Jerusalem

Freundschaft macht schön

»Man weiß zu wenig voneinander«: bei der Premiere von »Sipurei Safta« Foto: Katharina Höftmann Ciobotaru

Neun Großmütter sitzen auf der Bühne in Jerusalem, schnippeln Salat, rühren Tahini an, und dabei plaudern sie. Erzählen Geschichten aus ihrer Kindheit, aus ihrem Leben. Von Kriegen und Geburten, von Ehemännern, die man erst bei der Hochzeit traf. Dazwischen massieren sie einander, tanzen und singen.

Sind mal ausgelassen, mal nachdenklich, mal fröhlich, mal traurig. Sie sprechen über Freundschaften, darüber, dass ein Treffen mit Freundinnen einen schöner macht als ein Termin bei der Kosmetikerin. Sie schreien wütend gegen Gewalt an, Gewalt, die ihr aller Heimatland allzu oft als Geisel nimmt.

Und sie erinnern sich an den Sechstagekrieg, der ihre Heimatstadt Jerusalem komplett veränderte. Irgendwann probieren sie den Kuchen, den eine von ihnen gebacken hat, und plötzlich gibt es einen großen Aufschrei: »Der Kuchen ist mit Whiskey?

Das ist haram! Wisst ihr denn nicht, dass Alkohol bei uns verboten ist?« »Wisst ihr denn, was wir an Pessach genau essen dürfen und was nicht?«, rufen die anderen zurück, und in einer kurzen Szene hat das Theaterstück Sipurei Safta (zu Deutsch: »Omas Geschichten«) einen der großen Konflikte zwischen arabischen und jüdischen Israelis aufgebrochen: Man weiß einfach zu wenig voneinander.

HOFFNUNG Für Adina Tal, Regisseurin und kreativer Kopf hinter der Idee, muslimische und jüdische Frauen auf eine Bühne zu stellen und aus ihrem Leben erzählen zu lassen, war genau das der spannende Aspekt: »Ich wollte unbedingt etwas von Bedeutung machen und Frauen eine Bühne geben, weil ich glaube, dass gerade Frauen die Stärke haben, Veränderungen herbeizuführen und Hoffnung zu bringen. Und dass gerade die älteren sehr viel Spannendes zu erzählen haben. Damit hatte ich auch recht, aber ich habe nicht geahnt, wie schwierig es wirklich sein würde, dieses Stück auf die Beine zu stellen.«

Dabei hat Tal viel Erfahrung in dem Metier: Sie hat jahrelang als Regisseurin und Schauspielerin gearbeitet und in Israel mit »Nalagaat« das erste professionelle Theater für blinde und gehörlose Schauspieler weltweit gegründet. Ihr Stück Nicht vom Brot allein, in dem blinde und gehörlose Schauspieler Einblicke in ihren Alltag geben, ist nicht nur preisgekrönt, es wurde auch überall auf der Welt gespielt.

Aber Koexistenz-Projekte sind nicht immer einfach zu bewerkstelligen in Israel. Der Umgang mit den vielen Empfindlichkeiten gleicht oft einem Eiertanz. Erst recht in Jerusalem, denn die in Ost-Jerusalem lebenden Araber fühlen sich meist mehr als Palästinenser denn als Israelis.

»Es gibt Koexistenz-Projekte, ja, das stimmt. Man lernt zusammen, kocht zusammen – aber man geht eben nicht gemeinsam an die Öffentlichkeit. Wir wollten aber, dass unsere Schauspielerinnen auf die Bühne gehen. Und das wurde oft torpediert.«

Neben der fehlenden Bereitschaft von vielen Palästinensern, in der Öffentlichkeit mit jüdischen Israelis zusammenzuarbeiten, kamen auch Einwände aus Gründen der Traditionen dazu: Dass eine arabische Oma auf einer Bühne stehen soll, ging vielen Ehemännern und Söhnen gewaltig gegen den Strich. Und so ist es bezeichnend, dass fast alle der neun Frauen, die Adina Tal am Ende für ihr Projekt gewinnen konnte, verwitwet oder geschieden sind.

Doch auch kulturelle Unterschiede bei der Einhaltung von Probenzeiten, altersbedingte Konzentrationsschwierigkeiten und Sprachbarrieren haben die Arbeit nicht gerade erleichtert. Obwohl die arabischen Frauen − die meisten von ihnen hat Adina Tal am Ende mithilfe ihres arabischen Zahnarztes außerhalb von Jerusalem in dem Dorf Abu Gosh gefunden − natürlich alle eigentlich Hebräisch sprechen.

MUTTERSPRACHE Auf der Bühne erzählen und singen die Frauen in ihren jeweiligen Muttersprachen. Untertitel, an die alte Steinwand des wunderschönen Khan-Theaters geworfen, sorgen dafür, dass das Publikum alles versteht. Aber vieles funktioniert, auch ohne dass man alles versteht. Vor allem die Musik: Wenn die Frauen singen, begleitet von einem jungen Mann, der orientalische Instrumente wie Oud und Kanun spielt, bleibt kein Auge trocken.

Die meisten ihrer arabischen Darstellerinnen fand Regisseurin Adina Tal in Abu Gosh.

Adina Tal, die das Projekt mithilfe der jungen arabischen Regisseurin Fulla Jubel und ihrer eigenen Jugendfreundin Michal Elbaz betreut hat, ist die emotionale Wirkung ihres Stücks und ihrer besonderen Schauspielerinnen bewusst. Ebenso die Authentizität und das Potenzial – dass einige der Darstellerinnen, die immerhin zwischen 61 und 84 Jahre alt sind, schon mal den Text vergessen oder kurz durcheinandergeraten, macht das Ganze nur umso echter und rührender.

KOOPERATION Die Premiere in Jerusalem war am 3. März, kurz bevor in Israel auch alle Theater wegen des Ausbruchs des Coronavirus geschlossen wurden. Da überall auf der Welt Kulturprojekte erst einmal auf Eis gelegt worden sind, weiß Tal im Moment nicht, wie es mit »Omas Geschichten« weitergehen soll. Mitfinanziert durch die Soroptimist International of Europe und in Kooperation mit dem Verein Kulna fühlte sich Adina Tal mit dem Projekt eigentlich gut aufgestellt. Sie und ihr Ensemble freuten sich nach anderthalb Jahren Proben nicht nur auf zahlreiche Vorstellungen in Jerusalem und Israel, sondern möglichst auch in Europa und den USA.

Aber auch wenn sie im Moment nicht genau weiß, wie es weitergeht – allein für die Freundschaften, die zwischen den muslimischen und jüdischen Darstellerinnen entstanden sind, hat sich die Arbeit für Adina Tal gelohnt. Dass sich hinter der Bühne Menschen nahegekommen sind, die sich ohne das Projekt wahrscheinlich niemals getroffen hätten, spürt man auch auf der Bühne.

Die Frauen herzen und widersprechen einander, wie es nur echte Freundinnen können. Und dann gibt es noch diesen einen besonders berührenden Moment im Stück, als eine der Schauspielerinnen mitten auf der Bühne steht und sagt: »Ich habe einen Traum, dass wir Flügel haben und die ganze Welt sehen, ohne Grenzen.« Man wünscht den Großmüttern von Jerusalem nichts mehr, als dass ihre Träume nach der Corona-Krise wieder volle Fahrt aufnehmen.

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