Film

Fast perfektes Imitat

Bradley Cooper als Leonard Bernstein Foto: IMAGO/Everett Collection

Film

Fast perfektes Imitat

Mit seinem Bernstein-Biopic »Maestro« bringt sich Bradley Cooper für die Award Season in Stellung

von Jens Balkenborg  07.12.2023 12:48 Uhr

Der Schauspieler und Regisseur Bradley Cooper will hoch hinaus mit seinem Leonard-Bernstein-Biopic Maestro. Dafür spricht schon das Zitat, das er dem Film selbstbewusst voranstellt: »Ein Kunstwerk beantwortet keine Fragen, es provoziert sie; und seine wesentliche Bedeutung liegt in der Spannung zwischen den widersprüchlichen Antworten.« Es sind Worte, die der Komponist, Dirigent und Pianist Leonard Bernstein, Sohn jüdisch-ukrainischer Einwanderer in den USA, 1976 während einer Vorlesung an der Harvard University äußerte.

Provoziert hat Coopers Film schon, bevor er auf dem Filmfestival in Venedig seine Weltpremiere feierte. Der Regisseur, der zugleich die Hauptrolle spielt, sah sich mit der Frage konfrontiert, ob es legitim sei, sich als Nichtjude eine Nasenprothese anzulegen, um Bernstein zu spielen. Die Kritiker sprachen von »Jewfacing«; Cooper bediene sich in seiner Netflix-Produktion einer stereotypen Darstellung, anstatt einen jüdischen Schauspieler für die Rolle zu besetzen. Mittlerweile haben sich die Wogen etwas geglättet, zumal sich die Kinder des 1990 verstorbenen Musikers hinter Cooper stellten.

Ob sein Film ein Kunstwerk in Bernsteins Sinne ist, sollen andere entscheiden. Jedenfalls beantwortet er bewusst nur wenige naheliegende Fragen. Wir erfahren nicht viel darüber, was die musikalische Kunst Bernsteins ausmachte, der mit der Musik zu Musicals wie West Side Story weltberühmt wurde. Auch die Homophobie, der sich der sexuell fluide aufgestellte Musiker ausgesetzt sah, wird, ebenso wie der Antisemitismus, nur angerissen. Letzterer etwa in einer Szene, in der ihm jemand sagt, er könne der erste große amerikanische Dirigent werden, sollte sich dafür aber besser »Bern« anstatt »Bernstein« nennen, um seine jüdische Identität zu verbergen.

Die Homophobie, der sich der sexuell fluide aufgestellte Musiker ausgesetzt sah, wird, wie der Antisemitismus, nur angerissen

Cooper geht es augenscheinlich nicht um historische Vollständigkeit. Sicher, der Film zeigt auch klassische Lebensstationen, etwa, wenn der junge Bernstein als spontaner Ersatzdirigent ohne Probenvorbereitungen in der New Yorker Carnegie Hall einspringt und gefeiert wird.

Aber viel mehr als dafür interessiert sich der Regisseur, der das Drehbuch gemeinsam mit Josh Singer geschrieben hat, für Bernsteins Verhältnis zu seiner Frau, der chilenischen Schauspielerin Felicia Montealegre (Carey Mulligan). Die beiden lernen sich in den 40er-Jahren auf einer Haus­party kennen, und sofort ist klar: Sie sind wie füreinander geschaffen, verbunden durch ein unsichtbares Band. Bereits in Coopers gefeiertem Debüt A Star Is Born um eine junge Musikerin, die über Nacht zum Star wird, stand eine Liebesgeschichte im Zentrum.

Mit Wechseln zwischen Schwarz-Weiß-Passagen und Farbe, einer teils assoziativen Montage und Musical-Einlagen erzählt der gerade in der ersten Hälfte sehr dynamisch inszenierte Film davon, wie die Ehe der beiden über die Jahre von Bernsteins Arbeit, für die Felicia sich immer weiter dem Privaten widmet, und dessen homosexuellen Affären, etwa mit dem attraktiven Tommy (Gideon Glick), strapaziert wird. Als der ältesten Tochter Jamie (Maya Hawke) die Gerüchte zu Ohren kommen, wird ihr nahegelegt, diskret zu sein.

In der zweiten Hälfte gerät der Film etwas konventioneller

In der zweiten Hälfte gerät der Film, den Martin Scorsese und Steven Spielberg mitproduziert haben, etwas konventioneller und fokussiert sich auf die Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten und auf Felicias Krebserkrankung. Eine beiläufige Szene visualisiert eine Kernaussage, wenn Felicia auf einer Bühne steht, während das Schattenspiel ihres dirigierenden Mannes über sie tanzt.

In diesem Sinne ist es konsequent und irritierend zugleich, wie unverhohlen sich Cooper für die Award Season in Position bringt. Die bewegliche Kamera von Matthew Libatique fängt ihn bei seinem Versuch, ein möglichst perfektes Imitat des Maestros zu erschaffen, immer wieder minutenlang ein: wenn er wild gestikulierend spricht oder mit dem Taktstock vor einem Orchester sitzt. Der Regisseur feiert das Genie Bernstein und auch sich selbst. Doch der eigentliche Star des Films ist Carey Mulligan.

Der Film läuft ab 6. Dezember im Kino.

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