Essays

Ein Ungar in Deutschland

Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (1929–2016) Foto: Paris Match via Getty Images

Essays

Ein Ungar in Deutschland

Ingo Fessmann erinnert an seinen verlorenen Freund Imre Kertész

von Harald Loch  24.03.2019 06:45 Uhr

Der große Tag im Leben des ungarisch-jüdischen Autors Imre Kertész war der 10. Oktober 2002 – an diesem Tag wurde bekanntgegeben, dass er den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Erlebt hat der Preisträger diese große Ehrung im Wissenschaftskolleg in Berlin-Grunewald, dessen Fellow er damals war.

Anwesend war an diesem Tag kurz nach 13 Uhr außer seiner Frau Magda auch sein langjähriger Freund und Berater Ingo Fessmann, der jetzt seine Erinnerungen an diese Freundschaft aufgeschrieben hat. In 37 kurzen essayartigen Episoden und Impressionen zeichnet der Autor seine persönliche Sicht auf Leben und Werk von Imre Kertész.

Nobelpreisträger Es ist eine Sicht, die vor allem etwas über die Beziehung dieser beiden Männer ausdrückt, viele Facetten des Nobelpreisträgers zeigt und vor allem von dessen besonderer Beziehung zu Deutschland und seiner Kultur, zu Berlin, aber auch von der komplizierten Beziehung zu Ungarn durchaus unterhaltsam erzählt.

Das wenige, das Kertész über seine jüdische Familie preisgab, erfahren wir von Fessmann gleichsam nebenbei. Aber er betont immer das Sensationelle an der Preisverleihung: Kertész war der erste und bisher einzige Literaturnobelpreisträger Ungarns.

Schutz Ingo Fessmann war es, der Imre Kertész der Schwedischen Akademie für den Nobelpreis vorgeschlagen und weitere Unterstützer eingeworben hat, wie den seinerzeitigen Leiter des Centrum Judaicum, Hermann Simon, dem das Buch gewidmet ist.

Frau Fessmann hatte – damals noch als Mitarbeiterin bei Rowohlt – immer so etwas wie eine Marketing-Aufgabe übernommen, im Laufe der Zeit die gesamte Pressearbeit für Kertész. Sie und ihr Mann waren erfolgreich, sie waren praktisch immer dabei, wenn es wichtig war. So etwa in Budapest, wo Kertész die Fessmanns wie zu seinem persönlichen Schutz dabeihaben wollte, weil er sich vor antisemitischen Angriffen fürchtete.

Kertész verehrte Kafka, Thomas Mann, Wagner und Schönberg.

Es entstand eine Nähe, die kurz nach den Stockholmer Zeremonien zerbrach. Kertész fand die Öffentlichkeitsarbeit der Fessmanns wohl zu teuer, den von Fessmann eingefädelten Deal mit der Berliner Akademie der Künste über den Erwerb seines Vorlasses, also des Nachlasses zu Lebzeiten, zu billig.

Freundschaft Ingo Fessmann schreibt darüber, auch über das Honorar seiner Ehefrau für die Pressearbeit (analog zu BAT II a), muss dann aber mit dem Jahr 2003 seinen persönlichen Bericht abbrechen. Es gab praktisch keinen Kontakt mehr. Die Freundschaft war zerbrochen.

Das schmale Buch ist dennoch ein großer Gewinn für das Verstehen des Nobelpreisträgers. Den Schlüssel zu seiner Beziehung zu Deutschland, dem Land, aus dem seine Peiniger in Auschwitz und Buchenwald stammten, bildet die Dankesrede auf der offiziellen Feier zur Nobelpreisverleihung, die sogenannte Bankettrede.

Das schmale Buch ist ein großer Gewinn für das Verstehen des Nobelpreisträgers.

Muttersprache Die hielt Kertész nicht in seiner ungarischen Muttersprache, in der er immer schrieb, sondern auf Deutsch! Einem erstaunten dänischen Journalisten erklärte er am Morgen nach dem »Bankett« in der Erinnerung von Fessmann: »In seinem Heimatland habe es sogar antisemitische Attacken gegen ihn bzw. gegen die Nobelpreisentscheidung gegeben, was im eklatanten Gegensatz zu der Zuneigung und Verehrung, ja sogar Liebe stehe, die ihm die Menschen in Deutschland entgegenbrächten. Das Verhältnis der Deutschen zu ihm, dem ausländischen Autor, und umgekehrt, sein Verhältnis zum neuen, heutigen Deutschland sei von so etwas wie gegenseitiger Liebe gekennzeichnet.«

Kertész verehrte besonders die drei deutschsprachigen Autoren Franz Kafka, Thomas Mann und Thomas Bernhard, er war ein Kenner klassischer Musik und liebte besonders Béla Bartók, Richard Wagner – diese Vorliebe teilte er mit seinem engen Freund Daniel Barenboim – und Arnold Schönberg sowie György Ligeti, mit dem er sein »Leiden an Ungarn« teilte. Das Verständnis, das Kertész für Musik aufbrachte, seine Liebe zu Meisterwerken wie auch zu der gar nicht leicht zugänglichen Neuen Musik der Wiener Moderne sind bisher in seinen Biografien wenig erwähnt worden.

