»Überwachungskapitalismus«

Die Frau hinter der These

Shoshana Zuboff, Wirtschaftswissenschaftlerin und Professorin für Betriebswirtschaftslehre Foto: imago

Eingängiger hätte der Titel kaum sein können. Die Aushängeschilder des Silicon Valley, lange von einer fast magischen Aura umhüllt, schienen bloßgestellt. Und das 700-seitige Buch wurde schnell zum Bestseller.

Daten Die Datenskandale, über die vor allem 2018 berichtet worden war, sind laut Shoshana Zuboff nur die Spitze des Eisbergs – mit Blick auf die Dominanz der großen Online-Plattformen spricht sie von einem »Zeitalter des Überwachungskapitalismus«.

Vertreter der Branche weisen die Darstellung zurück. Kein Wunder – denn die Vorwürfe wiegen schwer. In ihrer wenig schmeichelhaften Analyse beschreibt die Wirtschaftswissenschaftlerin, wie Unternehmen Details aus dem Privatleben von Millionen Menschen wie Staubsauger aufsaugen.

Gewinn Die Informationen nutzen sie demnach nicht nur, um ihren Gewinn zu maximieren, sondern auch zur Entwicklung von Funktionen, die unbedachte Nutzer noch enger an die Plattformen binden.

Das Buch wurde inzwischen in etliche Sprachen übersetzt. Es war sogar Grundlage für zwei kleinere Theater-Produktionen. Zuboff selbst ist seit der Veröffentlichung ständig auf Achse. Auf beiden Seiten des Atlantiks tritt sie dabei nicht nur als Rednerin auf.

Beraterin Immer wieder berät sie auch Politiker. Ihre Expertise floss in mehrere geplante US-Datenschutzgesetze ein. Zuletzt verfasste sie zudem ein 34-seitiges Positionspapier für den Justizausschuss des Repräsentantenhauses.

Zuboff habe »eine Erfahrung, die wir alle kennen, in die Sprache der Wirtschaftswissenschaften gehüllt«, sagt Beeban Kidron, Filmemacherin und Mitglied des House of Lords, dem Oberhaus des britischen Parlaments.

Kidron hat sich unter anderem für Einschränkungen bei Apps eingesetzt, die Daten über Minderjährige sammeln, um diese zu längeren Nutzungszeiten zu verleiten. »Sie ist ein Rockstar«, sagt sie.

Schon seit Jahren betont Zuboff, dass die Bedeutung der Sammelwut vieler Hightech-Konzerne unterschätzt werde.

Klickzahlen Der Harvard-Ökonomin geht es dabei nicht nur um das Messen von reinen Klickzahlen, sondern vor allem um den digitalen Beifang: an welchen Orten wir ein digitales Angebot nutzen, wie lange wir es nutzen, welche Vorlieben wir demzufolge haben, was unsere Aufmerksamkeit erregt und mit welchen anderen Nutzern wir in Verbindung stehen.

Zuboff habe erkannt, dass es sich dabei nicht bloß um ein unverhofftes Nebenprodukt handle, sagt Chris Hoofnagle, Datenschutz-Experte von der University of California am Standort Berkeley. »Es ist das Produkt.«

Google und Facebook wollten sich auf Anfrage nicht zu der Wissenschaftlerin und ihrem Buch äußern. In Branchen-Kreisen wird ihre These aber gern als verschwörungsartige Übertreibung abgekanzelt – zumal die Nutzer ihre persönlichen Daten freiwillig hergäben, um dafür kostenlosen Zugang zu wertvollen digitalen Diensten zu erhalten.

Wahlen Nach den jüngsten Skandalen um Datenmissbrauch sowie um Einmischung in Wahlen und Verbreitung von Extremismus über Soziale Netzwerke werden die Geschäftsmodelle der Internet-Giganten inzwischen aber zunehmend hinterfragt – und zwar nicht nur von Aktivisten, sondern auch von vielen Regierungen.

Damit wird deutlich, dass Zuboff zumindest dazu beigetragen hat, den Blick für das Problem zu schärfen und die Gefahren der Entwicklung besser zu verstehen.

Privatspähre Zuboff wirft den Unternehmen nicht nur Profitgier und Eingriffe in die Privatsphäre vor. Aus ihrer Sicht werden individuelle Verhaltensweisen manipuliert.

Und die invasiven Geschäftspraktiken seien »ein Virus, das inzwischen jeden Wirtschaftszweig befallen« habe, sagte sie im Mai bei einem Treffen von Parlamentsabgeordneten aus mehreren Ländern.

Den Ursprung des »Überwachungskapitalismus« sieht Zuboff in einer Phase ab 2001, als sich Google auf einen Börsengang vorzubereiten begann. Um mehr Gewinn zu generieren, beschlossen die Gründer damals, die bei den unzähligen Suchanfragen angehäuften Daten ins Visier zu nehmen.

So konnte das Unternehmen nicht nur die eigenen Suchergebnisse verbessern. Es konnte einzelnen Nutzern auch weitreichende Informationen zuordnen – zu familiären Verhältnissen, religiösen Ansichten, politischen Überzeugungen, sexuellen Vorlieben und vielen anderen Dingen.

Google Die Erkenntnisse wurden für personalisierte Werbung genutzt. Google wurde damit zu einem globalen Machtapparat.

Das Grundkonzept – kostenlose Angebote im Gegenzug für persönliche Daten – eröffnete später auch Facebook und einigen anderen schier grenzenlose Möglichkeiten. Heute werden praktisch zu jeder Person Dossiers erstellt: Über Smart-TVs, Thermostate, vernetzte Kühlschränke, Haustürkameras und Fahrzeug-Elektronik werden Bewegungen, Unterhaltungen, Mimik und vieles mehr erfasst.

Der »Überwachungskapitalismus« sei eine existenzielle Bedrohung, warnt Zuboff. Die verdeckten Kosten würden von den Akteuren vorsätzlich verschleiert. Das Prinzip sei »antidemokratisch und antiegalitär«, schreibt sie.

Dystopie Carl Szabo vom Lobby-Verband Netchoice, zu dessen Mitgliedern auch Google und Facebook zählen, hält dagegen, Zuboffs Buch zeichne »ein typisches dystopisches Bild von Technik« und verkenne »die beachtlichen Vorteile von Online-Plattformen und Daten-Analyse«.

In Erwiderung darauf verweist Zuboff auf Verbraucherbefragungen, laut denen die Vorbehalte gegenüber den vorherrschenden Praktiken zunehmen.

Zugleich mache sie sich aber keine Illusionen darüber, wie schwer es sein werde, einen Wandel herbeizuführen, sagt sie.

Die neuen Datenschutz-Regeln in der EU und ein im Januar in Kalifornien in Kraft tretendes Datenschutz-Gesetz seien ein guter Anfang – womöglich sogar »die allerersten Anzeichen einer grundlegenden Veränderung«.

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis. Bei einigen zentralen Aspekten bleibt der Film aber oberflächlich

von Manfred Riepe  13.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  13.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 12.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  12.08.2026