Interview

»Die Zeit der Exzesse ist vorbei«

»Mach dir dein eigenes Bild, lautet meine Devise, und komm‘ in dieser ganzen Raserei zur Besinnung«: Autorin Ute Cohen Foto: Raimar von Wienskowski

Die Berliner Buchautorin Ute Cohen (»Geschmack der Freiheit«) beschäftigt sich in ihrem neuen Buch »Glamour« mit der Ästhetik der verführerischen Selbstinszenierung. Dabei kommt sie auch auf die Vorstellungen von Moral, Authentizität und Erlösung in der modernen Gesellschaft zu sprechen. Im Interview erläutert sie ihre Ansichten und ihren persönlichen Hintergrund.

Frau Cohen, mit Ihrem Buch »Der Geschmack der Freiheit« haben sie den Einfluss der Kulinarik auf Lebensgefühl und Gesellschaft untersucht. Mit Ihrem neuen Werk »Glamour« rufen Sie das Jahr der Inszenierung aus. »Rätselhafte Schönheit sprengt jeden Konformismus« könnte das Motto lauten. Wie kommen Sie von der Küche ins Rampenlicht des provozierenden Glanzes?
(lacht) Ein herrliches Bild! Mit fettverspritzter Schürze hinein in den funkelnden Glamour? Nein, in meinem Kulinarik-Buch habe ich mich auf die Fährte der Vernunft gesetzt und in die Entstehungszeit der Restaurants während der Französischen Revolution begeben. Etwas aber fehlte mir da: dieser unerklärliche Augenblick, in dem die Ratio außer Kraft gesetzt wird, in dem wir uns verzaubern lassen. Sprengen möchte ich eigentlich gar nichts. Die ganze Welt schreit ja nach Disruption, erhofft sich durch irgendwas oder irgendwen den großen Big Bang. Ich dagegen sehne mich nach einem Moment, in dem die Welt stillsteht, einem Moment, in dem wir uns dem Konstrukt und der Magie des schönen Scheins hingeben. Das aber ist ein Wagnis in einer Gesellschaft, die alles unter Kontrolle haben will und Sicherheit zum Fetisch erhebt.

In Ihrem Werk geht es auch um Narzissmus und Opfer, aber von einer kritischen Warte her. Sie fordern mit »Glamour« gar die Freiheit eines permanenten Karnevals als Schutzraum vor moralischem Eifer. Warum fühlen Sie sich von der heutigen Moral so eingeschränkt?
Moral ist kein Regulativ mehr, das unseren individuellen Handlungen eine Orientierung und auch eine Form geben kann. Wir haben einen seltsamen Weg beschritten: Vom Moral-Bashing hin zu einer Hypermoral, die keinen Widerspruch mehr duldet, auch keine Erlösung. Dadurch hat sich der Kernbegriff der Moral in nichts aufgelöst. Übrig geblieben ist eine Regelhörigkeit, die meinem skeptischen und auch anarchischen Temperament zuwider ist. Sei du selbst! Was ist das denn, bitte? Schleckt man sich da wie bei einem Magnum-Eis zum Karamell-Ich durch?

Du sollst die Prämissen des Postkolonialismus nicht infrage stellen! Du sollst jedem glauben, der behauptet, dass er ein Opfer ist! Das ist doch absurd. Mach dir dein eigenes Bild, lautet meine Devise, und komm‘ in dieser ganzen Raserei zur Besinnung. Dabei hilft die Besinnung auf die Form und das Schöne, auf etwas, das eine Distanz zum Profanen schafft. Glamour hat gegenüber dem Karneval, dieser Flucht vor dem Dogma der Identität und den Regeln, aber etwas Einzigartiges: Er bannt in Zeiten der Flüchtigkeit und gibt uns die Chance auf einen Reset.

