Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Michel Rappaport, Festivaldirektor der »Yesh!«-Filmtage Foto: picture alliance/KEYSTONE

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026 12:07 Uhr

Herr Rappaport, Sie schreiben im Programm, dass Sie »nicht provozieren, sondern diskutieren« wollen. Gleichzeitig zeigen Sie Filme wie »Holding Liat« oder »The Bibi Files«, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft stark umstritten sind. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen notwendiger Kritik und politischer Provokation?
Dass von 31 programmierten Filmen der eine oder andere aneckt, ist klar. Wir zeigen das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit, wollen aber nicht provozieren. Wir wollen einordnen, vertiefen, verstehen – und jüdisches Leben in seiner Vielfalt sichtbar machen: vielschichtig, streitbar, lebendig.

Warum halten Sie es trotzdem für richtig, genau jetzt solche Filme zu zeigen?
Wir wollen der weltweit grassierenden Polarisierung entgegenwirken und sind überzeugt: Nicht Propaganda hilft durch komplexe Zeiten, sondern kritisches Denken, Toleranz und Offenheit für unterschiedliche Sichtweisen. In den Kinos Houdini und Riffraff hat es eine schöne Bar. Dort können Uneinige wunderbar über »Holding Liat«, »The Bibi Files« oder auch »October 8« diskutieren.

Sie fragen im Programmheft: »Wie israel-kritisch oder pro-palästinensisch darf ein Yesh!- Film sein?«. Wie antworten Sie selbst darauf?
Wir visionieren weit über hundert Filme, etwa ein Drittel davon programmieren wir. Auf der Strecke bleiben nebst den schlicht schlechten Filmen auch die provokant einseitigen. So versuchen wir, einen spannenden Mix zu mischen, den unser Publikum zum Nachdenken und Diskutieren anregt.

Nicht Propaganda hilft durch komplexe Zeiten, sondern kritisches Denken, Toleranz und Offenheit .

In »Holding Liat« wird unter anderem die These thematisiert, dass Kibbuzim auf den Ruinen arabischer Dörfer gebaut wurden. Hatten Sie Bedenken, dass solche Aussagen als Delegitimierung Israels verstanden werden könnten?
Es ist Joel Beinin, Professor für Nahostgeschichte der Stanford University, der das in »Holding Liat« sagt. Delegitimiert er damit Israel? Wir überlassen das Urteil den Betrachtenden. Zudem: Verwandte der entführten Liat vertreten im Film eine zu ihrem Onkel Joel gegensätzliche Sicht.

»The Bibi Files« zeigt den israelischen Premierminister im Kontext von Korruptionsvorwürfen. Neben »Holding Liat« auch das ein kontroverses Werk. Ist Yesh! bewusst zu einem Ort für innerjüdischen Streit geworden?
Wir wollen seit über elf Jahren ein Ort sein nicht nur für innerjüdischen, sondern auch für nichtjüdischen Austausch und Diskurs – nicht aber für Streit, sondern für offenen, transparenten Dialog. Ob uns dies gelungen ist, muss unser Publikum beurteilen.

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Von Yesh! Hört man immer wieder, dass man »unbequeme Perspektiven« zeigen wolle. Ist es, insbesondere in Zeiten von Krieg und wachsendem Antisemitismus, der richtige Moment für innerjüdische Selbstkritik? Warum halten Sie es trotzdem für richtig, genau jetzt solche Filme zu zeigen?
Selbstkritisch und skeptisch stets das eigene Wirken zu prüfen, scheint uns angebracht, vor allem auch in dieser schrecklichen Zeit. Zudem: Ist denn der richtige Moment für innerjüdische Selbstkritik erst dann, wenn der Antisemitismus überwunden ist?

Filme wie »Happy Holidays« und »Coexistence, My Ass!« sind nicht freigegeben worden. Warum nicht?
Weil Verleiher oder Filmemacher Gründe dafür anführten, die wir akzeptieren müssen.

Filme spiegeln - verzögert – die Welt. Selbstverständlich ändern sie sich, vor allem thematisch.

Sie betonen, dass im Yesh!-Team selbst intensive Debatten über das Programm stattfinden. Gab es in diesem Jahr einen Film, über den intern besonders heftig gestritten wurde?
»Hirschfeld« sowie »Unraveling UNRWA«.

Das Festival findet dieses Jahr zum 11. Mal statt. Was hat sich seit der ersten Ausgabe am stärksten verändert: die Filme – oder das Publikum und seine Erwartungen?
Filme spiegeln – verzögert – die Welt. Selbstverständlich ändern sie sich, vor allem thematisch. Unser treues Publikum erwartet seit jeher ein vielseitiges Programm mit cineastischen, politischen, humorvollen und spannenden Werken. Dem versuchen wir, gerecht zu werden. In unserer Wahrnehmung ist die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen seit dem 7. Oktober 2023 leider weiter gesunken.

Welcher ist ihr persönlicher Film-Favorit dieses Jahr?
»Holding Liat« und das mehrfach ausgezeichnete Roadmovie »The Sea«, in dem ein palästinensischer Knabe aus Ramallah allein loszieht, um endlich das Meer zu sehen.

Das Gespräch mit dem Direktor des Filmfestivals führte Nicole Dreyfus.

Das Filmfestival »Yesh!« in Zürich läuft vom 19. bis 25. März 2025.

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