Kunst

Dizengoffs Lieblingskind

Der Haupttrakt des Museums am Schaul-Hamelech-Boulevard von 1971 gilt als Musterbeispiel der israelischen Brutalismus-Architektur. Foto: Flash 90

Am Anfang war das Haus von Meir Dizengoff. 1932 stellte Tel Avivs legendärer Bürgermeister seine Privatresidenz auf dem Rothschild-Boulevard für die Gründung des ersten Kunstmuseums der noch jungen Stadt zur Verfügung. Eine richtige Metropole brauche auch einen Ort, an dem Gemälde oder Skulpturen gezeigt werden, lautete seine Vision. Bescheidene 182 Quadratmeter Ausstellungsfläche gab es damals. Er selbst war ins Dachgeschoss gezogen.

Dann wurde das 1909 errichtete Gebäude völlig neu gestaltet. Wo früher die Betten der Eheleute Dizengoff standen, hingen bald die Werke bekannter Künstler wie Marc Chagall, Vincent van Gogh oder Amedeo Modigliani, aber ebenfalls viele Arbeiten von Vertretern der jungen israelischen Kunst, beispielsweise von Anna Ticho, Reuven Rubin oder David Handler.

Jetzt hatte das Ganze schon 426 Quadratmeter. »Meine letzte Bitte an die Bewohner von Tel Aviv«, so Dizengoff in seinem Testament von 1935: »Ich habe einen großen Teil meines Lebens dieser Stadt gewidmet, und jetzt, da ich kurz davor stehe, Ihnen Lebewohl zu sagen, möchte ich Ihnen mein Lieblingskind, das Tel Aviv Museum, in Ihrem Gewahrsam hinterlassen.« Im Februar 1936, wenige Monate vor Dizengoffs Tod, war Neueröffnung.

STOLZ »Das Museum, das sich bisher ganz aus eigenen Mitteln entwickelt hat, hat heute einen Bestand von über 350 Gemälden, 75 Plastiken und mehr als 4000 Aquarellen, Handzeichnungen und Originalgrafiken«, berichtete Karl Schwarz damals voller Stolz.

»Den jüdischen Künstlern aus aller Welt soll selbstverständlich in dem Museum der ersten jüdischen Stadt besonderer Raum gewidmet sein, um Zeugnis abzulegen von dem Können und Streben jüdischer Leistung«, so der ehemalige Leiter der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der 1933 von Dizengoff und Museumsgeschäftsführer Mosche Kaniuk, Vater des berühmten Schriftstellers Yoram Kaniuk, für den Posten des Direktors gewonnen werden konnte.

Und das Haus hat einen festen Platz in der israelischen Geschichte. Schließlich wurde am 14. Mai 1948 in den Räumlichkeiten die Unabhängigkeit Israels verkündet. Funfact am Rande: Um die politischen Vertreter der Orthodoxie nicht gleich zu vergraulen, wurden Gemälde und Skulpturen, die Nacktheit zeigten, mit Stofftüchern zugehängt. 1959 zog das Museum in den Helena-Rubinstein-Pavillon nahe dem Habima-Theater, 1971 schließlich an seinen jetzigen Standort am Shaul-Hamelech-Boulevard.

Tel Avivs legendärer
Bürgermeister öffnete
seine Privatresidenz für
das Museum.

Der mittlerweile umfangreich restaurierte Haupttrakt mit seinen rund 25.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, 2021 in »Paulson Family Foundation«-Gebäude umbenannt, gilt als ein Musterbeispiel der israelischen Brutalismus-Architektur, wobei seine Macher Dan Eytan und Ytzhak Yashar an Traditionen anknüpfen, die man wohl kaum auf dem Radar hat.

»Der schrittweise Eintritt in das Gebäude ähnelt in vielerlei Hinsicht der Abfolge, wie er aus romanischen Kathedralen und denen der Renaissance bekannt ist«, heißt es dazu in einer – wenn auch etwas versteckten – Ausstellung, die anlässlich des 50. Jahrestags der Eröffnung 2021 dem Entstehungsprozess des Museums gewidmet wurde und nun Teil des Gesamtkonzepts geworden ist. »Dieser Verlauf zeigt deutlich die Trennung zwischen Außen- und Innenräumen, zwischen dem Sakralen und dem Profanen.« Und 2011 kam mit dem knapp 19.000 Quadratmeter großen Herta-und-Paul-Amir-Gebäude ein ebenfalls beeindruckender, von dem US-Stararchitekten Preston Scott Cohen entworfener Erweiterungsbau hinzu.

Allein die Dimensionen lassen erahnen, welche Entwicklung das Tel Aviv Museum of Art in den 90 Jahren seit seiner Gründung genommen hat. Weder Dizengoff noch Schwarz hätten sich das wohl jemals in ihren kühnsten Träumen vorstellen können. Über 1,3 Millionen Besucher zählte es 2019, dem letzten Jahr vor der Corona-Pandemie, und damit zu den Top 50 der weltweit am meisten besuchten Museen.

