Musik

»Eine Art Goldstandard«

Verneigt sich vor Walter Jurmann, Fritz Rotter und Friedrich Hollaender: Max Raabe Foto: imago

Musik

»Eine Art Goldstandard«

Max Raabe über Lieder jüdischer Komponisten, seine neue Solotour und überraschende Reaktionen von Jeckes in Israel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2017 19:47 Uhr

Herr Raabe, Sie treten auf Ihrer neuen Solotournee mit Liedern von jüdischen Komponisten auf, die in der Zeit der Weimarer Republik geschrieben wurden. Was bedeuten Ihnen diese Werke?
In den späten 20er- und frühen 30er-Jahren gab es einige außerordentlich begnadete Komponisten und Texter in Deutschland, die meiner Ansicht nach bis heute unvergleichlich sind. Fritz Rotter, Walter Jurmann, Friedrich Hollaender, Werner Richard Heymann und Robert Gilbert etwa. Wenn ich diese Namen auf Notenblättern lese, weiß ich: Das muss gut sein! Da kannst du nicht viel falsch machen! Diese Namen sind für mich eine Art Goldstandard.

Was genau macht die Lieder so besonders?
Es sind ihr ganz eigener Humor und ihre Doppelbödigkeit. Es ist nicht so, dass heute keine gute Musik geschrieben würde, im Gegenteil. Aber die Zeit war damals einfach eine andere. Diese leichte Ironie und schräge Komik wie in Max Hansens »Sag ich blau, sagt sie grün« gibt es so heute einfach nicht mehr. Die Stücke waren nicht politisch, aber die Nazis stießen sich sehr an ihnen, weil sie einfach zu schnell, intelligent und doppeldeutig waren. Nicht nur, weil sie von Juden geschrieben wurden. Eine Diktatur und Ironie vertragen sich eben nicht. Dann wiederum gibt es viele Stücke aus dieser Zeit, die geradezu melancholisch-sehnsüchtig sind und von einer großen Menschlichkeit zeugen. Nicht umsonst kennt das Publikum auch noch »Irgendwo auf der Welt« oder »Liebling, mein Herz lässt dich grüßen«.

Sie spielen gemeinsam mit Ihrem Palast-Orchester Lieder von Künstlern aus der Weimarer Zeit seit über 25 Jahren. War Ihnen von Anfang an bewusst, dass hinter diesen Stücken auch ganz besondere Biografien stecken?
Schon ziemlich früh, ja. Man merkt die politischen Umwälzungen ab 1933 auch anhand der Musik. Plötzlich war die Unbeschwertheit weg, der spezielle Humor und die Schlagfertigkeit. Das alles hatte es nach der Machtergreifung der Nazis nicht mehr gegeben; jüdische Texter und Komponisten durften nicht mehr arbeiten, mussten fliehen und »übers Meer« ins Exil gehen – wenn sie die Deutschen vorher nicht im Lager umgebracht hatten.

Nennen Sie deshalb bei Ihren Konzerten bewusst vor jedem Lied die Namen der Komponisten und ihre Lebensdaten? Um sie in Erinnerung zu rufen?
Ja, das hat für mich auch etwas mit Respekt vor den betreffenden Künstlern zu tun. Gerade bei denen, die nach 1933 in Deutschland vergessen werden sollten, ist das angebracht. Es ist auch eine Art Verneigung. Aber, und das ist mir wichtig zu sagen: Ich habe manchmal den Eindruck, dass jüdische Künstler auf ihr Schicksal während der NS-Zeit reduziert werden. Das möchte ich keinesfalls. Ich singe diese Lieder, um zu erinnern, aber natürlich auch, weil sie sensationell gut sind. Ich möchte sie um ihrer selbst willen gefeiert sehen.

»Die Kunst ist, zu wissen, wann man das Orchester nicht stören soll«, soll Herbert von Karajan einmal auf die Frage geantwortet haben, warum das Publikum sein Orchester so gern hört. Ist das auch der Grund, weshalb Sie Ihrem Orchester etwas Ruhe gönnen und jetzt solo auf Tour gehen?
Ich hoffe nicht! Wir spielen mit dem Palast-Orchester rund 80 Konzerte pro Jahr. Solo sind es etwas mehr als ein Dutzend. Einige andere Kollegen aus dem Orchester haben ihrerseits Projekte, die sie betreuen. Insofern gönnen sich mehrere im Orchester eine kleine Nebenaktivität. Beides macht gleichermaßen Freude und Vergnügen.

