Bei Flucht nach 1933 aus Nazideutschland denkt man an Paris oder an das Dorf Sanary-sur-Mer nahe Toulon mit all den Autoren, die sich dort kurz oder länger aufhielten, von Lion Feuchtwanger über Franz Werfel bis Thomas Mann. Vielleicht fallen einem auch Amsterdam ein oder Prag. Aber der Balkan? Oder genauer: Zaton Mali? Wer kann diesen Ort am Meer verorten? Antwort: Er liegt etwas nördlich von Dubrovnik – und war in den 30er-Jahren auch Zufluchtsort vieler Exilanten. So wie Belgrad oder Zagreb.
Kaum beschrieben ist die Flucht ab 1933 nach und durch Südosteuropa. Dabei flohen mindestens 55.000 Exilanten allein nach Jugoslawien. Sie wollten in der Regel weiter, nach Übersee oder Palästina.
Diese geschichtliche Lücke füllt nun die Münchner Osteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic. Sie veröffentlichte 2015 eine Weltgeschichte des Balkans und zeichnete darin 500 Jahre Geschichte nach, von Wirtschaft über Konfessionen, Krisen und Kriege, Nationalismen und Extremismen, die Totalitarismen im 20. Jahrhundert bis zum Versuch, nach 1990 liberale Zivilgesellschaften aufzubauen einschließlich des grausigen jugoslawischen Bürgerkriegs.
In Kladovo am »Eisernen Tor« an der Donau wurde ein Schiff mit Hunderten Juden an Bord, die nach Palästina wollten, gestoppt. Alle kamen um.
Jetzt schildert sie nicht nur eine Odyssee, sondern viele Odysseen, kaum bis gar nicht bekannte Treibgutbiografien, Flucht-Unternehmungen, die in erschütternd vielen Fällen fatal scheiterten. Etwa in Kladovo am »Eisernen Tor« an der Donau, wo ein Schiff mit Hunderten Juden an Bord, die nach Palästina wollten, gestoppt wurde, sie harrten aus und kamen alle um; heute ist dort ein Mahnmal zu sehen.
Das ist aufschlussreich, individuell oft bedrängend bis tragisch und gut geschrieben. Und es ist profund recherchiert – Calic arbeitete sich durch Materialien, die zu einem nicht geringen Teil erstmals von ihr ausgewertet wurden. Eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Menschen und Biografien präsentiert sie.
Darunter sind manche bekanntere wie Manès Sperber, vormals rechte Hand des Wiener Individualpsychologen Alfred Adler, mit dem er gebrochen hatte, und Marxist, was er bald abschüttelte; nach 1945 sollte er einer der eloquentesten anti-totalitären Intellektuellen Westeuropas werden. Aber auch Vergessene, Verschollene, die Calic zum Leben erweckt. Besonders schön, dass sie auch Fotografien der von ihr so lebendig porträtierten Personen finden konnte und ins Buch aufnahm.
Das Buch ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Marie-Janine Calic: »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa«. C. H. Beck, München 2025, 384 S. mit 38 Abb. und zwei Karten, 28 €