Nachruf

Der sanfte Löwe

»Alles, was mir lieb war, wurde mir genommen, weil ich Jude war«: Ari Rath, Herausgeber der »Jerusalem Post« Foto: dpa

Es waren zwei traumatische Erfahrungen, die sein Leben zutiefst prägten: der frühe Verlust seiner Mutter im Alter von vier Jahren durch Suizid und der österreichisch-deutsche Antisemitismus. Als Arnold Rath am 6. Januar 1925 in Wien geboren, wurde der spätere Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien an seinem Gymnasium noch vor dem »Anschluss« einer »Judenklasse« zugewiesen – und damit zum krassen Außenseiter.

Nach dem »Anschluss« 1938 und nachdem sein Vater ins KZ Dachau deportiert wurde, gelang Rath mit 13 Jahren – kurz zuvor hatte er als Mitglied der zionistischen Jugendbewegung »Makkabi Hazair« noch Flugblätter der »Vaterländischen Front« auf den Straßen verteilt – gemeinsam mit seinem älteren Bruder mit einem Kindertransport über Triest nach Palästina.

Noch an Bord der »Galiläa« schrieb er einen Abschiedsbrief an seine einstigen Freunde in Wien: »Aber trotz allem kann ich nicht ermessen, dass es jetzt ernst ist. Aber eines stärkt einen, dass man nach Eretz fährt und dass man für sein Volk etwas leisten kann.« Sein Bruder Maxi und er versprachen sich von diesem Moment an, miteinander nur noch Hebräisch zu sprechen. »Bis heute ist Hebräisch unsere gemeinsame Sprache geblieben«, sagte Rath jüngst in einem seiner letzten Interviews.

autodidakt
Ari Rath, der sich zeitlebens politisch links verortete, war Gründungsmitglied des in Nordisrael gelegenen Kibbuz Hamadia. Nach dem Geschichtsstudium ging er im Herbst 1946 mit 21 Jahren im Auftrag der Kibbuz-Bewegung für zwei Jahre nach New York, obwohl er anfangs nur rudimentär Englisch sprach. Der talentierte Autodidakt brachte sich die Sprache selbst bei. Sein Auftrag: junge amerikanische Juden für das Kibbuzleben in Palästina anzuwerben. In New York traf er seinen Vater wieder, den er acht Jahre lang nicht gesehen hatte. Dieser hatte Buchenwald, gesundheitlich schwer geschädigt, überlebt. Intuitiv sprachen sie nicht mehr deutsch miteinander. »Wir haben die Sprache bis zuletzt nie wieder miteinander gebraucht«, so Rath.

In den USA lernte er Golda Meir kennen. Im Auftrag von Teddy Kollek, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, sollte er als Unterhändler über 40.000 Bazooka-Granaten für den Unabhängigkeitskampf erwerben. Mit dem Buick seines Vaters transportierte er gemeinsam mit zwei Waffenexperten der Hagana in einer aben- teuerlichen Fahrt zwei Granaten »an einen stillen Ort außerhalb New Yorks«, um die Granaten zu erproben. Die Waffen funktionierten, der Deal kam zustande.

Mehrere Wochen lang verpackte er die Granaten und brachte sie mit einem Leihwagen in den Hafen von Brooklyn. Das Schiff »Russia« überführte sie nach Palästina. Doch Raths Tätigkeit in den USA hatte zur Folge, dass er zur Zeit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 nicht in Israel, sondern in New York war. Es sollte ihn Zeit seines Lebens schmerzen.

1958 wurde Ari Rath Redakteur bei der Jerusalem Post – er sollte das Blatt prägen wie kein Zweiter. Er selbst wurde zu einer Institution im israelischen Journalismus. In den 60er-Jahren gehörte er innerhalb der seinerzeit mächtigen Arbeitspartei zum engen Kreis um Schimon Peres und Yitzhak Rabin. Ende 1965, es war Wahlkampf, arbeitete er für vier Monate – dafür ließ er sich von seiner journalistischen Tätigkeit be- urlauben – als persönlicher Sekretär für Da- vid Ben Gurion. Eine prägende Erfahrung.

Ende der 70er-Jahre wurde er Herausgeber der damals politisch liberalen Jerusalem Post. Politisch gehörte er zu den Stimmen, die sich trotz aller Rückschläge unbeirrbar für eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern einsetz- ten. Zahlreiche palästinensische Intellektuelle und Politiker gehörten zu seinen Gesprächspartnern. »Mein Leben lang habe ich optimistisch in die Zukunft geblickt, und trotz aller Hindernisse schien mir die Zukunft des Staates Israel sicher. Heute bin ich pessimistischer denn je«, schrieb er 2012 in seiner Autobiografie Ari heißt Löwe.

österreich »Im November 1938 hat mich die Stadt Wien im Alter von fast 14 Jahren aus der Heimat meiner Kindheit vertrieben. Alles, was mir lieb war, wurde mir genommen, weil ich Jude war.« Als Ari Rath dies in seiner Autobiografie schrieb, war er 88 Jahre alt. Nach seiner Pensionierung indes knüpfte Ari Rath wieder engere Bande zu seiner früheren Heimat Österreich. Dort wurde er ein beliebter, vielfach ausgezeichneter Interviewgast, gerade auch wegen seiner kritischen Stimme gegenüber der Entwicklung in Israel. Im Jahr 2007 hatte Ari Rath auch wieder, im Ringen mit dem Schmerz über den Verlust seiner einstigen Heimat, neben der israelischen die österreichische Staatsangehörigkeit angenommen.

Ari Raths glänzend geschriebenen Lebenserinnerungen vermitteln einen lehrreichen Einblick in die spannungsvolle Geschichte Israels. Mit diesem imposanten Werk trat er als Zeitzeuge immer wieder in österreichischen Schulen auf. Seine Sehnsucht nach Frieden in Israel war sein größter Wunsch, deshalb äußerte er sich teils scharf über die Entwicklung in Israel. Das Erstarken der rechtsautoritären FPÖ war für ihn ein Schock.

Am Freitag vergangener Woche nun ist Ari Rath im Alter von 92 Jahren gestorben. Israel bezeichnete er, der kritische Linke und große Journalist, immer als seine Heimat. Dort wurde er am Montag im Kibbuz Givat HaShlosha beerdigt.

Programm

Klang, Gang und Streisand: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. Juni bis zum 10. Juni

 02.06.2026

Film

Die Entwirrung der UNRWA

Eine neue Dokumentation beleuchtet Geschichte, Auftrag und politische Rolle des Palästinenserhilfswerks

von Maria Ossowksi  02.06.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

Leipzig

Jennifer Rush lernte mit dem Sandmännchen Deutsch

Die Sängerin mit jüdischem Familienhintergrund kam als Kind nach Deutschland. Warum das für sie ein Schock war und wie ihr das Fernsehen beim Ankommen geholfen hat

 01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Reggio Emilia

Konzert von Kanye West in Italien abgesagt

Hintergrund sind Kanye Wests antisemitische Aussagen und die damit verbundene Sorge, große Proteste könnten die Sicherheit gefährden

 01.06.2026

TV-Tipp

Kultfilm »Harry und Sally« - immer wieder was fürs Herz

Die Komödie des vor Kurzem ermordeten Regisseurs Rob Reiner avancierte zum Kultfilm

von Jan Lehr  01.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026