Herr Brenner, Sie haben vor Kurzem einen Text in der »FAZ« unter dem Titel »Jüdische Arier?« veröffentlicht. Es geht um den Umgang des NS-Regimes mit Menschen, die zum Judentum konvertiert waren. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Es hat mich schon sehr lange interessiert, und ich hatte auch eine Doktorandin für die Erforschung gefunden, aber die Dissertation kam leider nicht zustande. Dann merkte ich, dass niemand dieses Thema wirklich angeht. Der bekannteste Fall ist Paula Buber, die Frau des Religionsphilosophen Martin Buber, sie ist 1934 orthodox ein zweites Mal zum Judentum übergetreten. Ich kannte außerdem als Kind in der Jüdischen Gemeinde Weiden, wo ich aufgewachsen bin, eine Frau, die nach dem Krieg aus Israel zurückkehrte und ebenfalls wegen ihrer Heirat zum Judentum konvertiert war. Das Thema hat mich also als Forscher interessiert, aber auch persönlich.
Zurück zu Paula Buber. Sie war ja schon 1907 nach liberalem jüdischem Ritus konvertiert. Ein besonders interessanter Fall …
Ja, weil sie zweimal konvertiert ist und dann mit ihrem Mann nach Palästina gegangen ist. Ob die orthodoxe Konversion mit ihrer Auswanderung zu tun hatte oder auch einfach noch einmal ein Bekenntnis war, weiß ich nicht. Sie wurde übrigens 1935 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen – aber nicht wegen ihres Übertritts zum Judentum, sondern weil sie »jüdisch versippt« war.
Also wegen ihres Mannes.
Genau. Natürlich wird Paula Buber in jeder Martin-Buber-Biografie kurz erwähnt, aber eine systematische Forschung über das Schicksal von Konvertitinnen und Konvertiten während der NS-Zeit gibt es nicht.
Ich dachte immer, dass Menschen, die während der Nazizeit zum Judentum konvertiert sind, als »Geltungsjuden« angesehen und genauso verfolgt worden seien wie gebürtige Juden. Aber offenbar gab es keine einheitliche Linie?
In der Regel haben sich die Nazis an die von ihnen selbst aufgestellten Gesetze gehalten, also an die Nürnberger Gesetze zum Beispiel. Gemäß diesen »Rassegesetzen« waren Konvertiten zum Judentum »Arier«. Hingegen galten alle, die christlich getauft, deren Großeltern aber alle jüdisch waren, im Nazijargon als »Volljuden«. Es gab keine einheitliche Nazipolitik gegenüber Konvertiten zum Judentum. Einige wurden tatsächlich deportiert und ermordet. Besonders gefährdet waren die, die sich auch politisch betätigt haben. Jedenfalls ist klar, dass die gesamte Personengruppe unter ständiger Beobachtung durch das Regime lebte.
Konversionen während der NS-Zeit wurden also anders gewertet als Fälle, in denen die Großeltern konvertiert waren?
Die Nürnberger Gesetze besagten: Entscheidend sind die Großeltern. Es gab aber nicht sehr viele Fälle, wo schon die Großeltern konvertiert waren, weil diese Konversionen im Prinzip erst im Kaiserreich so richtig anfingen. Wenn aber ein Großelternteil konvertiert war und Mitglied der jüdischen Gemeinde, dann wurde dieser Großelternteil als jüdisch gewertet, weil für die Nürnberger Gesetze am Ende nur die Gemeinde- und Religionszugehörigkeit der Großeltern zählte.
Was – als ob das einmal mehr nötig wäre – die Unsinnigkeit dieser »Rassegesetze« beweist. Gibt es denn Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland nach 1933 noch zum Judentum konvertiert sind?
Es gibt keine genauen Zahlen, aber es gab vereinzelte Fälle. Und auch Diskussionen in den Gemeinden und unter Rabbinern: Was sie denn mit diesen Leuten machen sollen? Man war da natürlich reserviert. Einerseits, weil man wusste, dass die Betroffenen unter besonderer Beobachtung standen, aber auch, weil man in manchen Fällen gefürchtet hat, dass die Menschen die Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Gemeinden in Anspruch nehmen würden. Es gibt auch Fälle, in denen die Eltern ihre Kinder aus »Mischehen« konvertieren wollten, weil sie sich dadurch größere Chancen für eine Auswanderung aus Deutschland im Rahmen der Kindertransporte erhofften.
Vor der Zeit des Kaiserreichs war die Konversion zum Judentum kaum üblich, weil sie politisch und von den Kirchen nicht gewünscht war. Welche Rolle spielt die Zivilehe, die in Deutschland erst 1875 eingeführt wurde?
Die Zivilehe machte es für interkonfessionelle Paare leichter, auch ohne Konversion zu heiraten. Anders dagegen in Österreich, wo es bis 1938 nur die sogenannte »Notzivilehe« gab, die interkonfessionelle Heiraten erschwerte und Konversionen begünstigte.
