Glosse

Spanischi Nüssli und andere Schweizer Eigenarten

Foto: Getty Images/iStockphoto

Was verbindet die Identitätskarte mit der Rappenspalterei, den Esel am Berg mit der Faust im Sack? Es sind Helvetismen, über die so mancher Deutsche stolpert, wenn er in der Schweiz landet. Ein Freund versteht mich tatsächlich manchmal nicht, wenn ich gewisse Ausdrücke verwende, die offenbar nur in der Schweiz gebräuchlich sind.

Ich übersetze dann und fühle mich gleichzeitig schlecht dabei. Das ist so eine Eigenart von uns. Wir fühlen uns gegenüber Deutschen oft minderwertig, wenn es um Sprache und Eloquenz geht. Aber zu Recht? Denken Schweizer tatsächlich auch langsamer, weil sie sich langsamer artikulieren? Mitnichten.

Helvetisches Kolorit

Woher also stammt dieser Minderwertigkeitskomplex vieler Schweizer gegenüber Deutschen, die es wiederum charmant finden, das helvetische Kolorit herauszuhören? Wenn es dann stolz von deutscher Seite heißt: »Ich habe Schweizerdeutsch recht gut verstanden« – und dabei ist nicht der Dialekt, sondern die mit Akzent gefärbte Standardsprache gemeint –, so fühlt sich manch einer schnell beleidigt.

Umgekehrt reagiere auch ich jedes Mal echauffiert, wenn »änet em Rhy« (auf der anderen Seite des Rheins) behauptet wird, Hochdeutsch sei eine Fremdsprache. Wie bitte? Geht’s noch? Hochdeutsch ist keine andere Sprache! Sie ist nur das Ergebnis einer Normung. Zugegeben, es klingt in deutschem Ohr vermutlich etwas seltsam, wenn Schweizer Hochdeutsch sprechen.

Aber sie haben in dieser Hinsicht vielleicht ein speziell sprachliches Gehör, leben sie doch in einem Land mit vier Landessprachen – oder sagen wir vielleicht besser fünf. Englisch ist die inoffizielle Landessprache. Und wenn sich Deutsch- mit Westschweizern, den Romands, unterhalten und Englisch sprechen, dann ist das nicht als »clash of culture«, sondern als Armutszeugnis zu bezeichnen. Natürlich ist es gut, Englisch als universelle Sprache zu fördern, aber nicht zulasten der Nationalsprache.

Der Blick auf die Sprachgeschichte zeigt, dass die meisten europäischen Staaten nach dem Prinzip aufgebaut sind: eine Sprache, ein Volk. Da ist die Schweiz eine große Ausnahme. Es ist nun einmal so, dass hier vom – Vorsicht, Helvetismus – Straßenputzer bis zum Hochschulprofessor Dialekt gesprochen wird – zum Beispiel Berndeutsch, Bündnerdeutsch, Zürichdeutsch, Baseldeutsch, Zürichdeutsch, Solothurnerdeutsch oder Walliserdeutsch.

Schweizer Hochdeutsch

Es wird überdacht von der schweizerischen Variante des Standarddeutschen, dem Schweizer Hochdeutsch (in der Schweiz auch Hochdeutsch, Schriftdeutsch oder Schriftsprache genannt), das dann mit Helvetismen angereichert ist. Und so fahren Schweizer mit dem »Tram« ins »Spital« oder auf »Schulreise«, lassen dabei dem Autofahrer den »Vortritt« und essen dazu »Spanischi Nüssli«. Das darf keineswegs zu Hemmungen führen.

Sollten dennoch ungute Gefühle gegenüber dem »großen Kanton« aufkommen, zumindest sprachlich, so sei das Lied »Hemmige« des Berner Chansonniers Mani Matter empfohlen: »Sʼgit lüt, die würden alletwäge nie, es Lied vorsinge, so win ig jitz hie, eis singe um kei prys, nei bhüetis nei, wil si hemmige hei …«

Meinung

Die Eurovision gehört der Musik

Abermals wird der Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert. Doch das liefe auf eine Untergrabung des Formats hinaus, das so zum politischen Instrument verkommen würde

von Nicole Dreyfus  22.04.2026

Programm

Chassidischer Workshop, uralter Blockbuster und eine vergessene Heldin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. April bis zum 30. April

 22.04.2026

Zahl der Woche

2010

Funfacts & Wissenswertes

 21.04.2026

Theater

Eine Party der perfidesten Art

Simone Blattner inszeniert in Weimar den subversiv-doppelbödigen Text »Rechnitz (Der Würgeengel)« von Elfriede Jelinek

von Joachim Lange  21.04.2026

Biografie

Konzertmeister des Stardirigenten

In seinem neuen Buch über Herbert von Karajan bezieht sich der Historiker Michael Wolffsohn auch auf den Schoa-Überlebenden Michel Schwalbé. Ein Auszug

von Michael Wolffsohn  21.04.2026

Literatur

Neue Literatur zur Frage: Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein?

Jüdische Gemeinschaften sind gespalten – nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg. Viele Linke sehen sich in ihrem eigenen Umfeld mit Antisemitismus konfrontiert. Zwei neue Bücher liefern Denkanstöße

von Leticia Witte  21.04.2026

Kolumne

»Un-fucking-believable«

Als erste Israelin: Noga Erezʼ fast surrealer Auftritt auf dem Coachella Valley Festival

von Laura Cazés  21.04.2026

New York

»Der Teufel trägt Prada 2« feiert Premiere

Der 2006 erschienene erste Teil gilt als Kult. Die Premiere der Fortsetzung zieht die Prominenz in Scharen an. Wann startet das Werk in Deutschland?

 21.04.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Kamele an der Limmat oder wie Zürich mit Tradition umgeht

von Nicole Dreyfus  20.04.2026