Vladimir Vertlib

Ein Marrane als Leibarzt

1966 in Leningrad geboren: Vladimir Vertlib Foto: picture alliance / Wolfgang Paterno / picturedesk.c

Vladimir Vertlib

Ein Marrane als Leibarzt

Mit seinem Roman »Der Jude der Kaiserin« zeigt sich der österreichische Autor als Meister des historischen Genres

von Alexander Kluy  19.03.2026 15:57 Uhr

Ein historischer Roman von Vladimir Vertlib, dem 1966 in Leningrad geborenen, 1971 nach Israel emigrierten und seit 1983 in Österreich, meistenteils in Salzburg lebenden Autor? Und das nach Büchern, die in der spätstalinistischen, von Stagnation und Zerfall gezeichneten Sowjetunion spielten (Die Heimreise), in einem namenlosen Land der Gegenwart, regiert von einem skrupellosen Regime und durch einen Bürgerkrieg zerrüttet (Zebra im Krieg), oder im Wien der Gegenwart, wobei es um Entmietung ging (Lucia Binar und die russische Seele)? Und jetzt ein Abtauchen in die Jahre 1669 bis 1673? Das ist tatsächlich eine Surprise. Eine große, eine ausnehmend gelungene, eine überaus lesenswerte.

Die Handlung spielt im hochbarocken, schmutzigen, gefährlichen, sozial verelendeten erzkatholischen Wien des Habsburger-Kaisers Leopold I. (1640–1705). Bald, nämlich 1670, wird er alle Juden aus seiner Hauptstadt vertreiben und ihr Viertel jenseits des Donauarms, bis dahin »Im Unteren Werd« geheißen, in »Leopoldstadt« umbenennen. Er wird die Hauptsynagoge abreißen lassen und an ihrer statt eine nach seinem Namensheiligen benannte Kirche nahe der Taborstraße errichten. Bis heute heißt der Bezirk nach ihm.

200 Jahre zuvor war die Familie des Leibarztes zum Katholizismus konvertiert

Im Mittelpunkt des Romans steht Pedro de Rojas, der Leibarzt der jungen Kaiserin. Sein Leben verläuft nicht ungefährlich, denn er ist Marrane. 200 Jahre zuvor war seine Familie zum Katholizismus konvertiert, gab ihre jüdische Religion jedoch nie auf und praktizierte sie im Geheimen.
Es geht um Gesundheit, die vergeblichen Reproduktionsversuche des Herrscherpaares, um Antisemitismus, den der Klerus hochpeitscht (dessen hochrangige Vertreter ihrerseits sich Lastern hingeben und brutalste Kindesvergewaltigung praktizieren), um Toleranz, Intoleranz und Flucht.

Aber es geht auch auch um Heimat, Heimatverlust und Liebe. Die zweite Hauptfigur des Romans ist eine Frau, Esther, 28, Witwe und dreifache Mutter. Sie gilt als die beste Hebamme des jüdischen Viertels. Und so zieht de Rojas Esther hinzu. Er ahnt nicht, dass die spanische Inquisition schon lange von seinem Doppelleben weiß, und ebenfalls König Leopold, der schützend die Hand über ihn hält, weil er ihn mehr schätzt als die an Universitäten ausgebildeten Hofärzte.

Und auch die Königin weiß es. In de Rojas findet sie einen Freund und Vertrauten – wobei sie ansonsten hasserfüllte Tiraden gegen Juden auszustoßen pflegt. Dazu kommen höfische Intrigen, Todesfälle, Miseren. Das liest sich süffig und spannend. Vertlib erzählt klug, plastisch und detailreich, aufschlussreich und erhellend von diesen Menschen zur Zeit der Gegenreformation. Gründlich hat er recherchiert, was man auf jeder Seite, in jeder Szene bestätigt findet.

Souverän austarierter erzählerischer Tonfall

Er wählt einen souverän austarierten erzählerischen Tonfall, der sorgsam Distanz hält zu pseudo-aktualisierender Rede in pseudo-historischen Romanen, wie das Vertlibs Landsmann Franzobel auf juvenilem Niveau betreibt, ebenso vermeidet er, seine historischen Protagonisten in ausgefeilt unsinnliche Prosa zu packen, wie das etwa Daniel Kehlmann in seinem Barock-Roman Tyll machte.

Dieser Roman, mit dem sich Vertlib als wahrer Meister des historischen Genres erweist, ist vielschichtig, er ist vieles, nur keine platte triviale Unterhaltung. Vielmehr ist Vertlib die Darstellung von Toleranz und Humanismus in einer extrem intoleranten Zeit ein Anliegen. Es geht ihm um Transformation und Transformationsresistenz, um Heimat und Fremde, um Religion, Fanatismus und Verfolgung. Und ums Überleben.

Gegen Ende räsoniert de Rojas darüber, dass er und alle anderen Juden noch da sind, während antike Zivilisationen und Kulturen untergegangen und verschollen sind, die Philister und die Sumerer, die Babylonier und die Römer. Die Juden aber, befindet der Marrane, seien wie Sand: Man »kann uns schlagen, beschmutzen, formen, wegschaufeln, zudecken oder ins Wasser werfen, aber man kann uns nicht zertreten«.

Vladimir Vertlib: »Der Jude der Kaiserin«. Roman. Residenz, Salzburg 2026, 416 S., 28 €

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