Kolumne

Diasporajuden, löscht die Warn-App!

Foto: Kemter

»Ich mache mich meschugge, also bin ich«: So könnte die Einstellung zahlreicher Juden in der Diaspora subsumiert werden, die den Krieg zwischen Israel und seinen Feinden »live« mitverfolgen. Auf ihren Handys blinkt die App mit dem Alarm »Red Alert« zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn Raketen aus Teheran oder dem Jemen auf Israel abgefeuert werden. Und während Verwandte und Freunde in Tel Aviv in den Bunker flüchten und um ihr Leben fürchten, fühlt man sich auch hierzulande beim Schrillen der Sirene auf dem eigenen Endgerät alarmiert.

Wer als Jude so sehr leidet, muss dies umgehend demonstrieren: unter waghalsigem Einsatz des eigenen Daumens. Bei jedem App-Alarm zückt man das Handy, um Solidaritätsnachrichten zu versenden. Dass es Israelis um drei Uhr morgens zusätzlich stressen könnte, wenn auf ihren Smartphones lächelnde Smileys und Botschaften wie »Am Israel Chai« aufploppen, kommt manchem Diasporajuden gar nicht in den Sinn.

Warum sollten die Israelis schlafen, wenn uns die Sorgen um sie wachhalten?

Auch wir sind betroffen! Auch wir sind Opfer! Oder etwa nicht? Warum sollten die Israelis schlafen, wenn uns die Sorgen um sie wachhalten? Das ganze jüdische Volk bürgt füreinander! Die Israelis sollten uns dankbar sein!

Doch leider hat digitaler Einsatz, bei dem wir nicht unser Leben, sondern nur unsere Zurechnungsfähigkeit riskieren, mitunter unabsehbare Folgen. Eine Freundin arbeitet in einem jüdischen Pflegeheim und erzählte mir von einem israelischen Kollegen. Bei der letzten Sitzung sei der junge Mann wie ein Zombie erschienen – unrasiert und mit rot unterlaufenen Augen. Es stellte sich heraus, dass er in der Nacht keine Sekunde geschlafen hatte vor lauter »Red Alert«.

Meine Freundin sparte sich jeden Ausdruck von Mitleid. »Du lebst nicht in Israel. Das hat seine Gründe. Also hör auf, dich schuldig zu fühlen, und lösch endlich diese Warn-App. Den Israelis hilfst du nicht, wenn du die ganze Nacht wach bleibst, aber wir brauchen dich. Und den alten Leuten kannst du nicht beim Essen helfen, wenn deine Hand zittert.« Der Kollege gelobte Besserung. Mal sehen, was meine Freundin berichtet, wenn wir uns wieder treffen. Ich hoffe, der junge Mann hat den Löffel inzwischen fest in der Hand.

Am Sonntag war ich am Schlachtensee. Nicht, um Schlachten zu schlagen (außer in der Schlange zur Pommes-Bude), sondern um zu schwimmen und den Krieg zu vergessen. Ich habe auch keine Botschaften verschickt, weil meine Cousins in Israel gerade andere Sorgen haben als mich. Ich habe vielmehr dafür gesorgt, dass mein Telefon nachrichtenlos bleibt.

Solidaritätsbekundungen mit dem jüdischen Volk bitte nur montags bis donnerstags zwischen neun und 18 Uhr, freitags nur bis 14 Uhr

Denn schon während ich am Schabbes am Wannsee spazieren ging, trafen die ersten WhatsApps meiner nichtjüdischen Freunde ein. »Wir denken an euch! Am Israel Chai!« Dafür habe ich mich herzlichst bedankt, weil sie es gut meinen. Richtig gut. Trotzdem will ich ein freies Wochenende! Solidaritätsbekundungen mit dem jüdischen Volk bitte nur montags bis donnerstags zwischen neun und 18 Uhr, freitags nur bis 14 Uhr!

Haben die Kinder Israels nicht 3000 Jahre ohne Apps überlebt? Sogar in der Wüste? Mein Lieblingscousin aus Israel, der nach einem Urlaub in Berlin mangels Rückfluggelegenheit »gestrandet« ist, hat es kapiert. Beim letzten Schabbatessen in unserer Wohnung heulte noch sein Smartphone auf: Alarm in Tel Aviv. So laut, dass ich dachte: In Friedenau brennt es!

Inzwischen hat er die Warn-App des Home Front Command entfernt, obwohl seine Söhne in Israel jeden Tag in den Bunker müssen. Das jüdische Volk profitiert enorm davon, wenn wenigstens einer pro Familie durchschläft.

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