Nachruf

Das gestürzte Genie

Das Boston Symphony Orchestra mit James Levine während des Musikfests Berlin 2007 in der Philharmonie Foto: imago images/Eventpress

Wenn James Levine zum Taktstock griff, stand nach Ansicht von San Franciscos früherem Operndirektor David Gockley eine Art Götterdämmerung bevor – selbst wenn Richard Wagners »Ring« an dem Abend nicht auf dem Programm stand. »Er ist kein gewöhnlicher Dirigent«, sagte Gockley 2011 über Levine, den einstigen Star-Dirigenten der New Yorker Metropolitan Oper und der Münchner Philharmoniker. »Er ist ein Gott.«

Übermensch oder nicht – Levines Einfluss auf die amerikanischen Klassikwelt war enorm. Nun ist »Amerikas Top-Maestro«, wie das Magazin »Time« ihn einmal nannte, im Alter von 77 Jahren gestorben. Das bestätigte ein Sprecher des Opernhauses in Manhattan am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. »Die Metropolitan Oper ehrt das Andenken an ihn«, hieß es.

Zuvor hatten mehrere US-Medien unter Berufung auf den Arzt des Dirigenten berichtet, dass Levine bereits am 9. März im Alter im kalifornischen Palm Springs gestorben sei. Die Todesursache wurde zunächst nicht bekannt.

ANSCHULDIGUNGEN Nach seinem langen hohen Aufstieg war Levine zum Abschluss seiner Karriere tief gefallen: Die Anschuldigungen von mindestens neun Männern wegen sexueller Übergriffe ließen den teils als Genie gefeierten Musiker tief stürzen. Die Metropolitan Opera, deren Weltruhm Levine als Chefdirigent zementiert hatte, warf ihn raus. Er wurde zum bis dahin ranghöchsten Vertreter der Klassik-Szene, der im Zuge der #MeToo-Bewegung seinen Job verlor. Und wie bei Entertainer Bill Cosby oder Filmproduzent Harvey Weinstein war die Frage: Lässt sich das Werk eines Künstlers von persönlichem Fehlverhalten trennen?

»Ich bin unsicher, ob die Met Levines Schande überleben kann«, schrieb das »New York Magazine«. Das Opernhaus habe Levines Verhalten vermutlich jahrelang stillschweigend hingenommen oder vertuscht, merkte eine Autorin der »Washington Post« an. Und ein Kritiker der »New York Times« überlegte öffentlich hin und her, ob er seine Sammlung an Levines Musik nicht für alle Zeit aus seinem Regal verbannen müsse. Levine hatte die Vorwürfe immer entschieden zurückgewiesen. Nach seinem Rauswurf überzogen sich das Opernhaus und der Dirigent gegenseitig mit Klagen.

DEBÜT All das schien fast undenkbar, als der gelockte Klaviervirtuose aus Ohio 1953 mit dem Cincinnati Orchestra sein Debüt als Dirigent feierte. Sein erweitertes Handwerk lernte er bei Klavierpädagogin Rosina Lhévinne und an der Juilliard School in New York. Der ungarische Dirigent George Szell holte ihn zum Cleveland Orchestra, wo er von 1965 bis 1972 auch am Cleveland Institute of Music (CIM) lehrte. Aus dieser Zeit und bis 1999 reichen die Vorwürfe mehrerer Männer. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis das Schlagwort #MeToo um die Welt ging.

Die Details, die der »Boston Globe« nach Gesprächen mit mehr als 20 Studenten und Ex-Kollegen Levines aufdeckte, waren erschreckend. Wie in einem Kult soll Levine seine als »Leviniten« bekannten Verehrer in Cleveland um sich versammelt und ihnen vorgeschrieben haben, »was sie lesen, wie sie anziehen, was sie essen, wann sie schlafen - sogar, wen sie lieben«. Bei ihm zu Hause soll er sie strengen musikalischen Tests unterzogen und sie zum Sex gedrängt haben. Andere Männer berichteten von »unangemessenen Berührungen«, gemeinsamen sexuellen Handlungen oder Anspielungen darauf.

ZUHAUSE Rund 40 Jahre war die Met im Herzen Manhattans das künstlerische Zuhause des Dirigenten. Seine offene, vereinnahmende Art schimmerte auch bei Proben mit dem Orchester durch. Vor Publikum dirigierte er dann mit der Effizienz eines Managers. Zum 25. Jubiläum seiner ersten Met-Aufführung feierte ihn das Opernhaus mit einer Fernsehgala – es sagten so viele Sänger zu, dass Levine acht Stunden dirigierte. Sein Repertoire umfasste Bach und Haydn, aber auch unbekanntere Namen wie den französisch-griechischen Komponisten Iannis Xenakis. Partituren interpretierte Levine auf lebendige, klare und geradlinige Weise.

Selbst Klassikfans der alten Garde kamen um ihn nicht herum. Bei den Salzburger Festspielen dirigierte Levine Mozart, in Bayreuth machte er sich als Wagner-Kenner einen Namen. Mit ausgedehnten Konzerttourneen festigte er den Namen der Met in Zeiten, als die Amerikaner zwar für Pop oder Jazz, aber seltener für grandiose Klassik bekannt waren. Seine Arbeit bei der Met sah er als Vollzeit-Job, wenngleich er 1999 bis 2004 zugleich Chefdirigent der Münchner Philharmoniker war. Bei der Met dirigierte Levine mehr als 2500 Aufführungen von 85 Opern. Nur gelegentlich trat er parallel als Pianist auf.

Am Ende mussten Zuhörer selbst entscheiden, ob sie Levine den Rücken kehren wollten. Das Boston Symphony Orchestra, wo Levine von 2004 bis 2011 als musikalischer Direktor am Pult stand und das zu den besten Symphonieorchestern der USA gezählt wird, ging auf Distanz. Levine werde dort nie wieder angestellt oder unter Vertrag genommen, hieß es.

Gesundheitliche Beschwerden – Levine dirigierte zuletzt im Rollstuhl mit Hilfe zweier Assistenten – kamen in seinen letzten Lebensjahren als Belastung hinzu. Sein letzter Auftritt an der Met war im Dezember 2017 – 46 Jahre nach seinem Debüt dort. dpa

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