Redezeit

»Das Leben ist ein Geschenk«

Frau Borowick, Sie haben Ihre Eltern, die beide an Krebs erkrankt waren, währenddessen fotografisch begleitet. Ihr Projekt »A Life in Death« hat damit den zweiten Preis des World Press Photo Award bekommen. Wie haben Sie das alles verarbeitet?
Das vielleicht Schönste an allem, was ich durchgemacht habe, ist, dass Menschen auf mich zukommen und einfach mit mir reden. Denn so habe ich auch all das verkraftet: Ich habe meinen Mitmenschen alles erzählt. Ob sie wollten oder nicht, aber ich musste es loswerden.

Sie haben sich einem Thema gewidmet, worüber niemand sprechen möchte – dem Tod der eigenen Eltern.
Niemand möchte so richtig akzeptieren, dass der Tod zum Leben gehört. Selbst ich wollte es nicht, aber ich hatte keine Wahl. Allerdings habe ich meine Eltern nicht mit der Absicht fotografiert, diese Bilder später zu veröffentlichen. Der Prozess des Fotografierens war eher eine Art Therapie für mich selbst. Ich bin gerade einmal 30 und hatte nicht erwartet, dass das alles so schnell gehen würde. Aber darüber hat man keine Kontrolle. Der Blick zurück fällt mir schwer – die Zeit war so unendlich traurig. Aber es gab auch schöne Momente.

Wie haben Ihre Eltern Ihnen von der Krankheit erzählt?
Meine Mutter war 16 Jahre lang krank, hatte bereits zweimal Brustkrebs gehabt. Sie hatte zwölf Jahre keinen Rückfall, erst im Herbst 2012 war es dann so weit. Wir wussten immer, dass das passieren könnte. Sie hat allerdings nie zugelassen, dass die Krankheit ihr Leben bestimmte. Am 6. Dezember 2012 wollten meine Eltern mit mir Essen gehen. Sie verhielten sich irgendwie seltsam, und ich ahnte vielleicht, dass es etwas sehr Schlimmes war. Mein Vater erzählte mir dann, dass er inoperablen Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium hatte. Ich war komplett schockiert.

Wie verliefen die Wochen danach?
Ich bin Freiberuflerin in New York und habe sofort alle Termine abgesagt, um bei meinen Eltern zu sein. Mein jetziger Mann war damals bei mir. Er unterstützte mich und pushte mich auch, denn er hatte ein anderes Bewusstsein für Zeit. Seine Mutter war an Eierstockkrebs gestorben, und er wusste genau, was ich durchmache. Er sagte mir, dass die Zeit kostbar sei.

Wann haben Sie sich entschieden, Ihre Eltern zu fotografieren?

Ich habe meine Mutter schon als Studentin für ein Projekt mit der Kamera begleitet, als sie einen der früheren Rückfälle hatte. Als dann mein Vater erkrankte, fragte er meine Mutter, ob sie es für eine gute Idee halte, wenn ich auch ihn fotografierte. Ich hatte meine Kamera immer dabei.

Ihre Bilder zeigen den Alltag Ihrer Eltern – mit all seinen Facetten.

Ein Bild entstand zum Beispiel während ihrer Chemotherapie. Als ich dieses Bild aufnahm, hatte ich nicht das Gefühl, dass es meine Eltern seien, die dort nebeneinander sitzen und durch deren Körper gerade Gift läuft. Ich dachte eher: Dieses Bild ist symmetrisch, das Licht ist so und so ... Die Kamera war für mich Selbstschutz.

Hat Ihre Familie Sie jemals gebeten, keine Fotos zu machen?
Das fragen mich andere Fotografen oft, denn deren Eltern oder Großeltern wollten nicht fotografiert werden. Und wenn meine Mutter und mein Vater mich je gebeten hätten, damit aufzuhören, hätte ich es sofort getan. Sie waren immer sehr offen, weil sie wussten, dass es mir emotional half. Als der erste Teil in der »New York Times« erschien, kontaktierten uns so viele Menschen, teilten ihre Geschichten mit uns, sodass meine Eltern sagten: Du musst unsere Geschichte erzählen, weil wir damit offenbar anderen helfen.

Waren Sie nie erschöpft?
Es gab eine Situation, in der ich eine Schwester beobachtete, wie sie bei meinem Vater eine Vene suchte. Ich konzentrierte mich so sehr darauf, dass mir bewusste wurde, was da eigentlich vor sich ging. Einen Augenblick später fand ich mich im Raum nebenan wieder, weil ich offenbar ohnmächtig geworden war. Es gibt auch ein Bild von mir, das meine Mum von mir gemacht hat, auf dem ich auf einem Krankenhausbett liege. Ich habe mich oft gefragt, warum mich gerade dieser Moment so schockiert hat, da ich doch oft schon in Krankenhäusern war. Allerdings wurde mir bewusst, dass es dieser eine Augenblick war, in dem ich meine Kamera nicht als Schutz bei mir hatte. Ich sah die Realität.

Warum haben Sie in Schwarz-Weiß fotografiert?
Ich habe die Bilder digital aufgenommen. Sie sind eigentlich farbig. Aber sie waren für mich immer ein großes Archiv, eine Erinnerung. Und die definiere ich für mich als schwarz-weiß. Außerdem informiert Farbe über Zeit und Ort, und ich wollte nicht, dass die Menschen, die sich meine Bilder ansehen, einen Orientierungspunkt haben. Das Ganze könnte zu irgendeiner Zeit passiert sein – erst kürzlich oder auch Jahre zuvor. Für den Auswahlprozess für den World Press Photo Award muss man die originalen Bilder einsenden. Als ich mir alles in Farbe angesehen habe, bin ich zusammengebrochen, weil es so nah dran, so real war.

Gab es ein Bild, das Sie besonders nachhaltig berührt hat?
Das meines Vaters im Sarg. Viele Juden sind auf mich zugekommen und haben gesagt, dass es nicht in der Tradition begründet sei, in den Sarg zu blicken. Ich habe dieses Foto nochmals in Farbe gesehen. Die Haut meines Vaters war ganz gelb. Das hat mich zutiefst schockiert.

Welche Erfahrung nehmen Sie aus den vergangenen vier Jahren mit?
Mein Dad sagte immer: »Das Leben ist ein Geschenk.« Das ist sehr wahr, denn keinem sind 50 oder 100 Jahre versprochen. Zu wissen, dass jeder Tag ein Geschenk ist, beeinflusst mich sehr, in all meinen Entscheidungen, die zu treffen sind. Wir wussten, dass die Zeit kurz ist, ich hatte viele lange Gespräche mit meinen Eltern, habe viel über sie gelernt. Sie sind mir ein Beispiel. Sie waren immer stark, immer positiv. Eine der letzten Dinge, die meine Mutter zu mir gesagt hat, war: »Wenn ich gehe, dann vergiss nie, immer freundlich zu sein.« Das war ihr sehr wichtig. Man solle – anstelle zu streiten – lieber ein langes Gespräch führen und sich des Augenblicks bewusst sein. Ich habe aber auch erfahren, dass man nicht allein ist.

Mit der Fotografin sprach Katrin Richter.

Mehr über Nancy Borowick lesen Sie auf ihrer Webseite und sehen Sie auf ihrem Instagram-Account.

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