Erinnern

Ein Lebenswerk gegen das Vergessen

Der Künstler Gunter Demnig in seiner Werkstatt Foto: picture alliance/dpa

Erinnern

Ein Lebenswerk gegen das Vergessen

Vor 30 Jahren verlegte Gunter Demnig seinen ersten »Stolperstein«. Nun feiert der Künstler seinen 75. Geburtstag

von Verena Schmitt-Roschmann  27.10.2022 11:50 Uhr

Als Gunter Demnig im Mai 1990 mit einer Kunstaktion in der Kölner Südstadt an die NS-Deportationen von Sinti und Roma 1940 erinnerte, kam eine ältere Dame auf ihn zu. »Ja guter Mann«, sagte sie, »was Sie hier machen auf der Straße, ist ja ganz schön.« Aber bei ihnen im Viertel hätten doch niemals Sinti und Roma gelebt. Demnig zeigte ihr historische Belege. »Der Frau ist wirklich das Kinn runtergefallen«, erinnert sich Demnig. »Das war eigentlich der Auslöser.«

Seit nun mehr als 30 Jahren widmet sich der in Berlin geborene Künstler der Erinnerung an jene, die einmal einfach Nachbarn waren und eines Tages verschwanden - vertrieben, verschleppt, ermordet von rassistischen Fanatikern des NS-Regimes. Am 16. Dezember 1992 legte Demnig in Köln seinen ersten »Stolperstein«. Inzwischen liegen in Deutschland und vielen anderen Ländern 96.000 dieser kleinen, mit Metall beschlagenen Quader vor Häusern, wo die Opfer einst wohnten.

Demnig wird am heutigen Donnerstag 75 Jahre alt. Aber ans Aufhören denkt er nicht. Im Juni 2023 will er den 100.000. Stolperstein setzen.

innehalten Die Steine mit dem Geburtsdatum, dem Deportationsjahr und dem mutmaßlichen Schicksal der Menschen bringen Passanten vielerorts zum Innehalten, auf Gehwegen in Berlin und anderen Großstädten liegen sie zu Dutzenden – ein Stolperstein je Opfer. Demnig sagt, er bekomme immer mehr Anfragen aus aller Welt, von Angehörigen, die sich für ihre in der Schoa ermordeten Eltern oder Großeltern zumindest dieses kleine Memento in Deutschland wünschten und Trost darin fänden.

Ans Aufhören denkt Demnig nicht. Im Juni 2023 will er den 100.000. Stolperstein setzen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratulierte Demnig und erklärte laut Mitteilung: »Meine guten Wünsche gelten einem Künstler, dem die historische Aufarbeitung unserer jüngsten Geschichte und das Wachhalten der Erinnerung daran ein wichtiges Anliegen ist. Zeit Ihres Lebens haben Sie sich ausgezeichnet durch Engagement, Zivilcourage und Toleranz.« Demnig habe »ein einmaliges und weltweit vorbildliches Denkmal für die Opfer des NS-Terrors geschaffen«.

widerstand Doch gab es auch immer wieder Kritik. Demnig selbst erzählt von Widerständen von Stadträten, Dezernenten und Immobilienbesitzern, die um den Wert ihrer Häuser fürchteten. Von Rechten bekam er Morddrohungen, 800 Steine wurden über die Jahre zerstört. Doch die entschiedenste Ablehnung kam von der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch.

2014 sagte Knobloch im Münchner Stadtrat: »Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Menschen, auf die man schon auf dem Boden liegend immer weiter eintrat und die mit schweren ledernen, stahlbekappten Stiefeln in die Transporter getreten wurden. Menschen, auf dem Boden kauernd, verletzt, sterbend oder bereits tot, wie in den Konzentrationslagern üblich. All das hat man vor Augen, als wäre es gestern erst geschehen. Diese Erinnerung begründet meine unbeirrbare Abwehrhaltung gegenüber jeder Gedenkform auf dem Boden – speziell gegenüber den ›Stolpersteinen‹.« Die Stadt München entschied sich gegen diese Art der Erinnerung.

