Düsseldorf

»Es lebe die entartete Kunst!«

Als die Nationalsozialisten Künstler als »entartet« diffamierten und aus den Museen entfernten, überschrieb eine ägyptische Künstlergruppe ihr Gründungsmanifest 1938 mit der Worten: »Es lebe die entartete Kunst!« Die Vereinigung »Art et Liberté« (Kunst und Freiheit) erklärte in dem Dokument: »Lasst uns gemeinsam das Mittelalter besiegen, das im Herzen des Okzidents entsteht.«

Seit diesem Wochenende nun stellt die Kunstsammlung NRW die bislang kaum bekannte Gruppe einer größeren Öffentlichkeit vor. Unter dem Titel Art et Liberté. Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten 1938–1948 ist die Ausstellung noch bis zum 15. Oktober im Museum K20 in Düsseldorf zu sehen.

Kairo Die anfänglich 37 Maler, Literaten und Journalisten wollten auch »Anlaufstelle sein für verfolgte Künstler in Europa«, sagte die künstlerischen Direktorin der Kunstsammlung, Anette Kruszynski, im Vorfeld der Schau. Kairo war nach Angaben der Ausstellungsmacher zu diesem Zeitpunkt eine relativ freie und sehr kosmopolitische Stadt.

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im von Großbritannien kontrollierten Königreich Ägypten kämpfte die Gruppe »Art et Liberté« gegen Faschismus, Nationalismus und Kolonialismus. Die Mitglieder wehrten sich auch gegen die Bevormundung der Kunst durch den ägyptischen Staat und die propagierte Verbindung von Nationalismus und Kultur. Sie sahen im Surrealismus eine Möglichkeit, in ihrem Land politisch und gesellschaftlich Position zu beziehen: mit Bildern, Grafiken, Büchern, Artikeln, Fotografien, Filmen oder Karikaturen.

All das haben die beiden Hauptkuratoren der Schau, Sam Bardaouil und Till Fellrath, in mehrjähriger Recherche in zwölf Ländern zusammengetragen. Herausgekommen ist eine Ausstellung, die mit über 200 Exponaten auch recht textlastig ist. Da tut es gut, große schwarz-weiß Fotografien mit den wichtigsten Gruppenmitgliedern zu sehen, es gibt auch alte Filme, die das Kairo dieser Zeit zeigen.

Engagement Dort waren alleine bis zu 140.000 britische Soldaten stationiert. »Bittere Armut zwang viele Frauen zur Prostitution«, sagte Museumsdirektorin Kruszynski. Auch dies griffen die Künstlerinnen und Künstler der Gruppe in ihren Gemälden auf. Sie solidarisierten sich mit den »Stadtfrauen« und gaben ihnen künstlerisch Gestalt. In insgesamt neun thematischen Schwerpunkten zeigt die Ausstellung das ästhetische, aber auch das politische und soziale Engagement von »Art et Liberté«.

So handelt das Gemälde Schläge von Batons aus dem Jahr 1937 vom brutalen Vorgehen der Polizei gegen Studenten-Demonstrationen. Die Körper werden in abstrakte geometrische Formen dekonstruiert, die den Zusammenstoß zunehmend entfremdeter sozialer Klassen widerspiegeln. Andere Bilder zeigen Skelette Ertrunkener, ausgemergelte Menschen, wütende Mädchen und zerfetzte Körper.

Es ist ein ganz anderer Surrealismus als der, den man aus deutschen oder europäischen Museen kennt. »Man entdeckt in dieser Schau den Dialog mit den europäischen Surrealisten, aber auch die Differenzen und Unterschiede im Werk dieser ägyptischen Surrealisten«, so Kurator Bardaouil.

Israel Die ägyptische Gruppe löste sich im Jahr 1948 auf. Nicht zuletzt, weil man sich von den Pariser Surrealisten aufgrund politischer Streitigkeiten um Israel losgesagt hatte. Auch die politische Situation in Ägypten änderte sich nach dem Sturz der Monarchie 1952.

Viele der regierungskritischen Künstler verließen das Land, manche wurden inhaftiert. Ihr künstlerisches Wirken ist bislang nicht gewürdigt worden. Dies zu ändern, ist Absicht der Ausstellung, die nach Düsseldorf ab Mitte November in der Tate Galery Liverpool und im kommenden Jahr im Moderna Museet in Stockholm gezeigt wird.

www.kunstsammlung.de/entdecken/ausstellungen/art-et-liberte

Fernsehen

Und dann sagt Gil Ofarim: »Jetzt habe ich ein bisschen was kapiert«

Am 4. Tag im Dschungelcamp spielte sich alles ab, wofür der Begriff »Fremdschämen« erfunden wurde

von Martin Krauß  26.01.2026

Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

Vor 47 Jahren wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die US-Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss« ausgestrahlt. Der damals verantwortliche Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel erinnert sich an Widerstände und weinende Anrufer

von Jonas Grimm  26.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  26.01.2026

USA

Natalie Portman kritisiert Gewalt durch ICE-Beamte

»Es ist wirklich unmöglich, nicht über das zu sprechen, was gerade passiert«, sagt die jüdische Schauspielerin beim Sundance Film Festival

 26.01.2026

Geschichte

War Opa Nazi?

Der Journalist Stephan Lebert und der Psychologe Louis Lewitan analysieren den intergenerationellen Umgang deutscher Familien mit den Verbrechen der NS-Täter

von Ralf Balke  26.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  26.01.2026

TV-Tipp

»Son of Saul« - Abgründiges und meisterhaftes Holocaust-Drama

Der Oscar-Gewinner hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck

von Jan Lehr  26.01.2026

Fernsehen

»Ich war soooo verliebt in Gil«

So war die dritte Folge des »Dschungelcamps« von RTL

von Martin Krauß  25.01.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Immer auf die Kleinen? Ich swipe alle weg!

von Margalit Edelstein  25.01.2026