Ukraine

Die Idee von Odessa

Im Garten des Literaturmuseums von Odessa (in der ukrainischen Schreibweise: Odesa) stehen die Figuren von drei Autoren stellvertretend für die Sprache und Kultur, mit der sie zum kulturellen Mosaik der Stadt beigetragen haben. Es sind Alexander Puschkin für das Russische, Nikolai Gogol für das Ukrainische und Isaak Babel für das Jüdische, das sich hier allerdings wenigstens vierer Sprachen bediente: Russisch, Jiddisch, Hebräisch und Deutsch.

Vermutlich sind die Figuren derzeit eingepackt, vielleicht sogar im Keller gelagert in Erwartung eines Angriffs der russischen Armee gegen diese Stadt, die wie keine andere für das ebenso kreative wie konfliktreiche Zusammenleben verschiedener Kulturen in Europa steht.

Europa? So sahen es jedenfalls die vielen Reisenden, die im Lauf des 19. Jahrhunderts dort ankamen, von dort berichteten (und schwärmten), weil sie ein Stück Italien oder Griechenland am Schwarzen Meer gefunden hatten.

FANTASIEN 1794 von Katharina II. kurz nach der Eroberung der Festung Hadzibey vom Osmanischen Reich als südliche Hafenstadt des russischen Imperiums gegründet, von einem Flüchtling vor der Französischen Revolution (dem Duc de Richélieu) verwaltet, von deutschstämmigen Bauern mit Lebensmitteln versorgt, von Händlern aus Armenien und Griechenland zum Freihafen entwickelt, wurde Odessa bald auch zum zentralen Ort jüdischer Fantasien.

Europa? So sahen es die vielen Reisenden, die im Lauf des 19. Jahrhunderts dort ankamen.

So drückte es 1993, bei meinem ersten Besuch, Lena Karakina im Keller des Literaturmuseums aus, in dem sie arbeitete. Ich war dorthin gereist, um die Vorgeschichte von Tel Aviv zu verstehen, denn viele der Gründerfamilien und der prominenten Bewohner der hebräischen Stadt stammten aus Odessa oder hatten hier wichtige Jahre ihres Lebens verbracht.

Mit Anja Misjuk ging es dann bald hinaus auf die Straßen, die gerade erst ihre alten Namen wiedererhalten hatten, auch die Jewrejskaja, die Jüdische Straße, und so ließen sich die ehemaligen Wohnhäuser von Meir Dizengoff, dem Bürgermeister Tel Avivs, von Chaim Nachman Bialik, dem hebräischen Poeten und Bewohner eines Hauses in der nach ihm benannten Straße, oder auch von Ze’ev Vladimir Jabotinsky, dem Begründer der revisionistischen Bewegung im Zionismus, leicht finden. (So habe ich ihn vorgestellt, für Lena war er ein großer russischer Stilist.)

HYMNEN Der Zionismus ist eine Spezialität aus Odessa: inspiriert von den nationalen Bestrebungen der Griechen und Italiener, der Bulgaren und – mit der Zeit – auch der Ukrainer, die allesamt damit beschäftigt waren, nationale Hymnen zu schreiben und nationale Kulturvereinigungen zu gründen, und zugleich entstanden unter dem Eindruck der Pogrome, die von 1880 an auch dieses frühe Experiment in Multikultur und Kosmopolitismus zu einem Ort der Konflikte gemacht hatten.

In diesem Jahr entstand die Gruppe Chibbat Zion, die einige Tausend Freiwillige für landwirtschaftliche Siedlungsprojekte in Palästina sammelte und deren Biluim dort die Siedlung Rischon LeZion (»Erste in Zion«) aufbauten.

1882 publizierte der Arzt Leon Pinsker seine Schrift Autoemanzipation. Mahnruf an seine Stammesgenossen eines russischen Juden (in deutscher Sprache), in der er, anknüpfend an Ideen von Zwi Hirsch Kalischer und Moses Hess, die überlieferte Sehnsucht nach einer Rückkehr der Juden aus der Diaspora in das Land Israel als einzig mögliches Ziel ihrer Selbstbefreiung darstellte.

KULTURZIONISMUS Durch die literarische Tätigkeit von Ahad Ha’am (Asher Ginzberg, 1856–1927) gesellte sich dieser praktischen Version zionistischer Arbeit der Kulturzionismus an die Seite, in dessen Verständnis eine Rückkehr zum Judentum dringender geboten war als eine Rückkehr nach Palästina. Ahad Ha’ams Anwesenheit in London während des Ersten Weltkriegs und seine Zusammenarbeit mit Chaim Weizmann waren von großer Bedeutung selbst für die genaue Wortwahl der Balfour Declaration, mit der Großbritannien im November 1917 erstmals sein Einverständnis mit der Schaffung »of a Jewish home in Palestine« signalisierte.

In Israel konnte eine Herkunft aus Odessa als eine Art zionistisches Adelsprädikat gelten.

