Restitution

Der vergessene Mäzen

Wenn Maeva Emden durch Hamburg läuft, gibt es viele Orte, die sie an ihren Urgroßvater Max erinnern. Allein in Hamburg gehörten ihm mehr als 30 Grundstücke, darunter Teile des Botanischen Gartens und der Poloclub. Für seine Familie baute Emden ein Anwesen in Flottbek, das er nach den Bäumen benannte, die darauf standen: »Sechslinden«. »Hier ist mein Großvater geboren und aufgewachsen«, erzählt die 47-Jährige voller Stolz.

Ganztagsschule Heute ist in dem Gebäude eine private Ganztagsschule untergebracht. Von dem Erbauer ist nichts zu lesen, auch nicht auf der Website. Bekannter als die Person Max Emden ist das, womit der jüdische Kaufmann sein Geld verdiente: In den 20er-Jahren gehörten ihm Kaufhäuser wie das KaDeWe in Berlin oder das Oberpollinger in München.

Emden liebte es zu investieren. In seiner Heimatstadt Hamburg baute er für den Poloclub ein Haus. Er unterstützte die Universität, ebenso die Kunsthalle, und auch eine Siedlung soll er gebaut haben. »Er war Mäzen. Er hat sich dafür interessiert, wie eine Stadt aussehen soll.

Er war ein Kaufmann, der nicht nur Geld und Werte sammelte. Er war im Vorstand der Kunsthalle, hat die Universität Hamburg mitgegründet, Wissenschaft und Kultur waren ihm wichtig«, erzählt Maeva Emden. Nur: Außer der Familie erinnert sich in Hamburg kaum jemand an den Spender. »Kein Mensch kennt Max Emden«, ärgert sich die Urenkelin.

Um zu überleben, verkaufte Emden Teile seiner Kunstsammlung.

Wie kann es sein, dass Max Emden derart in Vergessenheit geriet? 1929 zog der Kaufmann in die Schweiz, wo er sich die Brissago-Inseln im Lago Maggiore gekauft hatte und darauf eine Villa errichten ließ. Emden war nicht nur erfolgreich, er liebte auch das Leben. Bilder aus dieser Zeit zeigen ihn braungebrannt und meist umgeben von wesentlich jüngeren Frauen. 1934 wird er Schweizer Staatsbürger.

ZWANGSVERKAUF Doch für die Nazis ist und bleibt Emden ein Jude, obwohl er konvertiert war. Seine Firma in Deutschland wird liquidiert, seine Grundstücke werden zwangsverkauft. Um zu überleben, verkauft Emden Teile seiner Kunstsammlung, darunter auch zwei Bilder des Malers Bernardo Bellotto, »Ansicht des Zwingergrabens in Dresden« sowie die »Ansicht der Karlskirche zu Wien«.

Die Bilder landen in Hitlers Privatsammlung. Kurz vor seinem Tod, im September 1940, habe Emden faktisch mittellos dagestanden, konstatiert ein Gutachter.

Außer der Familie erinnert sich in Hamburg kaum jemand an den Spender.

Emdens Sohn ergeht es nicht viel besser. Mit einem falschen Pass flieht er nach Chile, baut sich dort eine neue Existenz auf. »Er wollte nichts mit den Leuten zu tun haben, die aus Deutschland kamen«, erinnert sich Maeva. Erst allmählich könne sie sein Verhalten verstehen, seine Melancholie und Traurigkeit. Kurz vor seinem Tod 2001 habe er nur noch Deutsch gesprochen und erzählt, wie er von der Ges­tapo festgehalten wurde und nach Chile floh.

»Es ist schade, dass wir uns damals nicht alles merken konnten«, erinnert sich die Enkelin. Damals studierte Maeva Emden bereits in Berlin, wo sie sich in einen Hamburger verliebte. So kam sie zurück in die Stadt ihrer Vorfahren.

RECHERCHEN Eines Tages meldeten sich Rechtsanwälte bei der Familie, weil sie in Potsdam ein Grundstück zurückerstattet bekommen sollte. So begann auch Maeva Emden, sich mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen. »Dass Emden aus Hamburg weggegangen ist, nahm man ihm hier übel«, glaubt Joachim Winkelmann. Der pensionierte Hamburger Arzt beschäftigt sich in seiner Freizeit als Heimatforscher in Altona. So kam er auf Max Emden.

»Als die Nazis kamen, wollte man den Juden Emden vergessen, und vergessen – das blieb er dann auch.« Vor einigen Jahren setzte Winkelmann durch, dass in Hamburg ein kleiner Weg nach Emden benannt wurde. Zu wenig, findet der Heimatforscher nach wie vor.

Auch die Jewish Trust Corporation habe nach dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg die Grundstücke zurückgefordert, ohne die Erben zu kennen, berichtet Markus Stoetzel, ein Anwalt der Familie. Der Fall wurde eingestellt und gilt seitdem als abgeschlossen. Damals hatte die Stadt Hamburg behauptet, Max Emden sei kein Jude gewesen, es habe sich um rechtmäßige, reguläre Geschäfte zu angemessenen Bedingungen gehandelt», sagt der Anwalt. «So hat man der Familie vorenthalten, was ihr eigentlich vor 60 Jahren schon zugestanden hätte», so Stoetzel.

CANALETTO Seit 14 Jahren kämpft Stoetzel auch um die Rückgabe der beiden Canaletto-Bilder von der Bundesrepublik Deutschland. Eines der Bilder, «Ansicht des Zwingergrabens in Dresden», hing bis vor einigen Jahren in der Villa Hammerschmidt, dem Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten. Als Stoetzel den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler auf die Geschichte des Bildes hinwies, ließ dieser es abhängen. Inzwischen ist es im Dresdner Militärhistorischen Museum zu sehen. Den Restitutionsanspruch lehnten die zuständigen Behörden bislang ab.

Den Restitutionsanspruch lehnten die Behörden bislang ab.

Möglicherweise kommt nun Bewegung in den Fall. Ende März sprach sich die beratende Kommission für die Rückgabe der Bilder an die Familie aus. Noch steht nicht fest, ob die Bundesregierung der Empfehlung folgen wird. Man warte auf die Begründung, heißt es bei den zuständigen Behörden. Anwalt Stoetzel hofft, dass dadurch auch Bewegung in andere, noch anstehende Restitutionsfälle kommt.

FILM Auf einer Reise nach Italien hörte die Hamburger Filmemacherin Eva Gerberding erstmals die Geschichte von Max Emden. Sie begann zu recherchieren und drehte den Dokumentarfilm Auch Leben ist eine Kunst. Im April kam der Film in die Kinos. Gerberding hofft, dass dadurch die Geschichte bekannter wird. «Das Verhalten gegenüber den Erben ist moralisch unmöglich. Es geht nicht um Gerechtigkeit – es geht um Moral», so ihr Fazit.

Auch Maeva Emden wünscht sich, dass ihre Familiengeschichte noch zu einem guten Ende kommt. Die Rückgabe der Bilder wäre eine Art Versöhnung, so die Wahl-Hamburgerin. Ebenso hofft sie, dass die Stadt Hamburg noch Wege findet, das Andenken an ihren Urgroßvater zu würdigen. Für sie und ihre Familie wäre es eine späte Genugtuung für das, was sie verloren haben.

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Fußball

»Ich weiß, wer Weltmeister wird«

Uri Geller über die Weltmeisterschaft, den Gewinner des Turniers und seinen fatalen Einfluss auf einen verschossenen Elfmeter bei der EM 1996

von Detlef David Kauschke  19.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Sein Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  19.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 18.06.2026