Sprachgeschichte(n)

Ganz schön kess

»Ich bin die kesse Lola«: Marlene Dietrich in »Der blaue Engel« Foto: cinetext

»Ich bin die kesse Lola, der Liebling der Saison«, sang Marlene Dietrich in Joseph von Sternbergs Filmklassiker Der blaue Engel 1930 und machte damit das Modewort der 20er-Jahre unsterblich. Seine Bedeutungsvielfalt und Unschärfe machen den Reiz dieses Adjektivs aus. Redensartlich sind die Phrasen »eine kesse Sohle aufs Parkett legen« und »eine kesse Lippe riskieren«. Hermann Kesten nannte seinen Schriftstellerkollegen Alfred Döblin »halb kess, halb profund«. Auch Sexuelles kann gemeint sein: Jody Skinners Lexikon mit Ausdrücken für Schwule, Lesben und Homosexualität von 1997 heißt Warme Brüder, kesse Väter.

Der Große Duden von 1934 wies dem Wort »kess« zwei Bedeutungen zu – »dreist« und »schneidig-frech« – und klassifizierte es als »berlinisch-volkstümlich«. Tatsächlich aber ist der Begriff jüdischen Ursprungs. Im Rotwelschen, dem alten Idiom der Gauner, Dirnen und Vagabunden, das seine Sprecher »Chessenloschen« nannten, ist »kess/chess« seit 1807 belegt, als Codewort für klug: Chess ist der jiddische Name für die hebräische Letter Chet, den Anfangsbuchstaben des Ausdrucks chochem, der einen weisen, schlauen Menschen bezeichnet.

»geheimes jüdisch« Den Nazis war das zu kess. Der Germanist Alfred Götze geiferte 1936 in einem Aufsatz »›Kess‹ und die Abkürzungssprache« erschienen in der Zeitschrift Muttersprache des Deutschen Sprachvereins: »Es ist (des Deutschen) nicht würdig, seinen Wortschatz aus dem Ghetto zu beziehen und aus der Kaschemme zu ergänzen.« Sein Kollege Ewald Geissler sprach 1937 auf der Pfingsttagung des Sprachvereins gar von der Sprachpflege als Rassenpflicht: »Wir werden auch fertig werden mit dem Deutsch, das geheimes Jüdisch war.«

Er hat zum Glück nicht recht behalten. Götze und Geissler sind vergessen. Kess lebt. Das Duden-Universalwörterbuch von 2006 führt den Begriff auf, im Sinn von jung, hübsch und unbekümmert über frech-respektlos bis zu modisch-flott. »Ganz schön kess« seien neugeschlüpfte Pelikanjunge im Zoo, vermeldete die Kölner Boulevardzeitung »Express« vor einiger Zeit. Als »kess« lobte die Berliner »B.Z.« im Januar eine »Deutschland sucht den Superstar«-Teilnehmerin, die Juror Dieter Bohlen über den Mund gefahren war. Und Panikrocker Udo Lindenberg gratulierte, als ihm 2010 der Jacob-Grimm-Preis verliehen wurde, weil er sich »im besonderen Maße um die Anerkennung, Weiterentwicklung und Pflege des Deutschen als Kultursprache« verdient gemacht habe, der Jury »zu dieser kessen Entscheidung«.

Christoph Gutknecht ist Autor des Buchs »Lauter böhmische Dörfer: Wie die Wörter zu ihrer Bedeutung kamen« (C. H. Beck 2009).

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026

Kalifornien

Israelischer Schauspieler Guy Kapulnik stirbt bei Flugzeugabsturz

Parallel zur Schauspielerei entwickelte sich das Fliegen zu einem zentralen Bestandteil seines Lebens

 30.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  29.09.2026

Hard-Rock-Legenden

Kiss feiern 50 Jahre »Rock and Roll Over«

Eine umfangreiche Neuauflage des Albums kommt. Was ist enthalten?

 29.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Geburtstag

Streitbare Mahnerin: Lea Rosh wird 90 Jahre alt

Ihr Name ist eng verbunden mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Schon früh beschäftigte sich die Journalistin Lea Rosh mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Am Donnerstag wird sie 90 Jahre alt

von Birgit Wilke  29.09.2026

Die frühere rbb-Intendantin Patricia Schlesinger

Berlin

Strafprozess gegen Ex-RBB-Intendantin Schlesinger

Im Sommer 2022 erschüttert der RBB-Skandal den öffentlich-rechtlichen ARD-Sender. Der Fall beschäftigt auch die Justiz. Nun soll es wegen Untreue-Vorwürfen zum Prozess kommen.

 29.09.2026

Berlin

CDU-Kulturexperte schlägt Wolf Biermann für Nobelpreis vor

»Biermanns Werk, seine poetische Stimme stehen für die Unantastbarkeit individueller Freiheit als Würde des einzelnen Menschen bis heute«, schreibt Uwe Lehmann-Brauns zur Begründung

 29.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026