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Hin und wieder tauchen Reminiszenzen an Ihre katholische Kindheit auf. Ist das Zufall? Sehen Sie in der Kirche eine subversive Kraft?
Subversives Potenzial hätte sie durch ihr Formbewusstsein und den Sinn für das Unerklärliche. Das aber geht verloren, wenn man sich zu sehr von sich selbst entfernt und anderen - zum Beispiel aktivistisch - nacheifern möchte. Eine Gefahr, der auch die Kirche nicht entgeht. Ah, meine katholische Kindheit! Ich war ja schon immer empfänglich für das Schwelgerische, für ungewöhnliche Sinnesreize, die mich auch meiner nicht immer einfachen Lebenswirklichkeit - in meinem Roman »Satans Spielfeld« habe ich ja über die Gewalt und das Dunkle dieser Zeit geschrieben - entrissen haben.

Was genau meinen Sie mit dem Sinn für das Unerklärliche?
Weihrauch umwölkt die Sinne, das Blau von Heiligenbildchen blendet in seiner Unwirklichkeit. Was ist Yves Klein da schon dagegen? Der Heiligenschein! Ich bin nicht die Einzige, die fasziniert war von Aureolen. Thierry Mugler hat ein spektakuläres Outfit samt einem blaufunkelnden Heiligenschein kreiert, das derzeit im Palais Galliera in Paris bewundert werden kann. Mode ist häufiger inspiriert von kirchlicher Ikonographie als man meinen möchte. Dass ich als Kind sogar Visionen von brennenden Madonnen und überdimensionalen Gottesanbeterinnen hatte, sollte ich vielleicht besser verschweigen? (lacht) No risk, no fun. Mich hat das alles sehr fasziniert.

Glamour hat vom Ursprung etwas mit Magie zu tun. Kann aber auch schnell kapitalistisch ausgebeutet werden. David Bowie, einst Anführer der Glamour-Bewegung in den 70ern, hat später den Glamour abgelegt. Warum plädieren Sie in diesen politisch unsicheren Zeiten für Grenzüberschreitungen im alten Stil?
Grenzüberschreitungen im alten Stil? Nicht wirklich. Die Zeit der Exzesse und der romantischen Todessehnsucht ist vorbei. Das ist doch sehr 19. und 20. Jahrhundert. Heute haben wir es vielmehr mit einem abstrakten Fühlen zu tun, mit der Unfähigkeit, tief zu empfinden. Gefühle werden verwaltet, der Mensch haucht sich aus. Exzesse sind durchdekliniert worden ad nauseam. Was wollen wir? Das können wir vielleicht herausfinden, wenn wir den Zauber des Glamours zulassen, und damit meine ich nicht einen Retro-Glam, eine zeitgebundene Form mit Lipstick, Powder und Paint, sondern eine spezielle Magie, die eine Kenntnis um Inszenierung voraussetzt. Bowie hatte ein Gespür für die richtige Zeit, auch für das Adieu. Glamour braucht Gespür. Mit einer Neuauflage ist es nicht getan. Was kapitalistische Ausbeutung betrifft: Das ereilt jede Bewegung, jedes Phänomen. Glamour aber verflüchtigt sich dann und nimmt neue Formen an.

Das heißt: Die Welt braucht Glamour, um den Menschen vor falschen Masken oder einem Leben ohne Masken zu schützen?
Da würde ich Glamour Unrecht tun, wenn ich ihn propagieren würde. Brauchen wir ihn? Das Schöne ist ja, dass er sich nicht aufzwingt, sondern einfach erscheint. Wenngleich es freilich eines Bewusstseins und einer Lust an Form und Inszenierung bedarf. Eines aber bedarf es nicht: einer Ideologie. Wenn Glamour eine Zwischenwelt eröffnet zwischen dem Falschen und dem grassierenden Authentizitätskult, ist das schon viel wert. Wie sagte Karl Lagerfeld so schön? »I’m very much down to earth. Just not this earth.«

Ute Cohen: »Glamour. Über das Wagnis, sich kunstvoll zu inszenieren«, 184 S., zu Klampen Verlag, 2025, 18 Euro, ISBN 978-3-9873703-1-1

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