Osnabrück

Fenster in die Ferne

Yury Kharchenko vor seinen Bildern »House Of Smile«, »Dan« und »House For Paul Celan« im Felix-Nussbaum-Haus Foto: dpa

Das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück präsentiert seit Sonntag in einer Sonderausstellung Gemälde des 1986 in Moskau geborenen deutsch-jüdischen Künstlers Yury Kharchenko. Bis zum 18. November sind unter dem Titel Kein Ort Zuhause großformatige, bis zu 3,50 Meter hohe Bilder von Häusern und kleinere Fensterbilder zu sehen.

In seinen Werken setze er sich ähnlich wie der von den Nationalsozialisten ermordete jüdische Maler Felix Nussbaum mit seiner eigenen Identität auseinander, sagte Kharchenko im Vorfeld der Sonderausstellung. »Mich beschäftigt die alte Frage, wie man nach dem Holocaust in diesem Land leben und Kunst machen kann.«

Judentum Ende der 90er-Jahre ist Kharchenko mit seinen Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland übergesiedelt. Weder seine Eltern noch er selbst seien damals religiös gewesen. Erst während des Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf habe er sich mit seiner jüdischen Identität auseinandergesetzt. Durch antisemitische Beleidigungen sei er quasi darauf gestoßen worden.

Ein Teil seiner Arbeiten stammt aus einer Zeit, in der er sich intensiv mit philosophischen und literarischen Fragen beschäftigt hat; mit Jacques Derrida, Nelly Sachs und Paul Celan. »Es hat mich interessiert, wie diese Menschen existenzielle Fragen beantwortet haben und mit ihrem Jüdischsein umgegangen sind«, sagte Kharchenko 2016 im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Oder auch die amerikanischen Expressionisten wie Mark Rothko, die aus der Sowjetunion auswanderten und sich in den USA neu sozialisierten.«

In seinen in bunten Farben leuchtenden und nach eigener Aussage »durchaus fröhlichen« Hausbildern scheinen immer auch dunkle, undurchsichtige und verwaschene Szenen auf. Kharchenko kombiniert dicke Pinselstriche mit flüssigen verlaufenden Farben, die sich wie Schlieren über die Gemälde ziehen.

betrachter Der Betrachter erkennt auf den meisten Bildern ein überdimensionales spitzes Dach und zur Seite gezogene Vorhänge. »Man glaubt, etwas schemenhaft zu erkennen, und wird dann doch wieder auf sich selbst zurückgeworfen«, erläuterte der Künstler.

Der Zyklus magic windows der kleinformatigen Fensterbilder ist in einem engen aufsteigenden Korridor zu sehen, an dessen Ende Nussbaums letztes Bild »Triumph des Todes« hängt. In eher düsteren Farben sind Personen schemenhaft zu erkennen, die durch Fenster in die Ferne schauen. epd/ja

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird heute 80. Eine persönliche Würdigung von Reinhard Mohr

von Reinhard Mohr  19.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026