Gaza-Gefangenschaft überleben

»Wut zerstört dich«

Avinatan Or nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft in Gaza bei der Rückkehr in seine Heimatgemeinde Shilo im Oktober 2025 Foto: Copyright (c) Flash 90 2025

Mein Name ist Avinatan Or, ich bin 32 Jahre alt, eines von sieben Geschwistern, das zweitälteste. Wie Sie alle wissen, wurde ich am 7. Oktober zusammen mit Noa (Argamani) vom Nova-Musikfestival entführt. Ich verbrachte 738 Tage unter der Erde im Gazastreifen, in der Gefangenschaft der Hamas.

Isoliert, angekettet, ohne Licht und ohne Nahrung. Ich war eine der letzten Geiseln, die nach Hause kamen. Meine gesamte Gefangenschaft verbrachte ich in den Tunneln – allein.

Mehr als zwei Jahre lang sah ich kein Sonnenlicht. Tage vergingen, ohne dass jemand mit mir redete. Ich hörte meine eigene Sprache nicht. Niemand rief meinen Namen. Das Schwerste war, nichts zu wissen. Nicht zu wissen, welchen Tag wir hatten, nicht zu wissen, was draußen vor sich ging, nicht zu wissen, ob die Menschen, die ich liebe, noch lebten.

Du lässt nicht zu, dass andere über dein Schicksal entscheiden

Um zu überleben, gab ich mir Regeln. Nummer eins: Geduld. Jeden Tag sagte ich mir: Nur einen weiteren Tag – denk nicht weiter als das. Geduld war meine Lebenslinie.

Regel Nummer zwei: eine gemeinsame Basis finden. Ich sprach mit meinen Geiselnehmern über Glauben, über die Tora und den Koran, über Josef und Yusuf, Abraham und Ibrahim. Unterschiedliche Namen, aber universelle Geschichten. Sie erinnerten mich daran, dass Menschlichkeit selbst in der Dunkelheit existieren kann.

Regel Nummer drei: Wut zerstört dich. Man kann nicht von Wut leben. Ich erlaubte mir manchmal, sie zu fühlen – aber dann ließ ich sie wieder los.

Um zu überleben, gab ich mir Regeln.
Nummer eins: Geduld.

Regel Nummer vier: den Geist am Arbeiten halten. Mein Ingenieur-Hintergrund hat mich gerettet. Ich zählte Schritte. Ich sammelte Daten. Ich baute aus kaputten Kabeln eine kleine Lampe. Ich plante Fluchtrouten in meinem Kopf. Ich sagte mir: Du lässt nicht zu, dass andere über dein Schicksal entscheiden – und ich versuchte zu entkommen.

Wochenlang grub ich mich durch Sandsäcke, durch einen eingestürzten Tunnel, hin zur Oberfläche. Ich zwang mich zu arbeiten, um mein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Eines Tages stieß ich beim Graben auf die Wurzel eines Baumes. Ich roch sie. Es fühlte sich an, als würde ich Leben berühren – an einem Ort des Todes. Und eines Nachts erreichte ich die Oberfläche. Ich sah zum ersten Mal seit Jahren die Sterne. Ich stand als Geisel auf einem weißen Sandsack und plante meinen nächsten Schritt. Aber sie fanden mich.

Ich war sicher, dass ich sterben würde

Sie schlugen mich tagelang. Sie fesselten mich eine ganze Woche an einen Stuhl. Ich war sicher, dass ich darauf sterben würde. Aber selbst dann schrieb ich drei Sätze neben mein Bett: Auch das wird vergehen. Geduld. Und: Lass es passieren. Diese Worte hielten mich am Leben.

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In den Tunneln hatte ich zu viel Zeit, über das Leben nachzudenken. Früher glaubte ich, ich hätte Pech. Wie konnte mir so etwas passieren? Heute verstehe ich es anders. Alles in meinem Leben – meine Kindheit, meine Eltern, meine Ausbildung, mein Armeedienst, die Arbeit im Bauwesen, das Ingenieurstudium –, all das hat mich zu dem gemacht, der ich bin.

Das jüdische Volk hat Tausende Jahre überlebt,
weil wir zusammengestanden haben.

Und wer ich bin, hat mich am Leben gehalten. Ich sehe mich nicht als Helden. Ich habe mir nicht ausgesucht, eine Geisel zu sein. Die wahren Helden sind die Soldaten der IDF – diejenigen, die sich entscheiden, für andere zu kämpfen, die mit Traumata leben, deren Leben zerbrochen sind. Sie haben so viele Menschen gerettet – und ich möchte ihnen helfen. Das ist meine nächste Mission.

Aber ich habe überlebt. Und weil ich überlebt habe, trage ich eine Verantwortung. Eine Verantwortung, über Geduld zu sprechen, über Menschlichkeit und über Komplexität. Eine Verantwortung, gut von böse zu unterscheiden, richtig von falsch, moralische Klarheit zu haben. Eine Verantwortung, daran zu erinnern, dass Spaltung uns zerstört – und dass wir herausfinden müssen, was uns verbindet, nicht, was uns auseinanderreißt.

Verantwortung für Einheit

Eine Verantwortung für Einheit. Wir, das jüdische Volk, haben Tausende Jahre überlebt, weil wir zusammengestanden haben. Wenn wir vereint sind, sind wir unzerstörbar. Und wenn das jüdische Volk sich hinter einem Ziel vereint – wie der Heimkehr unserer Geiseln –, dann sind wir nicht aufzuhalten. Einheit ist kein Slogan. Sie ist unsere Stärke.

Wenn ich eine Sache im Tunnel gelernt habe, dann dies: Man kann dir alles nehmen. Deine Freiheit, deinen Namen, deine Zeit, deinen Körper. Aber niemand kann dir deinen Geist und deine Menschlichkeit nehmen. Dort beginnt das Überleben.

Avinatan Or wurde am 7. Oktober 2023 zusammen mit seiner Freundin Noa Argamani vom Nova-Festival verschleppt und war 738 Tage in der Gewalt der Hamas in Gaza. Die Rede hielt er vor der Generalversammlung der Jewish Federations of North America in Washington.

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