Sprachgeschichte(n)

Geseire, Gedibber, Geschmus

»E Gediwer un Geschmuhs« : Günther-Jauch-Talkshow in der ARD: Günther-Jauch-Talkshow in der ARD Foto: imago

»Was ist unsere Rede anders als eine unsichtbare Hand, wunderbar und vielfach gefingert, mit welcher wir fahren über unserer Mitmenschen Gemüter!«, heißt es in Jeremias Gotthelfs Roman Anne Bäbi Jowäger von 1843. Aber manchmal revoltiert unser eigenes Gemüt, weil uns die Rede von Mitmenschen auf die Nerven geht.

Wir haben in solchen Fällen zwei sprachliche Mittel, unseren Unmut auszudrücken – ein Präfix und ein Suffix. Das Suffix »ei«, das zumeist ein Verhalten kennzeichnet, tritt oft in der erweiterten Form »erei« an Verben und hat dann eine abwertende Komponente: Rederei, Faselei, Jammerei, Schwafelei. Abwerten kann auch das Präfix »Ge«: Gerede, Gefasel, Geschwätz, Gelaber.

schwafeln Man nennt das auch »Geseire«. Dieses Wort allerdings ist nicht mit der deutschen Vorsilbe »Ge« gebildet, Es wurde aus dem Jiddischen entlehnt. Dort meint das auf das Hebräische zurückgehende »gesera« wörtlich »Bestimmung, Verordnung, schlimme Verfügung«, besonders eine obrigkeitliche, die Unglück für Juden verhieß. Werner Weinberg nennt in Die Reste des Jüdischdeutschen (1973) dafür zwei Beispiele: Eine »schöne geseire« steht für eine »unangenehme Geschichte oder Situation«. »Die geseire wächst« heißt: Der »Zustand wird immer schlimmer«. Das Beweinen dieser Verhängnisse führte zur Bedeutung »klagendes Gejammer, Getue, Aufhebens«, die über das Rotwelsche in die deutsche Umgangssprache eindrang.

Kluges Etymologisches Wörterbuch von 2002 nennt das Wort Geseire vulgär. Das kümmert weder Journalisten noch Schriftsteller. Joachim Ringelnatz schrieb von »seriösem Geseire«, und Robert Gernhardt kanzelte Literaturkritiker ab: »Lass nicht zu, dass sie dich loben./Wer dich lobt, darf dich auch tadeln./Und du musst dann sein Geseires/auch noch mit Verständnis adeln.« Ähnlich hatte Max Liebermann »das jetzt in der Kunstschreiberei übliche Gequatsche oder Geseire« bemäkelt. Und vor nicht allzu langer Zeit berichtete »Die Welt« über einen Politiker, er attestiere einer Bundesministerin »Geseire, das kein Mensch mehr hören will«.

tratschen Hebräischer Herkunft ist auch das »Gedibber«. Im Westjiddischen hat »dibbern« oder »dabbern« die Bedeutung »reden, plaudern«. Die hebräische Wurzel ist das Verb »dabar«, »sprechen«. Vor allem in Dialekten taucht das Wort auf, so im Frankfurterischen: »E Gelärms un Gedhus/E Gediwer un Geschmuhs« las man 1883 in der Satirezeitschrift Frankfurter Latern.

Das »Geschmus«, von dem hier die Rede ist, stammt ebenfalls aus dem Jiddischen. Mit Liebkosungen, für die man es auf Deutsch verwendet, hat der Begriff ursprünglich nichts zu tun. Das hebräische »schemuá« heißt Gerücht oder Geschwätz. Auf Jiddisch steht »schmusen« für freundschaftliche, vertrauensvolle Plauderei. In dieser Bedeutung verwendet man auch »to schmooze« in den USA. Wenn Sie dort in der Zeitung lesen, dass der Präsident mit seinem Vize im Weißen Haus »schmoozed«, heißt das also nicht, dass die beiden ihr Coming-out als Schwule gehabt hätten. Die nennt man auf Jiddisch übrigens »fejgele«, Vöglein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Deutscher Buchpreis

Hermeskeil ist stolz auf Shida Bazyar

Die Auszeichnung würdigt den Roman einer Autorin aus dem Hunsrück. Das gibt der Stadt neuen Anlass, sich mit den verdrängten Kapiteln seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

von Ira Schaible, Sandra Trauner  07.10.2026

TV-Tipp

Zwischen Terror und Trauma

Eine Reportage von Jan Philipp Burgard auf WELT TV zeigt Israel und seine Menschen drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023

von Detlef David Kauschke  07.10.2026

Im Kino

Mutiges Biopic über Österreichs Ex-Kanzler: »Bruno – Der junge Kreisky«

Harald Sicheritz hat ein Biopic gedreht, das die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen der Linken an sich und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren differenziert darstellt

von Sascha Westphal  06.10.2026