Ihre Auftritte mit dem Palast-Orchester haben viel Tempo. Ihre Soloabende dagegen sind zurückgenommener und ernster. Gibt es noch weitere Unterschiede?
Die Soloauftritte sind etwas feinsinniger; ich kann mit der Stimme viel differenzierter umgehen. Und alleine stehe ich die ganze Zeit im Fokus, während ich beim Orchester auch immer wieder zurücktrete. Dann rücken die Kollegen in den Mittelpunkt, etwa wenn das Orchester strahlt oder ein Solist sich zeigt. Beim Orchester gibt es also die ganze Klangpalette. Bei den Solokonzerten hingegen bin ich ganz auf mich gestellt, zusammen mit meinem Pianisten Christoph Israel trage ich den Abend ganz alleine. Das ist wie ein Liederabend, nur eben begleitet vom Piano.

Vor einigen Jahren sind Sie mit Ihrem Soloabend erstmals auch in Israel aufgetreten. Welche Erfahrungen haben Sie dort während der Tournee gemacht?
Sönke Wortmann begleitete die Reise zum Glück mit der Kamera und hielt sie in seinem Film Max Raabe in Israel fest. Im Vorfeld hatte er Kontakt zu Frankfurter, Münchner, Berliner und Wiener Holocaust-Überlebenden gesucht, die nach Israel geflüchtet waren. Sie alle hatten eine große Affinität zu den Liedern aus der Weimarer Zeit. Hinter der Bühne tummelten sich dann die ganzen alten Jeckes und sprachen dieses Deutsch von vor 70 Jahren. Mit all diesen sympathischen alten deutschen Juden zu sprechen und zu merken, dass das ihre Musik war, beeindruckt mich noch heute.

Wie haben die Jeckes auf Sie reagiert?
Einige haben mir Bilder gezeigt, wie sie sich von ihren Familien in Deutschland am Bahnhof verabschiedet haben. Das waren sehr anrührende, sehr emotionale Momente. Aber es gab auch sehr viele lustige Augenblicke. Zum Beispiel die Begegnung mit einem alten Herrn, fast 100 Jahre alt, der eine unglaubliche Stimme hatte und auf einmal Stücke aus den 20er-Jahren sang, als wäre seine Kindheit in Berlin erst eben vorbei gewesen.

Hatten Sie vorab Bedenken, in Israel aufzutreten?
Vielleicht am Anfang ein bisschen. Es muss ja im Konzert nur irgendeine Kleinigkeit geschehen, und schon ist die Stimmung hinüber. Die Konzerte liefen aber von Anfang an sehr gut. Es ist so gekommen, wie Marcel Reich-Ranicki gesagt hat. Er war öfters in meinen Konzerten, und wir unterhielten uns viel über jüdische Unterhaltungsmusik-Komponisten aus der Weimarer Republik.

Was hatte er Ihnen gesagt?
»Fahren Sie! Fahren Sie!« Und es war richtig. Bei den alten Jeckes habe ich gemerkt, dass sie sehr froh waren, solche Musik wieder zu hören. Und die jungen Israelis freuten sich, die Lieder ihrer Großeltern hören zu können. Es waren auch viele junge Musiker bei den Konzerten. Sie waren neugierig, denn diese spezielle Instrumentierung, den Charakter der Musik und dann auch noch ein Repertoire aus Deutschland kannten viele nicht. Etliche sagten auch, dass sie eine diffuse Sehnsucht nach dieser Musik haben.

Herr Raabe, zum Abschluss eine Frage, die Sie vermutlich nicht ganz so gerne hören. Werden Sie bei den Konzerten ...

... ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Nein, den Evergreen »Mein kleiner grüner Kaktus« werde ich nicht singen.

Und wenn das Publikum wie so oft »Kein Schwein ruft mich an« ruft?
Dann antworte ich wie immer: »Meine Damen, meine Herren, das bedauere ich außerordentlich.«

Das Interview führte Philipp Peyman Engel.

Alle Termine: www.palast-orchester.de

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