Meinung

DAVO: Feindbild und Ausschluss

Die Soziologin Julia Bernstein, Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences Foto: privat

Hat sich bei der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient (DAVO) der Wind endgültig gedreht? Kürzlich von der Zeitung »Die Welt« veröffentlichte Recherchen lassen diesen Schluss zu. Die Ausrichtung unter dem neuen Vorstand beschwört moralische und wissenschaftliche Integrität, legitimiert jedoch antiisraelische, antizionistische und in der Konsequenz antisemitische Narrative.

Woher der Wind jetzt weht, lässt sich deutlich aus dem Zusammenspiel von programmatischer Ausrichtung und öffentlichen Positionierungen der Verantwortungsträger ablesen. Die programmatische Ausrichtung bezieht sich im Gestus couragierter Wissenschaft unter anderem auf eine »sichtbare Solidarität mit Palästina«. Die öffentlichen Positionierungen von Verantwortungsträgern zeigen auf, was darunter verstanden werden kann.

Vorstandsmitglieder werben öffentlich für einen Boykott des israelischen Staates

Die neue Vorsitzende Christine Binzel (FAU Erlangen-Nürnberg) wirbt ebenso wie das Vorstandsmitglied Hanna Kienzler (King’s College London) öffentlich für einen Boykott des israelischen Staats und seiner Institutionen. Die von beiden unterzeichnete Uppsala Declaration und ein daran angelehnter Aufruf identifizieren israelische Universitäten als Komplizen »illegaler Besatzung, Apartheid, Völkermord und anderen Verstößen gegen das Völkerrecht«. Anklage und Urteil zeichnen ein Feindbild des jüdischen Staats, dem die »ungezügelte Vernichtung Palästinas und des palästinensischen Volkes« zur Last gelegt wird.

Antisemitischer und terrorglorifizierender Aktivismus an deutschen Hochschulen gerät aus fraternisierender Perspektive lediglich vor dem Hintergrund seiner vermeintlichen »Kriminalisierung« in den Blick. Auf dem X-Account von Hanna Kienzler lassen sich viele weitere Beispiele einer propagandistischen und aktivistischen Positionierung gegen den jüdischen Staat beobachten. Dass sie im Zuge des Waffenstillstandsabkommens von »palästinensischen Geiseln«  und fortgesetztem Genozid schwadroniert, ist nur eine Spitze.

Im wissenschaftlichen Beirat sitzt Serena Tolino (Universität Bern), die sich bereits 2016 für einen Boykott des Technion in Haifa aussprach. Tolino war Leiterin des Instituts für Studien zum Nahen Osten und zu muslimischen Gesellschaften an der Universität Bern, bevor sie von ihren Aufgaben entbunden und das Institut 2024 geschlossen wurde. Ein Mitarbeiter – zugleich Tolinos Lebenspartner – glorifizierte das terroristische Massaker vom 7. Oktober 2023 als »Geschenk«. Tolino distanzierte sich davon lediglich zögerlich und in einer Weise, die keinerlei antisemitische Dimension erkennen wollte.

Romantisierung von antisemitischer Gewalt und Terror

Deutlich brachte die mit dem Feindbild Israel begründete Romantisierung von antisemitischer Gewalt und Terror die stellvertretende Vorsitzende Hanna Al-Taher (TU Dresden) zum Ausdruck. Al-Tahers Ausführungen lege nahe, dass sie das terroristische Massaker vom siebten Oktober 2023 als befreiende Episode versteht.  Mit Blick auf die Überwindung des Grenzzauns bemüht sie das den Terror ästhetisierende Bild einer temporären Befreiung eines palästinensischen Opferkollektivs. In diesem Zusammenhang fabuliert sie vom »Ausbruch, Rückkehr, Freiheit« – Vokabeln, die den Terror, die Vergewaltigungen, die Entführungen und die Morde überlagern, die bei ihr lediglich legitimierend als »Operation« angesprochen werden.

Es steht zu befürchten, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Israel zunehmend in eine Frontstellung gegen Israel übergeht.

Was bedeutet das für die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient? Es steht zu befürchten, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Israel zunehmend in eine Frontstellung gegen Israel übergeht. Für die Wissenschaft bedeutet das eine aktivistisch geprägte und doktrinäre Engführung, für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nicht auf Linie sind, schließen sich Räume.

Diese besorgniserregende Entwicklung steht symptomatisch für die Situation jüdischer und israelischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland. Ihr Hochschulalltag ist geprägt von Unsicherheit und Marginalisierung. Viele von ihnen erleben Anfeindungen oder Bedrohungen, die nicht ausschließlich von aktivistischen Studierendengruppen ausgehen.

Diskriminierende Mechanismen

An den Universitäten und in den Wissenschafts-Communities stoßen sie vielfach auf Unverständnis oder Indifferenz, mehr noch sind dort mitunter mit anderen diskriminierenden Mechanismen konfrontiert: Man meidet sie oder reguliert ihre Sichtbarkeit über die Einschränkung ihrer Teilhabe an Gremien, Veranstaltungen oder Veröffentlichungen. Für jüdische und israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schließen sich immer mehr Räume. So auch bei der DAVO.

Das geht nicht nur auf Boykottaufrufe zurück, sondern auf eine aus der Selbstdarstellung vermittelten Atmosphäre, in der Israel als Feindbild kultiviert und Terror gegen Israel relativiert oder glorifiziert wird.

Eine solche Atmosphäre hat Ausschlussmechanismen längst informell auf Dauer gestellt, verlangt sie doch für jüdische und israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Zugangsbedingung einen »israelkritischen« Gesinnungstest und stellt vor allem das Wagnis und die Gefahr dar, Projektionen auf sich zu ziehen und selbst als Komplize eines als Verbrecherstaats dämonisierten Israels und damit als Feind identifiziert zu werden. So geht es los mit den Bedrohungen und Angriffen.

Zeitgeschichte

Entebbe und kein Ende

Der Historiker Jan Gerber zeigt in seinem neuen Buch, wie aus dem Antizionismus der 68er-Generation radikale antisemitische Praxis wurde

von Ralf Balke  01.07.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. Juli bis zum 9. Juli

 01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026

Fußball

Länderspiel verlegt: Irland verzichtet auf Israel-Boykott

Irlands Fußballverband FAI will das UEFA-Nations-League-Spiel gegen Israel nun in Serbien austragen - auch, um einen Abstieg zu vermeiden

 01.07.2026

Berlin

Jüdische Kunstschule und UdK wollen kooperieren

Auch die Universität der Künste war nach dem 7. Oktober 2023 mehrfach Schauplatz »propalästinensischer« Aktionen. Nun will sie jüdischen Künstlern einen geschützten Raum bieten

 01.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026