Ausstellung

Ein deutsches Verbrechen

Der Andrang ist groß im Jüdischen Museum Berlin. Während eine Schulklasse darauf wartet, durch die neue Sonderausstellung »Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg« begleitet zu werden, bleibt der Blick der Schüler an einem Plakat haften. Es zeigt einen Deutschen in Uniform, wie er einen Juden im besetzten Polen anschreit. Entdeckt haben die Ausstellungsmacher das Foto aus dem Jahr 1939 im Archiv der antisemitischen Wochenzeitung »Der Stürmer«. Bei Kriegsbeginn hatte die Redaktion deutsche Soldaten aufgefordert, Bilder und Kommentare einzusenden. So wurde (unfreiwillig) das systematische Prinzip von Zwangsarbeit offengelegt. Denn das gleiche Fotomotiv begegnet den Schülern im ersten Ausstellungsraum erneut: Wieder ist der jüdische Zwangsarbeiter zu sehen, dieses Mal angestarrt von der Zivilbevölkerung.

Es sind vor allem Bilder wie diese, die den Besucher in die Dokumentation hineinziehen. Dass das Historikerteam von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora bei seinen Recherchen in Europa, Israel und den USA auf so viel Quellenmaterial stieß, überraschte selbst die Kuratoren. »Das sind zum Teil ganze Fotoserien, die die komplexen Zusammenhänge szenisch vergegenwärtigen«, erklärt Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora. So habe sich das Konzept für die Ausstellung aus den Bildern heraus entwickelt.

details Mithilfe von Dokumenten, Briefen, Protokollen, Zeitungsausschnitten und Namenslisten wird das ganze Ausmaß der NS-Zwangsarbeit schonungslos offengelegt. Ergänzt wird das präsentierte Material durch kurze Videos und Hörstationen. Die Ausstellungsmacher haben bewusst auf aufwendige Installationen verzichtet. Bis ins kleinste Detail demontiert die Ausstellung den Mythos, Zwangsarbeit sei eine Randerscheinung des Krieges gewesen, und wird damit ihrem Anspruch gerecht, weltweit erstmalig umfassend dieses dunkle Kapitel aufarbeiten zu wollen. In Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« sowie den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora ist dem Jüdischen Museum damit eine kleine Sensation und ein großes Stück Aufklärung gelungen. Das sieht auch die Programmdirektorin des Jüdischen Museums, Cilly Kugelmann, so: »Ich glaube, unsere Dokumentation ist die wichtigste nach der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht, weil sie ein Stück nationalsozialistischer Gesamtgeschichte in einer bislang nicht gekannten Dimension auffächert.«

öffentlich Zwangsarbeit war kein Geheimnis, sondern ein »öffentliches Verbrechen«, wie es Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, bei der Eröffnung formulierte. Kein Deutscher, der nicht irgendwann einmal einem Sklavenarbeiter begegnet wäre. Und viele profitieren von ihnen. Es ist eine Ausstellung, so beschreibt es Knigge, »über die nationalsozialistische Tiefendurchdringung der deutschen Gesellschaft und Rassismus als Kernbestandteil von Zwangsarbeit«.

Das belegen nicht nur die vielen Dokumente und Fotos, sondern auch 60 Fallbeispiele, 60 Schicksale von 20 Millionen. Zwangsarbeit war ein Massenphänomen. Zu dem Heer der Schuftenden gehörte etwa Zahava Stessel aus Ungarn. Erst im hohen Alter brach sie ihr Schweigen über das erlittene Unrecht. 60 Jahre lang musste Stessel darauf warten, dass ihr Leid anerkannt wurde, trotz großer sozialer Not. Knapp 1,7 Millionen Zwangsarbeiter, vor allem aus Osteuropa, wurden durch die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« entschädigt. Für die meisten Opfer kam diese Hilfe allerdings zu spät. Sie waren zum Zeitpunkt der Zahlungen bereits tot.

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026

Potsdam

Jüdisches Filmfestival zeigt Vielfalt Israels

Vereinfachte Narrative werden hinterfragt und unterschiedliche palästinensische und israelische Realitäten in den Blick genommen

 05.05.2026

New York

Zoë Kravitz sorgt mit Spitzenkleid für Aufsehen

Die frisch Verlobte Darstellerin erscheint in einem schwarzen, transparenten Spitzenkleid aus dem Haus Saint Laurent, über das alle US-Modeblätter schreiben. Aber wo ist der Verlobte?

 05.05.2026

Berlin/New York

»Der Teufel trägt Prada 2« startet mit starkem Kinoerfolg

Rund 625.000 Besucher am Startwochenende: Die Fortsetzung der Modewelt-Satire begeistert das Kinopublikum in Deutschland und sorgt für einen der besten Filmstarts des Jahres

 05.05.2026

Wien

Glanzauftritt mit »Diamant«: Noam Bettan überzeugt bei erster ESC-Probe

Zum Auftakt der Performance erscheint Bettan gemeinsam mit einer Tänzerin aus dem Inneren des Bühnenelements, das einem Edelstein nachempfunden ist

 05.05.2026 Aktualisiert

»Imanuels Interpreten« (20)

Progressive Rock-Pioniere: Die Shulman-Brüder und ihre Band Gentle Giant

Mit einer Überdosis Kreativität betrieben die drei schottischen Juden Phil, Derek und Ray Shulman eine Formation, die herausstach

von Imanuel Marcus  04.05.2026

Kunst

Iran nimmt nicht an Biennale in Venedig teil

Die wichtige Kunstveranstaltung Biennale in der Lagunenstadt Venedig hat mit heftigen Kontroversen zu tun. Nun scheidet ein Teilnehmerland aus

 04.05.2026