TV-Kritik

Allzu glatt

Hannah Arendt, 1930, »Denken ist gefährlich«, am Mittwoch (10.12.25) um 22:30 Uhr im ERSTEN.

Manchen gilt Hannah Arendt als »Denkerin der Stunde«. In dieser Lesart zeugen ihre Texte von einer »unheimlichen zeitgenössischen Relevanz«, was Themen wie Antisemitismus, Staatenlosigkeit oder Totalitarismus angeht. Der berühmte Satz von der »Banalität des Bösen« wird häufig zitiert - aber nicht unbedingt im Sinne der Autorin. Ein Effekt dieser Aktualität besteht darin, dass sich einige ihrer Schriften inzwischen auch im gängigen Sortiment von Buchhandlungen finden.

Auf den Film »Hannah Arendt: Facing Tyranny« von Jeff Bieber und Chana Gazit durfte man also gespannt sein, zumal die zweite Amtszeit von US-Präsident Donald Trump und die Entwicklung in Nahost durchaus Bezüge zum engeren Themenspektrum Arendts aufweisen. Das Erste zeigt die Doku am 1. Dezember um 23.35 Uhr; drei Tage vor dem 50. Todestag der Publizistin.

Hannah Arendt (1906-1975) gilt als Intellektuelle mit streitbaren Thesen, die Anteil an zentralen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts hatte - und auch selbst provozierte. Der Film macht aus ihrem Denken aber nicht viel mehr als einen illustrierten Lexikonartikel mit Laufbildern aus den Archiven, unterfüttert mit Statements von Fachleuten und der Stimme von Schauspielerin Nina Hoss.

Wie im Schulfernsehen

Wie im Schulfernsehen älteren Datums werden die Stationen der Biografie der Denkerin mit geschichtlichen Ereignissen verknüpft - was legitim ist, jedoch zu Trivialisierungen neigt. Etwas dergestalt, dass - just als Arendt 1924 in Marburg ein Studium der Philosophie, der Evangelischen Theologie und der Gräzistik aufnahm - weiter südlich der Aufstieg Adolf Hitlers begann.

Weitere Stationen, die abgehakt werden: die Affäre mit Martin Heidegger, Promotion über den Liebesbegriff bei Augustinus, Arbeit als Journalistin in Berlin. Beschäftigung mit Rahel Varnhagen von Ense und der »Judenfrage«, die Machtübernahme der NSDAP und das Versagen opportunistischer Intellektueller - wie Heidegger. Exil in Frankreich, Engagement in zionistischen Organisationen, die jüdischen Jugendlichen die Flucht nach Palästina ermöglichten, Inhaftierung, Immigration in die USA, Staatenlosigkeit. Der Israel-Palästina-Komplex, der Eichmann-Prozess, die Bürgerrechtsbewegung in den USA, der Vietnamkrieg und schließlich die »Watergate«-Affäre sowie der Rücktritt Richard Nixons 1974.

Aktuelle Bezüge bleiben Randnotizen

Nun ist der Versuch, eine Biografie nebst einer Vielzahl an Begegnungen mit Zeitgenossen sowie verschiedene Zeitströmungen filmisch auf rund 90 Minuten unterzubringen, an sich schon ein ambitioniertes Unterfangen. Aber dann soll es ja auch noch darum gehen, Arendts »gefährliches Denken« auf aktuelles Geschehen zu beziehen. Das gelangt nicht über Fußnoten hinaus, wenn es etwa heißt, dass die derzeitige Gefährdung der US-amerikanischen Demokratie von der Exekutive ausgehe.

Lesen Sie auch

Was den Film, abgesehen von der etwas überfrachteten Tonspur mit vielen kurzen Off-Kommentaren, dagegen ernsthaft beschädigt, ist das Beharren auf einem »Flow« in der Montage. Hier wechseln sich stimmige Dokumente aus dem Archiv mit Material ab, das scheinbar wahllos aus unterschiedlichsten Kontexten herausgerissen wurde. Das kann abstrakt ausfallen, wenn der Antisemitismus in Frankreich nach 1933 mit zwei Besucherinnen eines Pariser Cafés illustriert wird.

Propaganda-Bilder mittendrin

Unangenehmer wird es, wenn die Auswahl der Bilder chronologisch nicht eindeutig situiert ist, sondern gänzlich unhistorisch als Illustration dient - oder Bilder aus dem NS-Propagandafilm »Der ewige Jude« plötzlich und unkommentiert in den Bilderfluss montiert werden. Wie unproduktiv dieses Vorgehen ist, wird besonders deutlich, wenn längere Ausschnitte aus dem Gespräch zwischen Hannah Arendt und Günter Gaus von 1964 ungleich mehr Intensität entfalten.

»Hannah Arendt - Denken ist gefährlich« kann als erste Begegnung mit dieser schillernden Figur der Zeitgeschichte als Einführung dienen. Zugleich muss der Film aber kritisch auf sein eigenes Vorgehen hin befragt werden, der das »streitbare und gefährliche Denken« in einen marktkonformen »Flow« überführt, der irritierend gefällig wirkt.

»Hannah Arendt - Denken ist gefährlich«, Regie: Chana Gazit und Jeff Bieber. Das Erste, Mo 1.12., 23.35 - 1.05 Uhr

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  20.06.2026

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Fußball

»Ich weiß, wer Weltmeister wird«

Uri Geller über die Weltmeisterschaft, den Gewinner des Turniers und seinen fatalen Einfluss auf einen verschossenen Elfmeter bei der EM 1996

von Detlef David Kauschke  19.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Sein Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  19.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026