Interview

»Diese Zeit ist in mir«

Hannelore Elsner Foto: imago

Interview

»Diese Zeit ist in mir«

Hannelore Elsner über ihren neuen Film »Auf das Leben!«, existenzielle Verzweiflung und die Kraft der Liebe

von Philipp Peyman Engel  24.11.2014 23:35 Uhr

Frau Elsner, heute läuft in den Kinos Ihr neuer Film »Auf das Leben!« an. Darin spielen Sie die Schoa-Überlebende Ruth, die ebenso stark wie verletzlich ist. Gab es in Ihrem Leben schon einmal den Punkt, an dem Sie sich wie Ruth gesagt haben: Es geht nicht mehr, ich mache Schluss?
Zum Glück nicht. Mich verbindet mit der Rolle eher etwas anderes: Ich kenne das Gefühl, von außen immer als die toughe Frau wahrgenommen zu werden, auch wenn ich mich manchmal gar nicht so stark fühle. Und ich weiß, wie es ist, an einem Tiefpunkt zu sein – bis plötzlich ein neuer Mensch das eigene Leben betritt und man wider Erwarten neuen Schwung und neue Hoffnung erhält.

Im Film bewirkt das der junge Möbelpacker Jonas, gespielt von Max Riemelt. Was verbindet beide Figuren?
Sowohl Ruth als auch Jonas sind – aus jeweils unterschiedlichen Gründen – existenziell verzweifelt. Die 81-Jährige hat nach der Zwangsräumung ihrer Wohnung und dem Umzug in ein anonymes Hochhaus die Lust am Leben verloren. Jonas hingegen, der seit der Trennung von seiner Freundin in einem Kleinbus haust, kämpft gegen die ersten Anzeichen einer MS-Erkrankung. Mit seinem exzessiven Lebensstil versucht er, seine schwere Krankheit zu verdrängen. Beide bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft.

Je älter Ruth wird, desto mehr verfolgen sie ihre Erlebnisse während der Schoa. Wie anspruchsvoll war es, diese Rolle zu spielen?
In gewisser Weise habe ich mich fast mein ganzes Leben darauf vorbereitet. Seit ich 20 bin, beschäftige ich mich mit den Verbrechen der Nazis. Außerdem bin ich seit Jahren unter anderem beim Frankfurter Fritz Bauer Institut gegen das Vergessen des Holocaust aktiv. Ich musste mich nicht speziell auf den Film vorbereiten. Ich habe diese Zeit in mir.

Bei vielen Zuschauern gibt es Unbehagen gegenüber Filmen, die die Schoa thematisieren. Wie sollte das Kino damit umgehen?
Ich höre und lese oft: »Was kann ich denn für die Verbrechen während der NS-Zeit?«. Dabei geht es natürlich nicht darum, zu sagen, der Zuschauer sei schuld an etwas, das vor seiner Zeit stattfand. Es geht darum, die Geschichten zu erzählen, die nun einmal Teil unserer Geschichte sind. Und ich glaube, das ist der Regisseurin Alice Brauner hervorragend gelungen. Sie hat einen neuen, ganz eigenen Zugang zu diesem Thema gefunden.

Wie meinen Sie das?
Der Film zeigt neben dem Schicksal von Ruth, dass auch andere Leiden in der Welt existieren, die jüngere Menschen zur Verzweiflung bringen. Damit holt er das Thema in die Gegenwart, der Zuschauer kann sich mit beiden Protagonisten identifizieren. Denn beide sind Menschen mit unterschiedlichen Traumata, die ihren Sinn im Leben verloren zu haben glaubten. Erst durch ihre Begegnung und ihre gemeinsamen Gespräche empfinden sie wieder Freude am Leben. Das finde ich sehr tröstlich und authentisch. »Auf das Leben!« ist auch ein Film über die Kraft der Liebe.

Mit der Schauspielerin sprach Philipp Peyman Engel.

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