Demnig hat Gegenargumente. Vor der Verlegung des ersten Steins habe er einen Kölner Rabbiner um Rat gebeten, und der habe keine Einwände gehabt, sagt der Künstler. »Es sind keine Grabsteine.« Auch Zentralratspräsident Josef Schuster steht hinter dem Projekt.

gedenken Man halte »die Stolpersteine für eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa«, schreibt der Zentralrat auf seiner Webseite. »Durch die Stolpersteine kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema für sie überraschend und unvorhergesehen in Berührung.«

»Durch die Stolpersteine kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema für sie überraschend und unvorhergesehen in Berührung.«

zentralrat der Juden

Demnig selbst wirkt wie ein Mann, der mit sich im Reinen ist. Beim Online-Interview trägt er, wie auf fast allen Fotos, seinen Filzhut. Zwischendurch stolziert eine Katze über seinen Schreibtisch im heimischen Alsfeld-Elbenrod, einem Dorf zwischen Frankfurt und Kassel. Die Katze schmeißt eine Tasse um. Demnig lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Der Mann, der 1967 in Berlin ein Kunststudium begann und später nach Kassel und Köln zog, erzählt von »Verlegetouren« von Ort zu Ort, geplant und vorbereitet von einem Team von inzwischen elf Leuten. Seine Frau Katja betreut die Datenbank, eine Mitarbeiterin prüft die von Antragstellern gelieferten Fakten. Dass ausgerechnet bei einer Verlegeaktion für das Auswärtige Amt 2021 drei mögliche NS-Sympathisanten geehrt wurden, ärgert Demnig. Da habe er sich ausnahmsweise auf Recherchen der Behörde verlassen. »Wenn Fehler passieren, werden die Fehler korrigiert«, sagt er. Eindeutig geklärt ist das noch nicht.

vorwürfe Demnig lässt auch Vorwürfe der Geldmacherei nicht gelten. 120 Euro kostet die Verlegung eines Stolpersteins in Deutschland, 132 Euro im Ausland. Einmal hatte er Ärger mit dem Finanzamt, das in dem Projekt keine Kunst zu erkennen vermochte. Der zuständige Landesfinanzminister habe ihn »rausgepaukt«, sagt Demnig. Die Kunst in seinem Werk, das sei nicht jeder einzelne Stein. Es handele sich im Sinne von Joseph Beuys um eine »Soziale Skulptur« – das physische Objekt verbunden mit dem Zusammentreffen der beteiligten Menschen.

Vor allem, dass er Jugendliche erreicht, ist Antrieb für den Künstler, der selbst im Geschichtsunterricht und von seinem aus dem Krieg zurückgekehrten Vater wenig zur NS-Zeit erfuhr. Man habe ihn anfangs gewarnt vor Desinteresse der jungen Leute, er aber erlebe das Gegenteil. Geschichte werde für Schüler durch die Einzelschicksale plötzlich greifbar und nah. Einige starten Recherchen über Verschleppte aus ihren Orten und sammeln Spenden. »Da weiß man einfach, warum man es macht«, sagt Demnig.

Leipzig

Hotelmitarbeiter: Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer

Vor vier Jahren warf der Musiker dem Hotelmitarbeiter Markus W. vor, ihn aus antisemitischen Gründen nicht einchecken lassen zu haben. Die Vorwürfe waren erfunden. Nun äußert sich der Mitarbeiter erstmals

 10.02.2026

Naturschutz

Ein Zuhause für Meeresschildkröten

Aus einer Notfallklinik in Containern wird ein nationales Zentrum mit weltweit einzigartiger Zuchtstation

von Sabine Brandes  09.02.2026

Literatur

Als nichts mehr normal schien

Ein Auszug aus dem neuen Roman »Balagan« von Mirna Funk, der im Jahr 2024 in Berlin und Tel Aviv spielt

von Mirna Funk  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Geburtstag

Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde John Schlesinger geboren

Regisseur John Schlesinger lebte seine Homosexualität offen und rührte mit seinen Filmen früh an gesellschaftliche Tabus, etwa mit dem Oscar-prämierten »Asphalt Cowboy«. An die atmosphärische Dichte seiner Werke knüpfen Filmemacher noch heute an

von Barbara Schweizerhof  09.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Der Dschungel hat mich wieder zurückgeholt, zurück ins Leben«

»Wenn Gil gewinnt, verliere ich den Glauben an Reality-Shows«, sagte Simone Ballack. Dieser Fall ist nun eingetreten

von Jonas-Erik Schmidt  08.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim gewinnt das RTL-Dschungelcamp. Und nun?

Unser Kolumnist ist nach 17 Folgen ausgebrannt - und zieht ein letztes Mal Bilanz

von Martin Krauß  08.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  09.02.2026 Aktualisiert

Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Der Verleger der »Berliner Zeitung« gibt im Gespräch mit Jakob Augstein einmal mehr Einblicke in sein krudes Geschichtsverständnis

von Ralf Balke  08.02.2026