Friedl Benedikt

Die Schülerin

»Wilde Neugier«: Friedl Benedikt (1916–1953) Foto: privat

Friedl Benedikt

Die Schülerin

Im Nachlass von Elias Canetti wurde die vergessene literarische Stimme einer beeindruckenden Autorin gefunden

von Sophie Albers Ben Chamo  28.03.2025 10:47 Uhr

Das Buch Warte im Schnee vor deiner Tür hat nicht nur einen der schönsten Titel der diesjährigen Leipziger Buchmesse, es gehört auch zu den tragischsten Aufzeichnungen, die die Literatur wohl generell zu bieten hat. Denn diese 336 Seiten stehen auch für das, was die Autorin aufgrund ihres frühen Todes mit nur 37 Jahren alles nicht schreiben konnte.

Die 1916 in Wien in eine jüdische Verlegerfamilie geborene Friedl Benedikt wollte immer schreiben. Und als sie mit 20 Jahren den Schriftsteller Elias Canetti traf und dessen Vertraute und Geliebte wurde, hieß der spätere Literaturnobelpreisträger die junge Frau, ihre Gedanken für ihn aufzuschreiben, damit er sie im Schreiben schule. Sie sei eine »geborene Erzählerin«, lockte er ihre Ambitionen. Für »jeden Tag« sollte sie einen Satz finden.

So entstand ein Tagebuch für den Geliebten, manchmal so intim wie Geflüstertes vor dem Einschlafen, und dann so tief blickend, forsch und unterhaltsam, dass man sofort ihre drei englischen Romane lesen möchte, die sie unter dem Pseudonym Anna Sebastian geschrieben hat. Nur sind die leider nicht mehr erhältlich, und das, obwohl sie Benedikt laut Kritikern in den 40er-Jahren zur »einzigen Vertreterin des Surrealismus im englischen Roman« machten.

Ein größenwahnsinniger Staubsaugervertreter

Immerhin, Das Monster von 1944 ist 2004 erstmals auf Deutsch erschienen. Darin nimmt ein größenwahnsinniger Staubsaugervertreter Rache an der Menschheit – und man kommt nicht umhin, dabei an Hitler und die Nazis zu denken, gegen die die Autorin voller Wut und Fantasie anschreibt.

Dem Tod konnten Benedikt, ihre Geschwister und Eltern entkommen, doch nahm die Schoa ihnen die Heimat Wien und das Leben, wie sie es kannten. Anfang 1939 folgte Friedl Benedikt dem ebenfalls vor den Nazis fliehenden Canetti nach London. Sie kam bei ihrer Tante unter und begann sofort mit dem Schreiben. Sie zog von Haus zu Haus, von Mensch zu Mensch und füllte das Tagebuch mit dem, was sie sah, fühlte und dachte. Zu Beginn vielleicht etwas unsicher, doch mit zunehmend souveränem Ton und vor allem immer beneidenswert frei.

Bleibt zu hoffen, dass die von Fanny Esterházy und Ernst Strouhal herausgegebene Notizen- und Tagebücher-Sammlung eine Tür zur Wiederentdeckung von Benedikts Werk ist, das endlich komplett auf Deutsch erscheinen sollte. Bis dahin müssen wir mit diesen Skizzen vorliebnehmen, in denen Bendikt präzise wie poetische Worte für ihre scharfen Beobachtungen über Mitmenschen, die Liebe, das Nachtleben, den »Blitz«, das Exil, Wien nach dem Krieg und selbst über ihre Krankheit findet, die uns diese starke Stimme schon 1953 genommen hat.

»So viel ist passiert, und nichts davon ist mir klar«, schrieb sie 1948 in Paris. Und als sie im August 1950 ihre verlorene Heimatstadt aufsucht und ihr Elternhaus kaum wiedererkennt – von ehemaligen Nachbarn gestohlen und von Österreich nie zurückgegeben –, notiert sie: »Die brütende Hitzewelle über der Stadt scheint nur die reflektierte Hitze von Feuern zu sein, die noch nicht gelöscht sind und mir die Fußsohlen versengen.«

Schreiben sei das Einzige, was ihr Kraft gebe, vermerkte Benedikt. Noch kurz vor ihrem Tod in Paris, wo ihre Schwester Susanne lebte, träumte sie sich schreibend ins gesunde Leben, »und ich bin, was ich hauptsächlich bin: ein Stück unbefriedigte, wilde Neugier«.

Friedl Benedikt: »Warte im Schnee vor deiner Tür. Tagebücher und Notizen für Elias Canetti«, Hrsg. von Fanny Esterházy und Ernst Strouhal. Zsolnay, Wien 2025, 336 S., 26 €

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