Glosse

Der Rest der Welt

Yumm! Hamantaschen zu Purim Foto: Getty Images/iStockphoto

Purim ist anstrengend: Die Kostümwahl muss intensiv besprochen, gesucht und gefunden und dann noch einmal kurzfristig geändert werden. Purimpartys für Kinder sind viel zu laut, und die Zuckerdosis erreicht schwindelerregende Marken. Erwachsene, die ihre Kinder als Meerjungfrauen, Dinos, und Feuerwehrleute ausstaffieren, sich mangels Anpassungsfähigkeit aber selbst nicht verkleiden wollen, bilden den Gipfel aller Uncoolness. Egal, muss jeder für sich wissen.

Aber Halt – die Liste geht weiter: Mischloach-Manot, eigentlich eine wunderschöne Sache, denn man geht von Haus zu Haus und verteilt Hamantaschen. 95 Prozent davon sind jedoch ungenießbar: zu hart, zu trocken, zu lieblos gebacken.

Was tun wir uns mit Purim eigentlich an?

Sowieso löst dieses dreieckige Gebäck, das an die Ohren eines Unmenschen erinnert, bei dem der Völkermord-Vorwurf tatsächlich legitim gewesen wäre, identitätspolitischen Streit aus: Marmelade, Mohn oder Schokolade. Konsens sieht anders aus. Außerdem sitzt stets die Angst im Nacken, ob die Kekse nicht misslingen und die Füllung ausläuft.

Glossar-Eintrag
Ad lo jada

Die Wendung »Ad lo jada« – wörtlich übersetzt: »bis man nicht mehr weiß« – gehört zu den bekanntesten Elementen des Purimfestes

Was tun wir uns mit Purim eigentlich an? Warum nehmen wir das alles auf uns? Weil wir uns betrinken dürfen? Trauriges Argument, finde ich. Aber irgendwo tief im Weinglas schlummert vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit. Nicht für den Persilschein von Trunkenheit. Aber jener Moment des Rausches, dessen Zustand natürlich nicht in extremis empfohlen ist, steht für den Inbegriff von Eskapismus. Das ganze Purim-Setting hilft, aus den Fängen der Weltlage für einen Augenblick auszusteigen. Letztens fragte mich ein befreundeter Journalist, wie ich mich eigentlich vom täglichen Newsgeschehen auf der Welt abgrenze.

Ich musste lange nachdenken. Und natürlich gelingt es nicht immer, selbst wenn man sich auf den eigenen Mikrokosmos konzentriert. Aber wo ich so über Purim sinniere, scheint für mich die Sache klar: Der kurze Escape aus der eigenen Rolle in diejenige eines anderen, der gewollte und gezielt eingesetzte Lärm und der eigentliche Spaß, ausgelassen zu feiern – das sind die besten Ingredienzen für innere Ausgeglichenheit.
Funfact dabei: Das für Purim so laute Buhen ist eigentlich eine jüdische Urform des heutigen Kommentarfelds. Es zeigt, wie alt und menschlich die Empörungskultur in Wahrheit ist. Die sozialen Medien haben die Funktion des Ratschens übernommen. Aber das kollektive Dampfablassen ist ein humanes Grundbedürfnis.

Ohne Esther, kein Purim

Und dann ist da noch dieser Konflikt mit Haman: Es ist unumstritten, dass er ein Bösewicht war. Aber lieben wir ihn nicht doch ein wenig? Wohl wissend, wie ketzerisch diese Aussage ist, brauchen wir Haman, um die Geschichte von Purim vollständig und erfolgreich zu machen. Ohne Haman keine Esther. Und ohne Esther? Damit wäre Purim nicht zur Erfolgsgeschichte geworden. Und wir hätten kein Fest!

Also, backen wir die besten Haman­taschen, warum nicht auch mal in salziger Variante, suchen wir das coolste Kostüm und begeben wir uns in den Rausch völliger Selbstvergessenheit – wenn auch nur für ein paar kurze Augenblicke. Vielleicht ist Purim gar nicht so anstrengend, sondern einfach nur schön!

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