Musik

Die Sprache der Großeltern

Moshe, ein Israeli Anfang 70, hält nichts mehr auf dem Hocker. »Das ist ein ganz bekanntes Lied!«, ruft er, lässt die Gabel am Tellerrand liegen, rutscht vom Barstuhl und läuft mit schwingenden Hüften und nach oben gereckten Armen auf die kleine Tanzfläche im Restaurant Barood in einem Jerusalemer Hinterhof.

Die 36-jährige Neta Elkayam, eine kleine Frau mit dunkelbraunen Haaren, rundem, freundlichem Gesicht und braunen, leuchtenden Augen, tritt an diesem Abend im Barood auf. Sie singt auf Arabisch, begleitet von drei Musikern: Der eine trommelt auf der Darbuka, die anderen beiden spielen Mandoline und Banjo.

Neta Elkayam liegt mit ihrer Musik bei jungen Israelis voll im Trend – und weckt bei Menschen wie Moshe Erinnerungen an ihre Kindheit. Der pensionierte Lehrer wanderte als Junge mit seinen Eltern nach Israel ein und wurde im frisch gegründeten jüdischen Staat zum Israeli. Doch seine Kindheit in Marokko, die Sprache, seine Wurzeln sind ihm bis heute wichtig.

klang Auf ihre Wurzeln besinnt sich auch die Enkelgeneration – jene jungen Israelis, deren Großeltern aus den arabischen Ländern einwanderten. Und Musiker wie Neta Elkayam graben die alten Lieder wieder aus, die Oma und Opa sonst nur zu Hause hörten. »Der Klang der Sprache, das ist wie die Erinnerung an ein Land, in dem ich nie gelebt habe, das Land meiner Großeltern. Sie sind mittlerweile gestorben, aber die Erinnerung, die Kultur und die Musik, die sie mitgebracht haben, die sind geblieben. Ich nutze nun die Sprache, um diese Erinnerungen zu bewahren«, erzählt die Sängerin.

Zwar ist Arabisch auch eine der Amtssprachen Israels, doch im Schmelztiegel sollte nach Meinung der Gründerväter eine westlich geprägte Kultur entstehen und Neuhebräisch gesprochen werden. Obendrein galt Arabisch als die Sprache des Feindes, wie die israelische Soziologin Talia Sagiv erklärt.

»Die Einwanderer aus den westlichen Ländern, die damals in Israel mehrheitlich das Sagen hatten, mussten eine klare Trennung ziehen zwischen den einheimischen, Arabisch sprechenden Palästinensern und den jüdischen Einwanderern aus islamischen Ländern, die Teil des zionistischen Traums waren«, sagt die Forscherin von der Hebräischen Universität Jerusalem. »Und obwohl die einzelnen Kulturen aller Einwanderer im Schmelztiegel nicht erwünscht waren, waren die Kultur und die Sprache der islamischen Länder stärker davon betroffen, eben weil Arabisch vornehmlich als die Sprache derjenigen galt, die Israel den Krieg erklärt hatten.«

Neta Elkayams Großeltern kamen vor mehr als 50 Jahren aus Marokko nach Israel. Elkayams Eltern haben zu Hause noch Arabisch gesprochen, sie selbst schon nicht mehr. »Ya Umi« war das erste Lied, das Neta Elkayam auf Arabisch aufnahm. Eigentlich arbeitete sie als Kunstlehrerin und wollte ihrer Mutter zum Geburtstag nur ein Ständchen singen.

Marokko »Ich stieß auf eine Sängerin aus Algerien«, erinnert sie sich. »Sie hatte drei verschiedene Namen und genauso viele Identitäten: Sie war jüdisch, französisch und arabisch, all das, was ich auch bin. Ich wählte eines ihrer Lieder, nahm es auf und lernte dafür, die Wörter auszusprechen. Damals verstand ich nur hier und da ein Wort, konnte die Sprache aber nicht wirklich.«

Erst später begann sie, Vokabeln zu pauken und Grammatik zu lernen. Sie ist nicht die Einzige. Auf Facebook haben sich zahlreiche Sprachgruppen gebildet, die Arabischkurse im Land boomen. Neta Elkayam ist sogar nach Marokko gereist, um sich den dortigen Dialekt anzueignen. »Es ist ein Verbrechen, die Sprache einer bestimmten Gruppe auszulöschen, die aus einem anderen Land gekommen ist. Meine Generation will das jetzt endlich ändern.«

Zu dieser Generation zählen auch die Mitglieder der israelischen Band A-WA, die arabischsprachige Musik in Israel massentauglich gemacht haben. Die drei Schwestern Tair, Liron und Tagel Chaim haben mit dem Lied »Habib Galbi« (»Liebe meines Herzens«) einen Hit gelandet, der auf Partys und Hochzeiten, in Klubs und Bars läuft. Mittlerweile sind sie fast ununterbrochen auf Tournee und geben weltweit Konzerte, in Europa und in den Vereinigten Staaten.

Das arabische Lied hatte die Großmutter aus dem Jemen den drei Schwestern beigebracht. In der Version von A-WA verschmelzen Welten miteinander: Orientalische Klänge treffen auf moderne Hip-Hop- und Elektrobeats, Tel Aviver Hipster-Mode wird mit der traditionellen Kleidung der Großmutter aus dem Jemen gemixt. Die Schwestern tragen bei ihren Auftritten oft lange, bunte Gewänder, dazu sportliche Schuhe und roten Lippenstift.

folkloristisch Künstler wie Neta Elkayam setzen nun alles daran, die Kultur nicht nur folkloristisch zu übertragen, sondern sie auch in die heutige Zeit zu integrieren und die Traditionen ihrer Vorfahren auf diese Weise zu bewahren. Der Erfolg gibt ihnen recht: Zurzeit arbeitet Elkayam an ihrem ersten Album mit selbst getexteten arabischen Stücken. Ihren Job als Lehrerin hat sie an den Nagel gehängt.

Sie konzentriert sich auf die arabische Musik und weiß, dass sie damit im Trend liegt: »Nicht nur ich erlebte den Tod meiner Oma und frage mich, wie ich meinen Kindern eines Tages erklären kann, wer überhaupt meine marokkanische Großmutter war. Dafür gibt es nicht genügend Worte. Diese Generation stirbt aus, und die Sprache und die Kultur sind in großer Gefahr. Deshalb müssen wir etwas dagegen tun.«

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