Literatur

Frühe Werke und junge Liebe

Frisch gebackener Starautor: Salinger 1952 Foto: imago

Literatur

Frühe Werke und junge Liebe

Neue Bücher von und über Jerome D. Salinger

von Reinhard Helling  19.12.2014 16:31 Uhr

Seit Jerome David Salinger 2010 starb, ist der Autor des Kultromans Der Fänger im Roggen präsenter als zu Lebzeiten, als er in Cornish, New Hampshire, ein Einsiedlerleben führte und literarisch schwieg. Ständig tauchen neue Briefe von Salinger auf, werden Bücher über ihn geschrieben, Filme gedreht.

Noch bevor 2015 in den USA erste neue Storys über seine literarischen Familien Caulfield und Glass aus dem Nachlass ans Licht kommen, erscheinen in Deutschland im Frühjahr vier neue Bücher von und über Salinger: drei frühe Geschichten aus der Zeit vor dem Fänger im Roggen, ein Roman über seine Liebschaften, die Erlebnisse einer Frau, die für Salingers Agenten gearbeitet hat, sowie eine Dokumentation mit über 100 teils unbekannten Fotos.

kurzgeschichten
Bei den Geschichten in Die jungen Leute, die im März bei Piper herauskommen, handelt es sich um die deutsche Erstveröffentlichung von drei Frühwerken, die ein US-Kleinverlag »in literarischen Zeitschriften aus den 40er-Jahren entdeckt« haben will. Tatsächlich waren die Geschichten längst bekannt und von Literaturwissenschaftlern untersucht. Salinger wollte sie allerdings »eines natürlichen Todes« sterben lassen. Doch die Verleger Tom Graves und Darrin Devault fanden heraus, dass der Autor versäumt hatte, für diese Publikationen sein Copyright anzumelden. Und so konnte ihr Verlag sie unter dem Titel Three Early Stories herausbringen.

»The Young Folks«, die Auftaktgeschichte, erschien erstmals Anfang 1940 in Whit Burnetts Magazin »Story«. Darin schildert Salinger eine New Yorker Party voller ketterauchender Teenager, darunter Edna Phillips und William Jameson. Von der Gastgeberin miteinander bekannt gemacht, können sie aber nichts miteinander anfangen: »Wudga say?« raunen sie oder »I’ll tell ya«.

Der damals 21-jährige Autor war zu der Zeit Student an der Columbia University und bekam für sein Debüt 25 Dollar. Im gleichen Jahr erschien in der »University of Kansas City Review« die Geschichte »Go See Eddie«, ebenfalls fast nur aus Dialogen bestehend. Bobby versucht darin, seine Schwester Helen, eine arbeitslose Tänzerin, zu einem Job in einer Show zu überreden und sich zwischen zwei Liebhabern zu entscheiden. »Once a Week Won’t Kill You« schließlich, 1944 wieder in »Story« erschienen, erzählt von einem Mann, der nach Europa in den Krieg ziehen soll. Während er packt, streitet er mit seiner Frau und verlangt von ihr, dass sie sich um die einsame Tante Rena kümmert.

Diese Geschichte hat Salinger als Soldat im britischen Devonshire geschrieben. Die drei Storys zeigen noch nicht die Meisterschaft wie in Franny und Zooey (1961), aber Salingers Vermögen, jugendliche Seelennöte in Worte zu fassen, blitzt hier schon auf.

erinnerungen Für Aufsehen sorgte in den USA auch Joanna Rakoff, die in Lieber Mr. Salinger Ende Februar bei Knaus ihre Erlebnisse als Angestellte der Literaturagentur Harold Ober schildert, die Privatsphäre und Werk des Schriftstellers beschützen half. Den Roman Oona & Salinger (ab März bei Piper) hat der bekennende Salinger-Fan Frédéric Beigbeder geschrieben.

Der Franzose fantasiert darin – auf der Basis von Tatsachen – über Salingers unerfüllte Liebe zu Oona O’Neill, der 16-jährigen Tochter des Dichters Eugene O’Neill (vgl. Jüdische Allgemeine vom 6. Oktober). Zu guter Letzt erscheint Anfang März bei Droemer Knaur Salinger. Ein Leben, die deutsche Ausgabe eines 900-Seiten-Buches, das ergänzend zu dem Film Salinger von 2013 erschien.

Die in der Tradition der Oral History montierte Doku von Shane Salerno und David Shields, in der Wegbegleiter sowie Freunde und Verwandte des Autors zu Wort kommen, beleuchtet erstmals Salingers Liebäugeln mit Jean Miller, die er 1949 als 14-Jährige in Florida getroffen hatte und die das Vorbild für das Chormädchen in der Geschichte Für Esmé – in Liebe und Elend gewesen sein dürfte.

Jerome David Salinger: »Die jungen Leute«. Übersetzt von Eike Schönfeld. Piper, München 2015, 96 S., 14,99 €

Joanna Rakoff: »Lieber Mr. Salinger«. Übersetzt von Sabine Schwenk. Knaus, München 2015, 304 S., 19,99 €

Frédéric Beigbeder: »Oona & Salinger«. Übersetzt von Tobias Scheffel. Piper, München 2015, 336 S., 19,99 €

David Shields/Shane Salerno: »Salinger. Ein Leben«. Übersetzt von Yamin von Rauch. Droemer Knaur, München 2015, 992 S., 34 €

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Bachmannpreis

250 Mal A und ein Abgang

Die Autorin Slata Roschal las aus ihrem Text »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet«, aber diskutiert wurde über etwas ganz anderes

von Katrin Richter  26.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  25.06.2026

Essay

Licht und Schatten

Unser Autor hat vor 38 Jahren die Videoskulptur »Menora/Inventur« geschaffen. Warum sein Kunstwerk demnächst in Prag zu sehen ist – nicht aber in einer Ausstellung in Karlsruhe

von Michael Bielický  25.06.2026

Kulturkolumne

Jenseits der Schlagzeilen – mit Davidstern in der U8

Wie mein Anhänger und ich in der berüchtigten Berliner U-Bahn-Linie auf dem Weg zur Arbeit ignoriert wurden

von Ayala Goldmann  25.06.2026

Welttournee

Ein Jahr nach seinem Tod: Lalo Schifrins letztes Werk geht auf Welttournee

In Erfüllung von Schifrins letztem Wunsch bringt der Komponist und Pianist Rod Schejtman eine Welttournee auf den Weg. Auch im deutschsprachigen Raum soll die Sinfonie »Long Live Freedom« live erklingen

 25.06.2026

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026