Glosse

Der Rest der Welt

Glosse

Der Rest der Welt

Warum Franz Kafka Challe mit Zimt hätte essen sollen

von Katrin Richter  09.09.2025 17:55 Uhr

Es gibt ja diese Seinfeld-Folge, in der George glaubt, den alten LeBaron des Schauspielers Jon Voight gekauft zu haben. Was sich später als eine kleine Verwechselung wegen eines einzigen Buchstabens herausstellt, nämlich dem vorhandenen »h« im Vornamen des Autobesitzers, wird anschließend von Jerry so richtig aufs Korn genommen. Dieser entdeckt nämlich, dass das Auto einem John Voight gehörte: »Schau mal, da steht Gregory Pecks Fahrrad und dort Barbara Mandrells Skateboard«, stichelt er gegenüber George, der ihn daraufhin aus dem Auto wirft.

An diese Folge also, sie heißt übrigens The Mom and Pop Store, musste ich denken, als ich neulich in einer Zeitung über Franz Kafkas Kochbuch gelesen habe. Wie bitte? Franz Kafkas was? Zwei Gedanken schossen mir sofort durch den Kopf. Gedanke eins: Kafka aß doch sehr übersichtlich, wie wir alle aus den Korrespondenzen wissen. Und wer es nicht wusste: Offensichtlich ist ja, dass er sehr, sehr – eigentlich zu sehr – schlank war. Gedanke zwei: Was kommt als Nächstes? Kafkas Gartenbuch? Kafkas Yogabuch? Kafkas Telefonbuch?

Also warf ich einen Blick in besagtes, neu aufgelegtes Kochbuch und lernte aus dem Vorwort Folgendes: Franz Kafka war 1,81 groß und wog 61 Kilogramm, er achtete penibel auf seine Kost, und so richtig Franz Kafkas Kochbuch ist es nun auch wieder nicht. Denn es ist das Kochbuch von Elise Starker, die Chefköchin in »Dr. Lahmanns Sanatorium auf dem Weißen Hirsch bei Dresden« war, einem Sanatorium, in dem sich der junge Schriftsteller einst aufhielt und am Ende seines Aufenthalts das bekam, was offenbar allen Gästen in die Hand gedrückt wurde: Elise Starkers »Hygienisches Kochbuch«. Und genau daran, an dieser Kost, orientierte sich der Schriftsteller. Aber zugegeben: Dessen Name ist halt nicht der von Franz Kafka.

Nun, es ist, wie es ist. Kafka war dünn, brillant und ein bisschen weird.

Was finden wir also in der Rezeptesammlung? Etwa Folgendes: Wurzelsuppe, Apfelkaltschale, Pfirsichkaltschale – überhaupt viele Kaltschalen –, gefüllte Champignons, Buchweizen-Schnitten, Spinat-Schnitten, Aufläufe, sogar Kuchen. Kein Fleisch, kein Fisch, aber Butter, Eier, Milch und Quark. Irgendwie klingt alles nicht weit weg – und manchmal auch lecker. Die Zubereitungsanweisungen waren damals auch eher übersichtlich. Wie bei Rezept Nummer 401. Zwei Sätze, fertig ist die Soße!

Meine Kollegin Nicole und ich rätselten vergangene Woche, ob Franz Kafka ein anderer Schriftsteller geworden wäre, hätte er einfach zwischendurch etwas kräftiger gegessen. Keinen Braten, aber so ein beinahe noch warmes Stück Challe mit Zimt vielleicht? Welches Stück Gebäck stopft Sorgen, Befürchtungen und Kopfkino besser weg als Challe mit Zimt?

Hätte Josef K. doch nur ab und an mal seine Zähne in dieses weiche Stück Glück geschlagen, wäre der Landarzt lieber nicht nachts noch einmal losgegangen. Und erst der Brief an den Vater: Hätte Kafka seinem Dad doch einfach eine Challe mit Zimt gebacken – er hätte sie sogar in Bratensoße tunken können. Nun, es ist, wie es ist. Kafka war dünn, brillant und ein bisschen weird. Aber: Sind wir Letzteres nicht irgendwie alle (manchmal)?

New York

Buch über Hersh Goldberg-Polin auf Platz eins der Bestsellerliste

Rachel Goldberg-Polin, die Mutter, schildert vor allem die Zeit nach der Beisetzung ihres Sohnes Ende August 2024 und beschreibt das Leben ihrer Familie in einer Welt »davor« und »danach«

 30.04.2026

Aufgegabelt

Kabeljau mit Tahini

Unser Rezept der Woche

von Katrin Richter  30.04.2026

Lesen

Das Gefühl des Kontrollverlusts

Der Amerikanist Michael Butter setzt sich erneut mit dem Begriff der Verschwörungstheorie auseinander, versäumt aber etwas

von Till Schmidt  30.04.2026

Glosse

Tipps und Tricks für Judenhasser

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Eine Handreichung

von Daniel Neumann  30.04.2026

Kino

Miranda ist zurück

20 Jahre nach dem großen Erfolg von »Der Teufel trägt Prada« geht es weiter. Und das Ticket lohnt sich sogar

von Sophie Albers Ben Chamo  30.04.2026

Kulturkolumne

Wer braucht schon Kontakte ins Weiße Haus?

Unser Autor hat das nicht nötig – dank seiner Belarus-Connection

von Eugen El  30.04.2026

Medien

Springer-Chef Döpfner nimmt »Politico«-Redaktion in die Pflicht

Niemand sollte für Axel Springer arbeiten, wenn er Israels Existenzrecht anzweifelt, stellt Mathias Döpfner nach Kritik aus der »Politico«-Redaktion klar

 29.04.2026 Aktualisiert

Zahl der Woche

5 Millionen Bücher

Funfacts & Wissenswertes

 29.04.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 29.04.2026