Das Haus beherbergt heute eine beachtliche Sammlung des Who’s who der modernen Kunst. Wer Gemälde von Paul Cézanne, Gustav Klimt, Pablo Picasso oder Francis Bacon, Gerhard Richter und Anselm Kiefer sehen will, kommt hier voll auf seine Kosten. Zugleich ist das Tel Aviv Museum auch Heimat der weltgrößten Sammlung israelischer Kunst, darunter sind die Arbeiten von 22 Trägerinnen und Trägern des prestigeträchtigen Israel-Preises zu finden.

SELBSTVERSTÄNDNIS Damit zeigt sich auch der rote Faden, der seit 1932 das Selbstverständnis des Hauses prägt: »Die Hauptaufgabe des Museums besteht darin, moderne und zeitgenössische Kunst von israelischen und internationalen Künstlern zu sammeln, zu bewahren und auszustellen«, heißt es seitens des Direktoriums.

Das Haus beherbergt
eine beachtliche Sammlung des Who’s who der modernen Kunst.­

Man wollte also keine nationale Nabelschau, sondern immer auch die Entwicklungen in der Kunst auf der ganzen Welt aufgreifen und einem israelischen Publikum zugängig machen. Und der anfängliche Fokus auf die Artefakte, die von jüdischen Künstlern geschaffen wurden, sollte in den Hintergrund rücken. Innovative Konzepte in der Präsentation gehören ebenfalls zum Konzept – das beweist das aktuelle Programm sehr eindrücklich.

»The Last Photograph«, eine Hommage an den international bekannten israelischen Pressefotografen Micha Bar-Am, ist dafür ein Musterbeispiel. Anstatt einfach nur Fotos mit einigen Texten zur Erklärung über ihr Entstehen und die Vita ihres Machers zu zeigen, entschied man sich für einen unkonventionellen Weg. »So wurde ein Dokumentarfilm in einzelne Sequenzen zerlegt und zu einer Mehrkanal-Videoinstallation umgeschnitten, in der sich die Betrachter frei bewegen können«, so Tanja Coen-Uzzielli, die Direktorin des Tel Aviv Museums of Art.

»Bar-Am kommt auch eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des Hauses zu. Bereits 1977 rief er die Foto-Abteilung ins Leben und sollte über 25 Jahre hinweg auch ihr Kurator sein.« Verwoben in dieser Videoinstallation werden die ikonischen Fotos des 1930 in Berlin geborenen Bar-Am, die zahlreiche Momente aus den verschiedenen Kriegen in der Region zeigen, dabei mit ganz privatem Filmmaterial. Allein für diese Darstellung eines faszinierenden Lebenswerkes lohnt sich der Besuch.

Eigens zum 90. Jahrestag der Gründung wurde die Ausstellung »On the Edge« konzipiert. Gezeigt wird eine Auswahl der in jüngster Zeit erworbenen Kunstwerke, unter anderem die Videoarbeiten von Bruce Nauman, Fotografien von Andreas Gursky oder hauchdünne Porzellan-Objekte des britischen Keramikers Edmund de Waal.

Wer nicht in Israel ist,
kann auf Online-Projekte
zurückgreifen.

»Obwohl die Werke zu verschiedenen Zeiten von Künstlern mit sehr individuellen Visionen und Techniken geschaffen wurden, haben sie alle eine gemeinsame Basis, und zwar uns, die Betrachter, die sie aus unserer gegenwärtigen historischen Situation heraus interpretieren, die von einer Pandemie, einer zerrütteten Weltordnung und erschütternden Kriegs­szenen geprägt sind. Was sie zeitgenössisch macht, ist unser Jetzt, das sie mit ständig wechselnden Bedeutungen aufladen«, heißt es auf der Website des Museums.

VÖGEL Recht neu im Programm ist die Sonderausstellung »Gathering of Birds« von Shira Zelwer, Empfängerin des Israel-Preises des Jahres 2021. Zu sehen sind rund 400 Vögel aus Wachs, allesamt handgeformt und -bemalt, mit einer fast obsessiven Detailverliebtheit. »Basierend auf dem ›Birds of Our Land-Atlas‹ präsentiert Shira Zelwer eine Auswahl von 86 Vogelarten, die in Israel beobachtet wurden«, heißt es dazu in der Ankündigung.

»Wachs ist ein stabiles, aber auch weiches und biegsames Material, das immer in Gefahr ist zu schmelzen – Eigenschaften, die als Analogie zur menschlichen Verletzlichkeit gesehen werden können. Die Künstlerin verwendet es, um eine Parabel über Ort, Identität und Zugehörigkeit zu schaffen.«

Wer es gerade nicht nach Israel schafft, der kann sich das ebenfalls zum 90. Jahrestag der Gründung des Tel Aviv Museums of Art geschaffene Online-Projekt »The Square« im Internet anschauen. Über 90 Wochen hinweg wird alle sieben Tage ein Werk aus der Sammlung vorgestellt und erläutert. Auf diese Weise entfaltet sich von 1932 an peu à peu eine Chronologie der Geschichte des Hauses und damit auch der israelischen Kunst, und zwar bis zum heutigen Tag.

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