Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Es wird dort am offensichtlichsten, wo man es am wenigsten vermutet: Am Frühstückstisch zwischen Kaffee und WhatsApp-Nachrichten erreicht uns die Weltpolitik und frisst sich in unseren Alltag wie ein Krake, dessen umklammernde Kraft uns nicht mehr loslässt. Frühmorgens, wenn die Augen noch kaum auf das grelle Licht des Smartphone-Bildschirms vorbereitet sind, kommt man schnell auf die Idee, dass sich die Welt in einer neuen Gangart befindet.

Aber noch bevor dieser diffuse Gedanke mit scharfen Konturen gefasst werden kann, überschlagen sich weitere News, täglich neu durchmischt mit fetten Leuchtlettern: Trump, Iran, Grönland, Ukraine … Die Liste nimmt kein Ende beziehungsweise wiederholt sich, als müsste der Beweis erbracht werden, dass kein Irrtum besteht. Schon ein Minimum an Medienkonsum reicht aus, um zu verstehen, wie der allgemeine Tenor beinahe mantramäßig klingt: Die alte Weltordnung hat sich verabschiedet und gehört der Vergangenheit an. Gut, und nun wie weiter?

Was bedeutete überhaupt die sogenannte alte Weltordnung? Ist es jene Nachkriegsarchitektur aus westlicher Dominanz, stabilen Bündnissen und dem stillschweigenden Versprechen stetigen Wachstums? War sie denn nicht mehr als nur ein geopolitisches Konstrukt? Natürlich war sie das. Sie war ein Lebensgefühl. Sie äußerte sich im Vertrauen darauf, dass Dinge verfügbar bleiben, dass Energie aus der Steckdose kommt, dass Frieden in Europa kein politisches Projekt, sondern ein lang anhaltender Zustand ist. Und jetzt? Jetzt ist dieses Gefühl brüchig geworden. Und wir schwimmen, getrieben von Ohnmacht und künstlicher Hilflosigkeit.

Es ist weder altbacken noch floskelhaft zu behaupten, die Zeit habe ihr Tempo verändert.

Trotzdem ist es weder altbacken noch floskelhaft zu behaupten, die Zeit habe ihr Tempo verändert. Nachrichten erreichen uns nicht mehr gefiltert und sortiert, sondern roh, live, ungeordnet. Kriege, Krisen und Katastrophen katapultieren sich in die Unwichtigkeiten des Alltags, die ihn für uns doch eigentlich so bedeutsam machen. Und die Vorstellung, dass die alte Weltordnung aus klar definierten Linien und Grenzen sowie überschaubaren Narrativen bestand, gilt nicht mehr. Denn Deutungen fungieren als neue Messlatte und konkurrieren in Echtzeit. Wahrheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine Frage der Reichweite. Also nochmals: Wie weiter?

Stefan Zweig lieferte vor weniger als 100 Jahren bereits die Antwort in Die Welt von gestern: Die scheinbar sichere, liberale und kosmopolitische Welt des alten Europa war eine historische Ausnahme, eine Art Illusion, die die Menschen blendete, und ihr Zusammenbruch zeigte, wie zerbrechlich Zivilisation, Freiheit und Humanismus tatsächlich waren – und es bis heute sind.

»Die alte Weltordnung kommt nicht zurück, wir sollten sie nicht betrauern, denn Nostalgie ist keine Strategie«, sagte der kanadische Regierungschef Mark Carney vergangene Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Seine Worte hallen nach. Wenn Weltordnung nicht mehr abstrakt ist, sondern spürbar, zwingt sie doch zur Haltung. Aber liegt darin nicht auch eine Chance? Selbst wenn Push-Nachrichten unseren Alltag infiltrieren und das diffuse Gefühl, dass Normalität kein stabiler Zustand mehr ist, eine neue Art von Allgemeinzustand definiert. Vielleicht ist genau dies das Neue: dass wir lernen müssen, mit einer Welt zu leben, die uns nichts mehr verspricht – außer Veränderung.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Die 20-jährige Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist Journo Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 21.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

London

Boy George nimmt Pro-Israel-Song mit großer Band neu auf

Mit diesem Schritt erhofft sich der britische Popsänger eine größere Verbreitung von »We Will Dance Again«. Auf den Hass von Israelfeinden reagiert er ebenfalls mit einem neuen Lied

von Imanuel Marcus  21.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026

Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Wie jüdische Mäzene im 20. Jahrhundert der Moderne zum Durchbruch verhalfen

von Jana Talke  20.08.2026

Kulturkolumne

Some like it cold

Warum Disneys Eiskönigin nicht nur gegen Hitze hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026