Kino

Genie ohne Distanz

Der Klassikmarkt lechzt nach Musikern, die mehr können, als fehlerlos Töne hintereinander zu spielen. In diesem sehr biederen Metier gibt es eine geradezu barocke Gier nach Kuriositäten. Nicht zuletzt deshalb haben Teufelsgeiger wie Nigel Kennedy (»Klassikpunk«) oder David Garrett (»turbo-fidelnder Womanizer«) Hochkonjunktur.

In die Kategorie Kuriosität fällt auch der australische Ausnahmepianist David Helfgott, den nicht nur sein atemberaubendes Spiel, sondern auch die Folgen einer schweren schizoaffektiven Störung zu jemandem macht, der aus der Reihe tanzt.

triumphal Der 1947 in Australien geborene David Helfgott galt bereits in jungen Jahren als Wunderkind. Durch die Vermittlung von Isaac Stern hatte er mit 14 Jahren das Angebot, in den USA zu studieren, doch sein Vater lehnte ab. Er war überfürsorglich, aus gutem Grund: Als Kind hatte er seine gesamte Familie während der Schoa verloren. Mit 19 Jahren jedoch gewann David Helfgott dann ein Stipendium für das Royal College of Music in London. Vier Jahre später trat er in der Royal Albert Hall auf, in der er mit Rachmaninows 3. Klavierkonzert einen triumphalen Erfolg feierte.

Der jähe Absturz kam 1970, als er nach einem Konzert in der Royal Albert Hall einen Nervenzusammenbruch erlitt und danach fast elf Jahre in psychiatrischen Kliniken verbrachte. Anschließend arbeitete Helfgott, gesundheitlich weiterhin angeschlagen, als Pianist in einer Weinbar in Perth. Den entscheidenden Impuls für die Rückkehr Helfgotts auf die großen Bühnen dieser Welt lieferte der Hollywood-Film Shine – Der Weg ins Licht (1996). Für seine Verkörperung des Pianisten erhielt der Schauspieler Geoffrey Rush seinerzeit den Oscar als bester Hauptdarsteller.

Wieder auf die Beine kam Helfgott, nachdem er die Astrologin Gillian kennengelernt hatte, die 1984 seine Ehefrau wurde. Seither sind die beiden unzertrennlich, auch bei den Konzertreisen durch die Welt. Auf einer dieser Tourneen wurden die Helfgotts von der Filmemacherin Cosima Lange begleitet. Aus diesem Material ist die überaus sehenswerte Dokumentation Hello, I am David! entstanden, die am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft.

Verrücktheiten Cosima Lange rückt dem Phänomen David Helfgott von zwei Seiten zu Leibe: Sie macht transparent, worin die Schönheit seines Klavierspiels liegt, und sie erklärt, worin seine »Verrücktheiten« bestehen. Wobei das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Beinahe unbegreiflich ist, wie Helfgott inmitten eines Melodiebogens, bei dem sich die Tabulatur schon zu biegen scheint, sein Spiel und die Komposition auf vielfältigste Weise verbal kommentiert.

Er liefert dadurch gewissermaßen den Subkontext seiner Interpretation mit. So etwas ist, gelinde gesagt, unkonventionell. Für Traditionalisten wird dadurch die Aufführung gestört. Doch alle anderen schauen gebannt und vergnügt einem »Spielkind« dabei zu, wie es sich austobt und dabei dem Werk neue Facetten abringt.

Helfgotts Undiszipliniertheit ist kein künstlerischer Spleen wie bei anderen Musikern, sondern Folge seines psychischen Zusammenbruchs. Begleiterscheinung ist, dass der Pianist eine unfassbare Kreativität entwickelt, wenn es etwa darum geht, sich eine Flasche Coca Cola zu stibitzen. Oder Kugelschreiber, die vor Helfgotts Zugriff ebenso wenig sicher sind wie Teebeutel.

Der Musiker kommuniziert mit seinen Mitmenschen in einer Form der (nichtsexuellen) physischen Distanzlosigkeit, von der die meisten peinlich berührt sind. Am liebsten würde Helfgott die ganze Welt umarmen. Mit seiner Musik ist er dazu schon auf dem besten Wege.

Der Trailer zum Film:
www.youtube.com/watch?v=0RP23HVocoM

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