Wie viele Übertritte zum Judentum gab es danach? Sie nennen eine Schätzung, dass in Wien zwischen 1918 und 1937 etwa 7000 Menschen zum Judentum konvertiert sein sollen …
Die Zahl stammt aus einer Studie von Anna Staudacher. Österreich ist ein eigenes Kapitel, weil es dort eben keine reguläre Zivilehe gab. Das Interkonfessionelle Gesetz von 1868 ermöglichte aber den Übertritt zu einer anderen Religionsgemeinschaft und damit auch zum Judentum – ein Akt, der vorher noch strafbar war. Für Deutschland spricht das jüdische Lexikon von 1927 von etwa 200 bis 400 Konversionen zum Judentum pro Jahr. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Deutschland zwischen 1870 und 1933 von bis zu 10.000 Konversionen zum Judentum ausgehen können. Aber das sind nur Schätzungen. Zu den Konvertiten zählten übrigens auch sogenannte Revertiten, also Menschen, die als Juden geboren waren, sich christlich taufen ließen und schließlich wieder ins Judentum eingetreten sind.
Können Sie uns bekannte »Revertiten« nennen?
Zum Beispiel den Komponisten Arnold Schönberg. Er wurde 1874 in Wien als Jude geboren und wurde 1898 Protestant. Anfang der 1920er-Jahre, nachdem er in einem Hotel in Österreich nicht als Gast zugelassen worden war, hat er sich wieder zu seinem Judentum bekannt, wenn man so will, als Reaktion auf den Antisemitismus. Schönberg ist 1933 in Paris zu einem Rabbiner gegangen und offiziell, obwohl man das als Jude eigentlich gar nicht braucht, wieder ins Judentum eingetreten – und hat dafür noch einen berühmten Zeugen mitgebracht: Marc Chagall. Auch der Bestsellerautor Emil Ludwig ist einen ähnlichen Weg gegangen.
In Würzburg lebte bis zu den 40er-Jahren das Ehepaar Ernst und Franziska von Manstein. Beide waren Ende des 19. Jahrhunderts aus religiöser Überzeugung zum Judentum übergetreten. Wie ist es ihnen in der NS-Zeit ergangen?
Franziska Manstein ist 1941 gestorben. Ernst von Manstein ist nicht deportiert worden, weil er trotz seiner Konversion als Arier galt. Dennoch wurde er in ein »Judenhaus« gebracht. Nachdem er schon Witwer war, wurde dann Druck auf ihn ausgeübt, offenbar, damit er die Konversion zum Judentum zurücknahm. Jedenfalls haben die Nazis ihn 1944 nach seinem Tod auf dem christlichen Friedhof und angeblich mit der Hakenkreuzfahne beerdigt. Sein Familienname hatte Klang, denn sein Neffe Erich von Manstein war einer der ranghöchsten Generäle der Wehrmacht, er wurde während der Einkesselung von Stalingrad zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Don ernannt. Diesen Namen wollten die Nazis für sich reklamieren.
Und nach dem Krieg?
David Schuster, der damalige Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken, hat sich sehr für diesen Fall eingesetzt. 1960 wurde Ernst von Manstein auf den jüdischen Friedhof umgebettet. Das Interessante ist, dass das Ehepaar Manstein wohl orthodox gelebt hatte und Ernst von Manstein in der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Kunst unterrichtet hat. Es gibt von ihm auch noch ein paar Bilder, die er gemalt hat.
Wie viele Fälle kennen Sie noch?
In Würzburg etwa vier bis fünf, und wahrscheinlich gab es sie in jeder größeren Gemeinde. Es gab auch Konflikte zwischen lokalen Nazis und den Reichsinstitutionen, wie der NSDAP-Parteizentrale in Berlin, um das Eigentum von Konvertiten. In Würzburg etwa lebte ein Gestapo-Beamter, der wollte die Betroffenen auswandern lassen, um so auf ihr Vermögen zuzugreifen. Manchmal kam es zum Konflikt mit der Parteizentrale, die argumentierte: »Die sind aber Arier.« Es war sehr verwirrend, weil diese Menschen in keine Kategorie passten. Sie waren Mitglieder der jüdischen Gemeinden und gleichzeitig nach den NS-»Rassegesetzen« auch Arier. Für die Nazis durfte es diese »arischen Juden« eigentlich gar nicht geben.
Die Motive für eine Konversion zum Judentum haben sich nach 1945 sehr geändert. Abgesehen von Menschen, die weiterhin aus religiösen Gründen und/oder wegen ihrer Lebenspartner zur jüdischen Religion übertraten, kamen welche dazu, die lieber »Opfer« statt »Täter« sein wollten oder sich nicht als Nachkommen von Tätern definiert sehen wollten. Dazu gibt es aber schon einiges an Forschung …
Dazu gibt es vor allem das Buch von Barbara Steiner »Die Inszenierung des Jüdischen. Konversionen zum Judentum in Deutschland nach 1945«. Ich will nicht sagen, dass es da nichts mehr dazu zu forschen gäbe, aber das Thema ist weitaus besser erforscht als Konversionen zum Judentum vom Kaiserreich bis zum Dritten Reich.
Was wäre Ihr Wunsch, wie es mit der Forschung über frühere Konversionen weitergeht? Suchen Sie nach einer neuen Doktorandin?
Nein. Nachdem ich das lange genug getan habe, würde ich dieses spannende Thema gerne selbst weiter erforschen. Dann können wir uns in ein paar Jahren noch einmal über die Forschungsergebnisse unterhalten.
Mit dem Münchner Historiker sprach Ayala Goldmann.
