Superman

Der Nerd als Held

Jiddisches Jingele: Clark Kent alias Superman Foto: cinetext

Was für ein netter Mann!», bemerkt die eine Frau an den Niagarafällen. Gerade eben ist Superman mit flatterndem roten Cape eingeflogen und hat einen Jungen aufgefangen, der dort übers Geländer geplumpst war. «Aber klar doch», erwidert die andere Frau in dem Film Superman II aus dem Jahr 1980. «Er ist Jude, wissen Sie.»

hebräisch Aber klar doch ist er Jude. Schließlich sind die meisten Namen, die auf «-man» enden, jüdisch: Zuckerman, Perlman, Silberman. Warum also nicht auch Superman? Dann ist da die Sache mit seinem Pseudonym. Der Held, der über mehr als nur herkulische Kräfte verfügt, verwandelt sich zwecks Tarnung in einen schmächtigen Warmduscher mit Brille namens Clark Kent, von Beruf natürlich Journalist. Clark Kent! Das klingt dermaßen protestantisch-weiß-angelsächsisch, dass sich eigentlich nur ein Jude für ein solches Pseudonym entscheiden kann. Supermans wirklicher Name ist Kal-El, was nicht nur hebräisch klingt, sondern wahrscheinlich auch ist. «El» heißt Gott, «Kal» klingt wie «Kol», was Stimme bedeutet. Superman wäre demnach die Stimme des Göttlichen.

Schließlich die Geschichte seiner Herkunft: Sein Heimatplanet Krypton ist explodiert, ihn hat man als Baby in einen Kristallstern gelegt, so wie Moses in sein Weidenkörbchen. Seine Pflegeeltern sind dann zwar gute Christen (und gute Menschen): Farmer im Bundesstaat Kansas, dort, wo der Mittlere Westen Amerikas ganz flach und der Himmel ganz weit ist. Seine wirklichen Eltern aber waren zwei jüdische Jungs aus Cleveland in Ohio.

loser Die Geschichte, die Larry Tye in seinem Buch Superman – The High-Flying History Of America’s Most Enduring Hero erzählt, ist so gut, dass man sie für erfunden halten könnte. Es stimmt aber jedes Wort. Da war der prototypische schüchterne Junge, der sich im Klassenzimmer in die Hosen machte, weil ein Lehrer ihn nicht rechtzeitig aufs Klo gehen ließ, der sich am Valentinstag selbst Glückwunschkarten schrieb, weil das sonst niemand tat. Jerry Siegel war sein Name. Am Wochenende ging er ins Kino und versank in einer Traumwelt.

Dann kam das Jahr 1932, Jerry war noch keine 18 Jahre alt. Ihm passierte im wahren Leben, was später so ähnlich auch Comic-Helden wie Batman und Spiderman widerfahren sollte: Sein Vater wurde von Gangstern erschossen. Just in diesem Moment kam Jerry eine folgenreiche Idee. Er schrieb eine Kurzgeschichte über einen Helden mit übermenschlichen Fähigkeiten, der einen Mann mittleren Alters rettet, der von einem Räuber bedroht wurde. «The Super-Man» hieß der Held, den ein Junge erdachte, der postum seinen Vater retten wollte.

Das andere Elternteil von Superman hieß Joe Shuster, Sohn eines erfolglosen Schneiders. Der extrem kurzsichtige Shuster war womöglich noch weltfremder, noch stärker in sich selbst zurückgezogen als Jerry Siegel. Die beiden wurden Freunde. Und in einer heißen, beinahe schlaflosen Sommernacht, kam in einer Sturzgeburt der Superman-Mythos auf die Welt. Der Held, der all das konnte, was Jerry Siegel und Joe Shuster sich erträumten: über Wolkenkratzer springen, schneller rennen als ein Zug in voller Fahrt, von Mädchen bewundernde Blicke ernten.

abgezockt Siegel und Shuster waren zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alt und wohnten noch bei ihren Eltern. Keiner hatte eine Freundin. Allerdings heuerte Joe Shuster ein Modell an, eine gewisse Joanne Carter, die dann auf dem Papier zu Lois Lane wurde, der hübschen brünetten Kollegin von Clark Kent, die in dem Waschlappen nie den Mann aus Stahl erkennt. Im wirklichen Leben heiratete sie später Jerry Siegel.

Der nächste Teil wirkt wie aus einem Roman über arme Künstler abgeschrieben. Die beiden netten, naiven Jungen mit der Superidee trafen auf zwei knallharte Geschäftsleute. Sie hießen Harry Donenfeld und Jack Liebowitz, und auch sie waren Juden. Donenfeld und Liebowitz hatten gerade – es war mitten in der Wirtschaftskrise, man schrieb das Jahr 1938 – für wenig Geld einen Comicbuchverlag gekauft. Siegel und Shuster hatten dort ein paar harmlose Bildergeschichten veröffentlicht. Donenfeld und Liebowitz warfen nun in einem Anfall von Genialität eine neue Serie auf den Markt, die «Action Comics» hieß. Kein Mensch erinnerte sich hinterher, was sonst noch alles im Heft Nummer 1 publiziert worden war – aber der tolle Mann mit den roten Unterhosen über dem blauen Trainingsanzug war sofort ein Hit.

Der Betrag, den Siegel und Shuster für ihre Erfindung bekamen, ist legendär: 130 Dollar. Das war damals vielleicht ein Monatsverdienst. Dafür traten sie Donenfeld und Liebowitz, die in diesem Stück die Rolle der Halunken spielen, praktisch alle künftigen Rechte an Superman ab. Später gab es ein paar Gerichtsprozesse, und Siegel und Shuster bekamen immer wieder mal Geld zugeschoben. Doch gemessen an den Millionen, die in den folgenden Jahrzehnten mit Superman verdient wurden, waren die Summen, mit denen man Shuster und Siegel von Zeit zu Zeit bedachte, kein Stück vom Kuchen, sondern nur Krümel. Phasenweise wussten die wahren Superman-Erfinder buchstäblich nicht, wie sie ihre Miete bezahlen sollten. Als Joe Shuster starb, hinterließ er kein Vermögen, sondern Kreditkartenschulden.

abgang 1992 wurde in der Chefetage von «Detective Comics», dem Verlag, der die Superman-Comics produzierte, ein bitterer Entschluss gefasst: Superman muss sterben! Der Überheld segnete im Kampf gegen einen besonders perfiden Gegner namens «Doomsday» das Zeitliche. Durch seinen Tod rettete Superman die Menschheit, wodurch er Züge von Christus annahm. Leider gelang ihm die Auferstehung nicht. Batman, Spiderman und Iron Man wurden als Kinohelden nach der Jahrtausendwende neugeboren; an den jüngsten Superman-Film aus dem Jahr 2006 erinnert sich kaum jemand.

Doch im Bewusstsein der Amerikaner bleibt der jüdische Fremdling von dem Planeten Krypton lebendig. Als jetzt in einem Kino in Denver zwölf Menschen in ihrem Blut lagen, niedergeschossen von einem kaltblütigen Mörder – hätten wir uns da nicht einen Mann mit einem wehenden Umhang gewünscht, der sich vor die Wehrlosen wirft; einen Helden mit Augen wie Laserstrahlen, an dessen Stahlkörper die Kugeln harmlos abprallen?

Larry Tye: «Superman. The High-Flying History Of America’s Most Enduring Hero». Random House, New York 2012, 409 S., 27 $

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