Literatur

Gefühle und Zustände

»Du konntest, sagt sie, schon immer Geschichten erzählen.« Sie, das ist die Mutter der Geschichtenerzählerin und Buchautorin Lena Gorelik. Die Schriftstellerin, Journalistin und Essayistin verhandelt in Alle meine Mütter nicht nur die (besondere) Beziehung zwischen Tochter und Mutter; sie schreibt über alle Frauen, »die Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen«.

Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft in allen Konstellationen, die damit verbundenen Herausforderungen: Lena Gorelik entfaltet sie beinahe alle. Virtuos stellt sie sich gesellschaftspolitischen wie philosophischen Fragen, verbindet autobiografische, essayistische und dokumentarische Passagen.

Persönliche Erfahrungen und Erinnerungen – etwa an das Asylantenwohnheim

Persönliche Erfahrungen und Erinnerungen – etwa an das Asylantenwohnheim, in das die russisch-jüdische Familie nach ihrer Einwanderung als Kontingentgeflüchtete 1992 kam – verwebt sie mit Betrachtungen über Rollenbilder, Erwartungen und Zuschreibungen, mit Recherchen und statistischem Material, etwa zur Praxis von Schwangerschaftsabbrüchen in der Sowjetunion, und ergänzt sie durch hypothetische Entwürfe, in denen mögliche Identitäten imaginiert werden.

»Sie konnte Olga heißen, Natascha, Irina. Sie konnte Marina heißen oder Mascha, Maschenka, Maschutka. Maschutka, so hat ihre Mutter sie früher genannt.« Immer wieder richtet Lena Gorelik den Blick auf Gefühle und Zustände, die viele Mütter, Töchter und Enkelinnen – ebenso wie Väter, Söhne und Enkel – kennen: Verletzungen, Scham und Schuld, Abnabelung und Verbundenheit, Liebe.

Zugleich reflektiert sie die Gleichzeitigkeit ihrer eigenen Rollen als Tochter und als Mutter: »Ich schreibe dies nicht für meine Mutter. Auch nicht für meine Kinder. Obwohl ich als Tochter schreibe, als Mutter, in aller Verwundbarkeit, die in diesen Rollen steckt. Ich lege sie aus wie Pflastersteine. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mutter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.«

Auch ihren intensiven Schreibprozess macht Gorelik transparent: die Suche nach Worten in der Auseinandersetzung mit der Krankheit ihrer Mutter. Sie fragt nach dem Leben, den Träumen der Mutter, immer im Bewusstsein dessen, was Sprache tragen kann und was ihr entgleitet. Es sind Sätze wie diese, die im Gedächtnis bleiben: »Ich bin wie meine Mutter geworden, stelle ich fest, aber ohne zusammenzuzucken.«

Lena Gorelik: »Alle meine Mütter«. Roman. Rowohlt, Hamburg 2026, 272 S., 24 €. Die Autorin wird auf der Leipziger Buchmesse mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet.

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