judenhass ...
Mir ist im Laufe des Jahres aufgefallen, wie sehr der Antisemitismus zunimmt. Das waren einzelne Meldungen, dass Menschen, die eine Kippa tragen, auf der Straße angegriffen wurden. Oder dass jemand mit einem Davidstern aus einer Kneipe rausgeworfen wurde. Da denke ich: Das kann doch nicht wahr sein.

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Wussten Sie, dass Sie überwiegend Zuspruch erhalten?
Es ist immer ein kleines Risiko, weil man nicht weiß, was einen erwartet. Aber wir hatten das auch ein bisschen eingebettet. Wir vergeben jedes Jahr einen jeweils neu gestalteten Orden, und in diesem Jahr zeigt er einen Teil der Präsidentenkette von Sigmund Fridberg, 1898 der Mitbegründer und erste Präsident des Mainzer Carneval Clubs (MCC). Fridberg war Jude, er selbst starb vor der Machtergreifung der Nazis eines natürlichen Todes, aber seine Kinder sind nahe Ljublin ermordet worden. Das ist Teil der MCC-Geschichte. Bei der Fernsehsitzung habe ich das in meiner Rede nicht ausgeführt. Aber auf den anderen Sitzungen habe ich die Besonderheit dieses Ordens immer erwähnt.

Im Saal bei der Fernsehsitzung gab es Standing Ovations. War das in der ganzen Fastnachtssession so?
Ja, ohne Ausnahme. Das spricht auch für unser Publikum, das ja aller Couleur entspricht. Wir haben mit Sicherheit auch Anhänger der AfD in den Sitzungen, aber überwiegend ist das ein sehr tolerantes Publikum.

In den regionalen Zeitungen wird oft Ihre Rede als literarisch feinsinnig gelobt, aber um Ihre Ausführungen zu Antisemitismus geht es da kaum. Stört Sie das?
Die Reaktionen, die ich direkt bekommen habe, bezogen sich fast ausschließlich auf meine Bemerkungen zum Antisemitismus und zu dem, was ich kurz zuvor behandelt hatte: die Meinungsfreiheit. Die waren auch zustimmend. Aber wenn ich nach Fastnacht zurück in meine Zahnarztpraxis komme und dort die Mails lese, werde ich vermutlich auch andere, negative Reaktionen lesen. Das war in den vergangen Jahren auch schon so.

Fastnacht ist nun vorbei. Glauben Sie, dass Sie über diese Zeit hinaus wirken können?
Das hoffe ich. Aber ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass das zwar eine starke Sendung ist und einen hohen Marktanteil hat, aber letztlich sind es doch nur vier Millionen Leute, die zusehen. Und ob das die Gesellschaft wachrüttelt, weiß ich nicht. Man darf sich auch nicht überschätzen.

Mit dem Präsidenten des Mainzer Carneval Clubs (MCC) und Darsteller des »Till« sprach Martin Krauss

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