Über die deutsche Übersetzung öffnete sich die Tür zu den europäischen Sprachen.

Übersetzung Sein literarisches Hauptwerk, der Roman eines Schicksallosen (zuerst auf Deutsch übrigens unter anderem Titel in der DDR erschienen) schlug in Deutschland schon lange vor dem Nobelpreis als literarische Sensation ein. Über die deutsche Übersetzung – das ungarische Original konnte ja kaum einer außerhalb Ungarns verstehen – öffnete sich die Tür zu den europäischen Sprachen, und auf Deutsch konnten es auch die schwedischen Juroren lesen.

Fessmann zitiert in diesem Zusammenhang Sigrid Löffler: »Ohne den Weg über die deutsche Literatur hätte man in Stockholm Imre Kertész gewiss nicht wahrgenommen.« Sein über eine Banalität verlorener Freund erwähnt die erstaunlich verhaltene Aufnahme der Werke von Kertész in den USA und denkt über die vermeintlichen Gründe für die späte Rückkehr seines Freundes nach Budapest nach, nachdem er seine Berliner Wohnung aufgegeben hatte.

Essay Den letzten Teil seines schmalen Büchleins widmet der Autor wundervollen kleinen Essays, zum Beispiel über die Wortschöpfung des »Schicksallosen« und auch über die »Glückskatastrophe«, ein Wort, das Kertész erfand, als er vom Nobelpreis erfuhr und das seine Gefühle in dem Moment wohl am besten ausdrückte.

Es bleibt der bittere Beigeschmack, dass die so fruchtbare Freundschaft zwischen Kertész und Fessmann letztlich an Gelddingen zerbrach, und so ganz kann sich der Autor dieser »persönlichen Sicht« nicht von dieser unglücklichen Katastrophe reinwaschen.

Ingo Fessmann: »Imre Kertész und die Liebe der Deutschen. Eine persönliche Sicht auf Leben und Werk«. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2019, 204 S., 19,90 €

Essay

Ich habe Xavier Naidoos öffentlicher Abbitte geglaubt ...

Da steht er also wieder vor dem Kanzleramt. Nicht als Sänger, nicht als geläuterter Rückkehrer, nicht als jemand, der seine eigenen Irrwege wirklich aufgearbeitet hätte, sondern als Lautsprecher für den nächsten verschwörungsideologischen Ausnahmezustand

von Serdar Somuncu  28.02.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Standpunkt

Braucht es ein Verbot?

Warum gerade Juden einen Social-Media-Stopp für Jugendliche unter 16 Jahren unterstützen sollten

von Daniel Neumann  27.02.2026

Musik

Der große Romantiker: Bruno Mars ist der König des Soul

Das Warten hat sich gelohnt. Mit »The Romantic« zeigt der 40-jährige Künstler mit jüdischem Familienhintergrund, dass er weiter in einer eigenen Liga spielt

von Philip Dethlefs  27.02.2026

Berlin

Wegner: Berlinale darf nicht für Propaganda genutzt werden

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nimmt zum jüngsten Skandal bei den Filmfestspielen Stellung

 27.02.2026

Online-Hass

Hugh Laurie und die Anti-Zionisten

Der britische Filmstar Hugh Laurie wurde zum Ziel von Anti-Zionisten, nachdem er öffentlich um die verstorbene israelische Produzentin Dana Eden getrauert hatte

 27.02.2026

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Interview

»Lachen statt verzweifeln«

Ein Gespräch mit der Meme-Künstlerin ruth__lol über jüdischen Humor, die komische Seite des Antisemitismus und eine Leerstelle in den sozialen Medien

von Joshua Schultheis  26.02.2026

Reaktionen

»Plattform für antisemitische Hetze«: Das sagen Künstler und Politiker zur geplanten Tuttle-Absetzung

Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin nach dem jüngsten Antisemitismus-Skandal absetzen. Das sorgt – so wie die Rede von Abdallah Alkhatib – für kontroverse Diskussionen. Ein Überblick

 26.02.2026