Brasilien

»Für ein gebildetes Volk«

Erziehung als Ideal: Oded Grajew vor dem Weltsozialforum 2009 Foto: JA

Brasilien

»Für ein gebildetes Volk«

Der Unternehmer Oded Grajew hat das Weltsozialforum aufgebaut

von Klaus Hart  25.07.2011 19:17 Uhr

Von seinem Büro im 14. Stock eines Geschäftshochhauses blickt er über das Betonmeer der Megacity Sao Paulo, Wirtschaftslokomotive und Kulturhauptstadt Lateinamerikas zugleich, geprägt von irrwitzigen, elektrisierenden Widersprüchen.

kontraste Hier wüten Todesschwadronen, hier wird tagtäglich in Polizeiwachen und Gefängnissen gefoltert, und hier beherrscht das organisierte Verbrechen einen Großteil der über 2.000 von Lepra und Tuberkulose gezeichneten Slums, die nicht selten direkt an von hohen Mauern umgebene Reichenviertel grenzen.

Doch Sao Paulo ist tatsächlich die reichste lateinamerikanische Stadt, hier wohnen die meisten der Menschen, die man zur Elite zählt, und Oded Grajew ist einer davon. Er leitet das von Unternehmern getragene Ethos-Institut, das sich für Wirtschaftsethik und soziale Verantwortung starkmacht.

Viele Bessergestellte verdrängen die sozialen Widersprüche Brasiliens, Odd Grajew hingegen wirkt wie ein Seher. Der 65-Jährige, dessen Stimme sehr leise ist, lacht beim Gespräch verschmitzt: »Ausgerechnet ich, der Unternehmer, Wirtschaftsführer, sozusagen einer von der Gegenseite, habe dieses Weltsozialforum geschaffen, woraus in zehn Jahren eine globale Zivilgesellschaft entstanden ist.«

haufen Das Weltsozialforum wird in Medienberichten gerne als alternativ-bunter Haufen von wenig tiefgründigen, aber wortradikalen Weltverbesserern belächelt. Aus aller Welt kämen da Spinner zum gemeinsamen Camp zusammen. Gegen diesen oberflächlichen Eindruck erinnert Grajew daran, dass beim Klimagipfel in Kopenhagen der Druck auf die Regierungen just von den Mitgliedsorganisationen des Weltsozialforums kam.

»2001 gingen Millionen in Deutschland und Frankreich gegen eine Beteiligung am Irakkrieg auf die Straßen – worauf die Regierungen nachgaben. Vielen Deutschen und Franzosen wurde so das Leben gerettet. Die Proteste waren beim Weltsozialforum in Porto Alegre artikuliert worden.« Außerdem, führt Grajew ein weiteres Beispiel an, hätten nicht wenige Länder die Wirtschafts-und Finanzkrise besser überstanden, weil sie Ideen des Forums gefolgt seien und beispielsweise den Finanzsektor und den Binnenmarkt besser kontrollieren.

Grajew ist überzeugt davon, dass das Weltsozialforum große und positive Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen hat. Und wo das nicht geschehe, liege es daran, dass die Idee des Sozialforums noch nicht erfolgreich genug sei. »Das politische System ist verfault – keineswegs nur hier in Brasilien –, und die Zivilgesellschaft müsste eingreifen, um echte, wahre Demokratie durchsetzen.«

Wie Grajew die Dinge sieht, reicht es nicht, nur Regierungen auszuwechseln, da diese im System gefangen bleiben und sich stets ökonomischer Macht unterwerfen. »Kopenhagen ist gescheitert, weil sich die Regierenden nicht gegen jene stellen wollen, die ihre Wahlkampagnen finanzieren und als deren Interessenvertreter sie sich verstehen.« Die Öl- und Autoindustrie beispielsweise wolle nun einmal Regierungen, die das jetzige zerstörerische System der Mobilität beibehielten.

Dann wird Oded Grajew bitter: »Waffenverkäufer wollen Regierungen, die Kriege machen – 95 Prozent des weltweiten Waffenhandels werden von Herstellerländern getragen, die dem UNO-Sicherheitsrat angehören!« Dass sich Politik und Politiker ökonomischer Macht unterwerfen, nennt er ein Krebsgeschwür, das zum Ende der Menschheit führen könne.

antisemitisch Hat sich Grajew daran gewöhnt, selbst in seinen Elitekreisen immer wieder hart bekämpft zu werden, auf ungezählte Missverständnisse zu stoßen? Auf diese Frage antwortet er mit einer Geschichte: Einmal rückte eine Delegation von Repräsentanten der jüdischen Gemeinden bei ihm an und nannte das Weltsozialforum antisemitisch, weil dort Israel kritisiert und ein Palästinenserstaat gefordert wurde.

Er antwortete: »Ich bin in Israel geboren und will diesen Staat auch, wie so viele andere Juden.« Sein Blick auf die Welt ist ein anderer: Der brasilianischen Wirtschaftselite wirft Grajew vor, falsch zu handeln – gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen, sogar die ganz persönlichen Interessen: Unternehmer finanzieren den Politikern zwar die Wahlkampagnen, fordern aber, was sich besonders verheerend auswirkt, kein besseres Bildungswesen ein.

Nach Pisa-Kriterien müssen rund 60 Prozent der Brasilianer als funktionale Analphabeten gelten. Das bewirkt mehr Gewalt und mehr Arbeitslosigkeit. Und es bewirkt, dass sich Bessergestellte gezwungen wähnen, in Privilegiertenghettos zu wohnen, hinter hohen Mauern und mit Privatpolizei.

bildung »Dieses Volk nicht zu bilden, ist ein regelrechtes politisches Projekt des reaktionären Teils der Elite, um die Leute besser manipulieren zu können«, schimpft Oded Grajew ganz und gar nicht wie ein Unternehmer. »Denn ein gebildetes Volk würde soziale Forderungen stellen, die überbordende Korruption der Regierenden nicht hinnehmen, wäre nicht so passiv und apathisch.«

Der progressive Teil der Eliten leide unter einem ungebildeten Volk, meint Grajew. »Unsere Elite ist gespalten – ich arbeite dafür, den fortschrittlichen Flügel zu stärken.« Insofern ist Oded Grajew, der Mann, der das Weltsozialforum stützt, dann doch wieder ein richtiger Unternehmer. Nur einer, der langfristig denkt.

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