Psychologie

Die Angst vergessen

Online-Therapie kann so erfolgreich sein wie eine traditionelle Behandlung. Foto: Thinkstock

Psychologie

Die Angst vergessen

Ein israelisches Start-up und das Weizmann-Institut wollen mit verschiedenen Ansätzen posttraumatische Störungen in den Griff bekommen

von Elke Wittich  24.04.2017 18:18 Uhr

Angst schützt. Wer plötzlich in eine Furcht einflößende Situation gerät, erlebt im Idealfall, dass alle Sinne schärfer werden, also zum Beispiel Seh- und Hörvermögen zunehmen. Die Reaktionsgeschwindigkeit und die Konzentrationsfähigkeit werden automatisch erhöht, sodass nichts mehr ablenkt und im Idealfall blitzschnell entschieden werden kann, ob Flucht oder Stehenbleiben der Situation angemessen sind.

Allerdings ist Angst nicht automatisch ein Schutzmechanismus. Angststörungen können das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen – israelische Wissenschaftler und ein Start-up versuchen derzeit unabhängig voneinander, diesen Patienten zu helfen.

Das vor einem halben Jahr gegründete Unternehmen ReachMore entwickelt derzeit eine App zur Bewältigung posttraumatischer Belastungsstörungen. Bis zu sechs Monate nach einem belastenden Ereignis können von Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten über sozialen Rückzug bis hin zu Depressionen zahlreiche Symptome auftreten, die im Extremfall ein normales Weiterleben unmöglich machen.

Symptome In Israel sind Angsterkrankungen nicht ungewöhnlich: Eine Studie kam im Jahr 2012 zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der Schüler im Highschool-Alter in der Kleinstadt Sderot durch den häufigen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen an posttraumatischen Störungen litt. Einfach zu heilen sind sie nicht: 2014 zeigte eine weitere Studie, dass diejenigen, die zur Zeit der Militäroperation »Wolkensäule« im November 2012 eine Angststörung entwickelt hatten, selbst acht Monate nach Behandlungsbeginn immer noch Symptome zeigten.

Der Psychologe Jacob Zimmerman ist einer von drei Gründern des Start-ups ReachMore. Er hatte die Effektivität von automatisierten Online-Therapien für Angstpatienten untersucht und kam zu dem verblüffenden Ergebnis, dass sie nicht nur ähnlich erfolgreich waren, sondern in manchen Fällen sogar besser wirkten als traditionelle Behandlungen durch Psychologen.

Und so kam Zimmerman auf die Idee, Menschen, die einen Anschlag, einen Angriff oder auch einen schweren Verkehrsunfall erlebt haben, mittels einer speziellen App einfach und unkompliziert bei der Bewältigung zu helfen. Dazu müssen die User zunächst Fragen beantworten, bevor ihnen ein verhaltenstherapeutisches Programm angeboten wird, das unter anderem Entspannungstechniken umfasst.

Online-Therapie Einen großen Nachteil der Online-Therapie gibt es aber: Weil der Patient nicht von einem Therapeuten begleitet wird, ist auch niemand anwesend, der seine Körpersprache analysieren und die Behandlung auf diesen Beobachtungen basierend individuell gestalten kann.

Gidi Vardi, CEO der Firma und ehemaliger Angehöriger der Eliteeinheit Sayeret Matkal, ist aber sicher, dass man in näherer Zukunft jedem Patienten ein auf ihn persönlich zugeschnittenes, automatisch erstelltes Programm anbieten kann.

Dass die Gefahr einer posttraumatischen Störung immer noch sehr unterschätzt wird, zeigten auch aktuelle Zahlen, sagt er weiter. »Nach dem Angriff in Sarona in Tel Aviv riefen rund 80 Menschen die Hilfs-Hotline an – gemessen an der Zahl der Leute, die davon betroffen waren, ist das nichts. Mithilfe unseres Tools könnten wir dagegen 80.000 Menschen schnell und einfach helfen«, ist Vardi sicher. Denn: »Wir werden die Bevölkerung mithilfe der Behörden erreichen können. Am einfachsten ginge das, indem man eine SMS bekommt, in der steht: ›In deiner Nähe hat sich ein Vorfall ereignet – hier kannst du die App herunterladen.‹«

Nach dem Download werde dann genau erklärt, was in den nächsten 30 Tagen auf dem Programm steht, so lange soll die Therapie per App dauern – die noch einen weiteren Vorteil hat: Sind viele Menschen von einem Ereignis betroffen, stehen nirgendwo auf der Welt genügend Fachleute zur Verfügung, um ihnen sofort zu helfen. Bei der App gibt es dagegen keine langen Wartezeiten auf einen Termin.

Mäuse Auf ein ganz anderes Verfahren setzen Wissenschaftler des Weizmann-Instituts in Rechovot: Ihnen ist es im Rahmen einer Studie gelungen, die Erinnerung an Angst in den Gehirnen von Mäusen einfach auszulöschen – sie vergaßen schlicht, dass sie zuvor gelernt hatten, auf ein bestimmtes Geräusch mit Furcht zu reagieren. Diese Angst war bei den Mäusen dadurch entstanden, dass sich in ihrem Gehirn eine Art Kommunikationslinie zwischen der Amygdala, jenem Gehirnareal, das für Emotionen wie Angst oder Wut zuständig ist, und dem Cortex, das ist die aus Nervenzellen bestehende Hirnrinde, gebildet hatte.

Am Weizmann-Institut wollte man herausfinden, welche Zellen bei diesem Prozess miteinander interagierten. Nachdem die Wissenschaftler um den Neurobiologen Ofer Yizhar mithilfe optogenetischer Verfahren die Neurone der Amygdala, die an der Kommunikation mit der Hirnrinde beteiligt waren, sichtbar gemacht hatten, erforschten sie die Verbindungslinie der beiden beteiligten Gehirnregionen. Wie stabil würde sie sein, und wie stabil damit auch die Erinnerung an die Angst?

Mit ultrakurzen Lichtimpulsen versuchten sie, den Kommunikationsweg zu schwächen. Und sie hatten Erfolg: Die Mäuse konnten sich nicht mehr daran erinnern, Angst gehabt zu haben, und verhielten sich wieder wie zuvor.

Emotion Das Erinnerungsvermögen, erklärt Ofer Yizhar, unterscheide nicht zwischen schmerzlichen und angenehmen Ereignissen: »Das Gehirn ist sehr gut darin, neue Erinnerungen zu speichern, wenn sie mit starken emotionalen Erlebnissen assoziiert werden. Deswegen ist es leichter, sich an Dinge zu erinnern, die einem nicht gleichgültig sind, seien sie nun positiv oder negativ. Und genau das ist der Grund, warum die Erinnerungen an traumatische Erlebnisse oft so lange anhalten.« Und je länger sie anhalten, umso eher begünstigen sie Folgeerkrankungen.

Die Studie seines Teams könnte »eines Tages dabei helfen, traumatische Erinnerungen aus menschlichen Gehirnen zu löschen – zum Beispiel bei Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen«, hofft er. Und es werde dann möglich sein, Therapien zu entwickeln, »die auf die Verbindungslinie zwischen Amygdala und präfrontalem Cortex abzielen, um die Symptome von Angst- und Belastungsstörungen deutlich zu lindern«.

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