Film

Die Zeugen haben das Wort

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Jeder Superlativ ist angemessen. Claude Lanzmanns Film Shoah ist ein so monumentales Meisterwerk, dass selbst die Veröffentlichung von Outtakes ein Ereignis ist. Über 350 Stunden Material drehte Lanzmann zwischen 1975 und 1985 und machte daraus einen neuneinhalbstündigen Bericht über die Vernichtung der europäischen Juden.

Aus den ungenutzten Interviews schneidet er immer mal wieder neue Filme. Es sind Fortschreibungen, Ergänzungen, Fußnoten, von denen jetzt drei auf DVD bei absolut medien erschienen sind.

Vielleicht ist Yehuda Lerner das, was sich Max Nordau einst unter einem »Muskeljuden« vorstellte. Aus acht Lagern der Nazis brach der damals 17-Jährige aus, wurde immer wieder eingefangen und dann nach Sobibor gebracht. In Sobibor – 16. Oktober 1943, 16 Uhr erzählt er von seiner Teilnahme an einem Lageraufstand, den der jüdische Rotarmist Aleksandr Petscherskij organisiert hatte.

Kamera Ruhig sitzt Lerner vor der Kamera. Stolz erzählt er, wie er einem SS-Mann mit einer Axt den Schädel spaltete und dann aus dem Lager floh. Sein Gesicht ist selbstbewusst und stark, bis auf ein leichtes Zucken im linken Mundwinkel. Lanzmann sieht in dem Aufstand von Sobibor die »Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden«. So zieht er eine direkte Linie von dem Axtschlag, der den SS-Mann tötet, zur Tsahal, der israelischen Armee, die er 1994 in seinem gleichnamigen Film porträtierte.

Lerners Bericht ist die Geschichte eines seltenen Sieges, Ein Lebender geht vorbei die eines Versäumnisses. Interviewt wird der Schweizer Arzt Maurice Rossel, der als Delegierter des Roten Kreuzes Konzentrationslager besuchte. Er traf den Kommandanten von Auschwitz, begegnete, durchaus bewegt, bis aufs Skelett abgemagerten Häftlingen, nahm aber keine Vernichtung wahr. Ein Jahr später wurde Rossel auf einen von den Nazis inszenierten Besuch des »Modell-Ghettos« Theresienstadt geschickt.

Auch nach Jahrzehnten ist der Schweizer noch davon überzeugt, dort nur »steinreiche Israeliten« gesehen zu haben, die sich ihr Überleben erkauft hätten und in einer Art Komfort-KZ wohnten. Lanzmann liest Rossel seinen damaligen Bericht vor und konfrontiert ihn mit ruhiger Stimme mit der Wahrheit, mit dem Hunger und der perversen Inszenierung durch die Nazis, mit der versteckten Allgegenwart des Todes.

Der Arzt verliert kurz die Contenance, fängt sich dann wieder, leugnet sanft und zeigt nur wenig Reue. Lanzmann fragt ihn, warum er nicht hinter die Fassade schauen wollte. Rossel erwidert nichts. Ein Lebender geht vorbei ist ein Dokumentar-Kammerspiel über den Übergang von der Neutralität zur Indifferenz.

ignoranz Jan Karski tauchte schon in Shoah auf. Dort erzählte er, wie er 1942 von Juden in das Warschauer Getto geschmuggelt wurde, um dann der Welt zu berichten. Der Karski-Report enthüllt, was danach geschah. Die polnische Exilregierung schickt Karski in die USA mit dem Auftrag, um militärische Intervention zu bitten.

Bis zu Präsident Roosevelt wird er vorgelassen. Dennoch wird Karskis Bericht über die Lage der Juden in Polen skeptisch aufgenommen. Selbst ein Jude wie Felix Frankfurter, Oberster Richter und Berater Roosevelts, zeigt sich zurückhaltend. Zu sehr sprengt der Bericht über Vernichtungslager seine Vorstellungskraft: »I am not calling you a liar, but I don’t believe you.«

Zu Beginn von Shoah sagt Simon Srebnik, einer der beiden Überlebenden des Vernichtungslagers Kulmhof: »Das kann man nicht erzählen.« Das ist einer der Grundsätze, auf denen Lanzmann seine Arbeit aufbaut. Er lässt Menschen reden, aber um das eigentliche, das Unbegreifliche, kann er nur kreisen. Jeden Versuch, es zu zeigen, hält er für obszön.

Inzwischen steht der Franzose mit diesem philosophischen und ästhetischen Konzept recht einsam da. Auch deswegen ist Lanzmanns filmisches Werk einzigartig. Und er ist noch nicht fertig: Gerade werden in New York drei weitere unveröffentlichte Interviews aus dem Shoah-Material gezeigt. Das Kreisen geht weiter.

Claude Lanzmann: »Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr«/»Ein Lebender geht vorbei«. DVD, 95 und 65 Min. »Der Karski-Bericht«, DVD, 49 Min. absolut medien Berlin, je 14,90 €

Comedy-Legende

Don Rickles: Meister der Beleidigungen

In diesem Jahr wäre der große Stand-Up-Comedian 100 Jahre alt geworden. Seine Spezialität: Er zog sein Publikum durch den Kakao

von Imanuel Marcus  14.01.2026

Zahl der Woche

Platz 28

Fun Facts und Wissenswertes

 13.01.2026

Erinnerungskultur

Bund fördert Projekte zu NS-Zeit und deutscher Teilung

Der Bund fördert in den kommenden Jahren neue Projekte in Gedenkstätten

 13.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Wien

Eurovision Song Contest: Israel startet in der ersten Halbfinalrunde

Israel trifft in der ersten Runde unter anderem auf Portugal, das sich gegen die Teilnahme des jüdischen Staates ausgesprochen hatte

 13.01.2026

Großbritannien

J.K. Rowling prangert Schweigen zu Iran-Protesten an

»Wenn du vorgibst, für Menschenrechte einzutreten, es aber nicht über dich bringst, Solidarität mit Menschen zu zeigen, die im Iran für ihre Freiheit kämpfen, dann hast du dich selbst entlarvt«, schreibt die »Harry Potter«-Autorin

 13.01.2026

Justiz

Melanie Müller und der Hitlergruß auf der Bühne: Das Landgericht Leipzig hat nun sein Urteil gesprochen

Die Schlagersängerin hatte bei einem Konzert in Leipzig mehrfach den Hitlergruß gezeigt

 12.01.2026

Kino

»Von Berlin nach Hollywood« zeigt berühmte Filme von Exilanten 

Die Nazis haben viele bedeutende Filmschaffende aus Deutschland ins Exil in die USA getrieben. Eine Filmreihe zum 120. Geburtstag von Regisseur Billy Wilder in Berlin beleuchtet ihr Schaffen

von Markus Geiler  12.01.2026

TV-Tipp

»Watching You - Die Welt von Palantir und Alex Karp«

Der RBB zeigt eine Doku zum Software-Unternehmen Palantir und seinem Gründer Alex Karp

von Jan Lehr  12.01.2026