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Das Gefühl des Kontrollverlusts

»Nichts ist, wie es scheint« – ein Buch über Verschwörungstheorien

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Das Gefühl des Kontrollverlusts

Der Amerikanist Michael Butter setzt sich erneut mit dem Begriff der Verschwörungstheorie auseinander, versäumt aber etwas

von Till Schmidt  30.04.2026 12:10 Uhr

Ein Blick in die sozialen Medien verheißt selten Gutes. Zumindest bei X ist offenkundig, dass Elon Musk die Plattform zu einer Schleuder für konspirationistische Erzählungen gemacht hat. Und wer dann noch verfolgt, was Donald Trump, die AfD und andere extreme Populisten auf ihren digitalen Kanälen posten, könnte fast glauben, Verschwörungstheorien seien ein Symbol für die heutige Zeit, die sich unaufhaltsam in Richtung autoritäre Regression entwickelt. Aber ist das wirklich so?

Bestsellerautor Michael Butter widerspricht dieser pauschalen Einschätzung. In Die Alarmierten. Was Verschörungstheorien anrichten gibt der Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen einen umfassenden Einblick in die Ergebnisse seiner jahrelangen Forschung. Wie schon im Vorgänger »Nichts ist wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien möchte Butter Impulse über Fachkreise hinaus geben, damit wir Verschwörungstheorien differenzierter verstehen, unaufgeregter über sie sprechen – und ihnen dadurch effektiver begegnen. Das gelingt dem Autor über weite Strecken.

Butter macht an vielen Stellen deutlich: Verschwörungstheorien sind auch in Deutschland ein Sicherheitsproblem.

Unter Verschwörungstheorien versteht Butter Erklärungen für Ereignisse oder Prozesse, die diese auf Komplotte zurückführen. Dabei gehen Verschwörungstheorien seinem Verständnis nach stets von der Behauptung aus, dass nichts durch Zufall geschieht, sondern alles von einer Gruppe Menschen geplant und auch erfolgreich in die Tat umgesetzt wird. Zudem würden die entscheidenden Dinge im Verborgenen und im Geheimen geschehen. Zuletzt behaupteten Verschwörungstheorien, dass viel mehr zusammenhänge, als man üblicherweise in Verbindung bringen würde.

In detaillierter analytischer Sortierarbeit liefert Butter Argumente, warum es Sinn ergibt, am klassischen Begriff der Verschwörungstheorien festzuhalten. Dazu kommt auch eine didaktische, strategische Komponente: Die Rede von Verschwörungsmythen, -ideologien oder -erzählungen sei in der Regel so stigmatisierend, dass sie eine produktive Beratungsarbeit mit ihren Anhängerinnen und Angehörigen stark erschwere. Über das gesamte Buch merkt man, wie sehr Butter versucht, pragmatische Aspekte des Sprechens über Verschwörungstheorien mitzudenken.

Butter deutet den Glauben an Verschwörungstheorien auch sozialpsychologisch.

Dazu gehört auch seine These, dass Verschwörungstheorien nicht per se antisemitisch und rechtsextrem seien. Butter zählt konkrete Beispiele auf, wie etwa der gängigsten Varianten der Mondlandungsverschwörungstheorie. Umgekehrt macht er aber auch deutlich: Praktisch alle Formen des zeitgenössischen Antisemitismus sind konspirationistisch. Antisemitismus versteht Butter als eine »dicke Ideologie«, die sich – analog etwa zum Populismus – an die »dünne Ideologie« des Konspirationismus hefte.

Diese analytische Trennung ergibt Sinn. In seiner nachvollziehbaren Kritik am Studiendesign vieler wissenschaftlicher Umfragen zu Verschwörungstheorien versäumt Butter aber eines: die Verbindung von Antisemitismus und Konspirationismus mitzudenken. Nur so kann er die Schätzung aufrechterhalten, die Verbreitung von Verschwörungstheorien in Deutschland bewege sich lediglich in einem Bereich »um die zehn Prozent« der Bevölkerung. Nimmt man beides zusammen, wäre das ein wesentlich größerer Anteil. Gleichzeitig macht Butter an vielen Stellen deutlich: Verschwörungstheorien sind auch in Deutschland eindeutig ein Sicherheitsproblem.

Insgesamt deutet Butter den Glauben an Verschwörungstheorien auch sozialpsychologisch: als ein Symptom und als Ausdruck eines Gefühls von »Kontrollverlust«. Der Verweis auf diese Funktion rundet sein lesenswertes Buch ab. Und lenkt den Blick auf die wichtige Frage, warum manche Menschen an so ungemein simplifizierende Erklärungen für politische, historische Ereignisse oder Prozesse glauben – obwohl doch eigentlich leicht zu verstehen wäre, dass die Welt so überhaupt nicht funktioniert.

Michael Butter: »Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten«. Suhrkamp, Berlin 2025, 247 S., 22 €

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