In den Straßen und Häusern der Stadt finden sich neben den Spuren dieser zumeist hebräischsprachigen Aktivitäten auch die Spuren sowohl des Großvaters (Mendele Moicher Sforim) wie des Vaters (Scholem Alejchem) der modernen jiddischen Literatur. Mendele (Scholem Abramowitsch, 1836–1917) lebte von 1905 bis 1907 in Odessa und leitete dort eine Talmud-Tora-Schule.

Mit seinem Roman Fischke der Krumme hat er schon 1869 der Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt, ebenso wie Scholem Alejchem (Scholem Rabinowitsch, 1859–1916) mit dem Briefwechsel zwischen Menachem Mendel und Schejne-Scheindel »von und nach Galizien«, in denen der unbedarfte Held seine Erfahrungen mit den großen und kleinen Gangstern der Stadt Odessa macht.

MOLDAWANKA Diese und ihr bevorzugter Stadtteil Moldawanka hatten es auch Isaak Babel (1894–1940) angetan. Er war in eine bürgerliche jüdische Familie hineingeboren, die ein Haus auf der heutigen Puschkinskaja hatte. Zu Recherchezwecken zog es ihn aber in die Moldawanka. Die Geschichten aus Odessa, die das Bild der Stadt und den spezifischen Humor ihrer Bewohner bis heute prägen, erschienen 1923/24 in Zeitschriften und wurden 1931 erstmals als Buch veröffentlicht.

Babels russischsprachiges Werk steht für die durchaus – neben dem Zionismus und der Jiddischkeit – vorhandene Tendenz der Juden Odessas zu einer russischen Akkulturation. Sein eigenes Schicksal aber steht stellvertretend für die Verfolgung der verbliebenen jüdischen Intellektuellen und Künstler, zuerst der hebräischsprachigen, dann auch der in jiddischer Sprache arbeitenden, in Stalins Sowjetunion. Der Autor von Die Reiterarmee wurde am 27. Januar 1940 in Moskau ermordet.

Die Idee von Odessa ist seit der Revolution von 1917 langsam und dann in immer dramatischeren Formen emigriert: nach Berlin, wo Bialik sich zwischen 1921 und 1924 aufhielt und wo er zur kurzen Blüte einer hebräisch-jiddisch-russischen Kultur beitragen konnte; nach Paris, wo ein Café und ein Hotel Odessa in Montparnasse noch heute von der transitorischen Anwesenheit von Künstlern wie Samuel Granowsky zeugen; nach New York, wo wohl die zahlenmäßig größte odessitische Diaspora im Süden Brooklyns, in Brighton Beach, lebt und dem Atlantik den Rücken zukehrt – und natürlich in Tel Aviv und anderen israelischen Städten, in denen eine Herkunft aus Odessa durchaus als eine Art zionistisches Adelsprädikat gelten mochte.

ANEKDOTEN Forscher und Forscherinnen wie Steven Zipperstein (sein Pionierwerk The Jews of Odessa, A Cultural History 1794–1881 entstand noch ohne Zugriff auf die lokalen Archive), Roshana Sylvester und Charles King haben versucht, diese Idee in Worte zu fassen; sie hat sicher mit dem Zusammenleben verschiedener Kulturen zu tun, die voneinander lernen, sich aber auch oft gegenseitig von Herzen abgeneigt sind. Vielleicht ist sie am besten in den Anekdoten und Witzen eingefangen, die sie übereinander erzählen. Oder es war einmal so.

Die Stadt ist in ihrem Erbe mit Russland und seiner Sprache und Kultur verbunden.


Bei meinem Besuch 1993, bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin 1999, als Odessa/Odesa Thema war, und noch bei einer großen Konferenz, die im Jahr 2002 weltweit arbeitende Wissenschaftler in die Stadt brachte, war die Zugehörigkeit der Stadt zur Ukraine nur am Rande thematisiert worden. Immerhin hatte der (vorläufig) letzte jiddische Dichter der Stadt, Aleksandr Bejdermann, schon damals angefangen, in ukrainischer Sprache zu schreiben.

Auch sind die verschiedenen religiösen und kulturellen Initiativen zur Neubegründung jüdischer Gemeinden, zur neuen Nutzung ehemaliger Synagogen, zur Einrichtung eines kleinen jüdischen Museums und zur Veranstaltung von Stadtrundgängen, wie Anja Misjuk sie 1993 begonnen hat, im Rahmen einer ukrainischen Zivilgesellschaft entstanden. Die Stadt ist in ihrem Erbe durchaus mit Russland und seiner Sprache und Kultur verbunden.

Wenn also Odesa sich jetzt auf einen Angriff (einen Angriff Russlands auf sich selbst) vorbereitet, tut sie das als eine ukrainische Stadt. Ob ihr jüdisches Erbe nur in der Emigration überlebt oder der Garten im Literaturmuseum wieder zu einem Ort der Begegnung werden kann, wird sich wohl in den nächsten Tagen und Wochen entscheiden.

Der Autor ist Kulturwissenschaftler und seit 2006 Professor am Parkes Institute for the Study of Jewish/non-Jewish Relations an der University of Southampton.

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