Fernsehen

Doku über Geisel-Familie zeigt zerrissene israelische Gesellschaft

Der Regisseur Brandon bei der Premiere von »Holding Liat« beim Tribeca Film Festival im Juni 2025 Foto: picture alliance / Photoshot

Am 7. Oktober 2023 wurden die Geschichtslehrerin Liat Beinin Atzili und ihr Mann, der Künstler Aviv, in ihrem Kibbuz Nir Oz von Hamas-Terroristen überfallen. Von den 427 Einwohnern wurden 47 getötet und 76 nach Gaza verschleppt, darunter Liat. Sie war eine der insgesamt 251 Geiseln der palästinensischen Terrororganisation.

In dieser schmerzlichen Zeit des Bangens und Hoffens beginnt der mit den Beinins verwandte Regisseur Brandon Kramer damit, Liats amerikanisch-israelische Familie mit der Kamera zu begleiten. Entstanden ist ein Film, der den Angehörigen eines Entführungsopfers eine Stimme gibt und dabei auch neue Einblicke in die politische Komplexität des Nahostkonflikts ermöglicht.

Zum Beispiel nimmt Liats Vater Yehuda eine Einladung in die USA an, wo er bei der Biden-Regierung sowie verschiedenen politischen Organisationen um Unterstützung für die Freilassung der Geiseln durch einen Waffenstillstand wirbt. In dieser schmerzlichen Situation, in der er noch kein Lebenszeichen seiner Tochter hat, trifft er unter anderem auf Aktivisten, deren Befürwortung einer militärischen Lösung er strikt ablehnt. Yehuda äußert sich dabei auch sehr kritisch gegenüber der israelischen Führung.

Sexueller Sadismus

Liats Freilassung erfolgt nach Wochen des bangen Wartens. Nach 54 Tagen in Gaza wird sie am 29. November 2023 gegen palästinensische Häftlinge ausgetauscht. Ausführlich berichtet sie danach über ihre respektvolle Behandlung. Diskutiert habe sie mit ihren Geiselnehmern auch darüber, dass diese die Zwei-Staaten-Lösung allenfalls als Übergang akzeptieren würden, und zwar bis »sie die Weltherrschaft an sich reißen« und alle dazu zwingen würden, »zum Islam zu konvertieren«.

Trotz dieser martialischen Aussagen der Geiselnehmer betont Liat, dass ihre persönliche Haltung zur Nahost-Frage weiter »komplex« sei. So lehne sie Rache ab und plädiere für Völkerverständigung und Frieden mit jenen Palästinensern, die - wie sie erst nach ihrer Freilassung erfährt - ihren Mann ermordeten.

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Diese moderate Haltung spiegelt sich auch in der Machart des Films. Denn jene unvorstellbaren Grausamkeiten und vor allem jener auch sexuelle Sadismus gegenüber weiblichen Opfern, den die Hamas-Terroristen während ihres Überfalls am 7. Oktober 2023 selbst filmten und ins Internet stellten, blendet der Film aus. Nicht angemessen berücksichtigt wird auch die kritische Haltung von Netta Atzili, dem Sohn von Liat und Aviv, der seinen Großvater in die USA begleitet, um die menschliche Dimension des Geiseldramas fühlbar zu machen.

Familiendrama und politische Reflexion

Dabei treffen er und Yehuda in den Straßen von Washington auch auf wütende propalästinensische Demonstranten, die Israels Intervention als Völkermord bezeichnen. »Ich kann die verdrehte Denkweise nicht verstehen«, so Netta über das Massaker vom 7. Oktober. In Washington ist einmal zu sehen, wie jemand das Foto einer der Geiseln an einem öffentlichen Ort aufhängt. Nicht gezeigt werden unterdessen jene im Netz verfügbaren zahlreichen Videoclips propalästinensischer Aktivisten, die dabei gefilmt werden, wie sie diese Porträts der Geiseln wieder abreißen. Ausgeblendet wird zudem jene volksfestartige Euphorie der Palästinenser, als die Terroristen nach dem Anschlag mit den Geiseln nach Gaza zurückkehrten.

»Holding Liat« ist eine Mischung aus Familiendrama und einer politischen Reflexion über den Nahostkonflikt. Der Film konzentriert sich auf die Sichtweise von Yehuda Beinin, einem in den USA geborenen idealistischen Veteranen der Hashomer-Hatzair-Bewegung, der nach Israel kam, um sich dort mit der Gründung von Kibbuzim einem sozialistischen Ideal zu verpflichten.

Die Tragik besteht darin, dass Aktivisten aus Nir Oz und anderen Kibbuzim bis zum 7. Oktober mit den Palästinensern friedlich zusammenleben wollten und dabei unter anderem Schwerkranke aus Gaza zur Behandlung in israelische Krankenhäuser brachten. Dass nun ausgerechnet jene Palästinenser, denen seine politische Unterstützung gilt, die eigene Tochter entführten, konfrontiert Yehuda Beinin mit einem schmerzlichen Widerspruch, den er bis zuletzt nicht so wirklich zur Kenntnis nimmt.

Der auf der Berlinale 2025 mit dem Dokumentarfilm-Preis ausgezeichnete von Darren Aronofsky produzierte Film erweist sich als relevanter - teilweise aber auch sehr fordernder - Beitrag zur Nahostdebatte. »Holding Liat« versucht das Leid der palästinensischen Bevölkerung nicht auszublenden, geht dabei aber auf die vertrackte Situation in Gaza nicht ein. Sehenswert ist der Film, weil er zeigt, inwiefern die Zerrissenheit der Familie des wortführenden Protagonisten Yehuda Beinin zum Spiegel der gespaltenen israelischen Gesellschaft wird.

3sat zeigt »Holding Liat« am Montag, 9. Februar, von 22.25 bis 00.00 Uhr.

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