Finale

Benis Welt

Manche Juden haben ein gespanntes Verhältnis zu Weihnachten. Es ist nicht unser Fest. Aber daran vorbei kommen wir trotzdem nicht. Da hilft auch kein öffentliches Lichterzünden an überdimensionalen Menorot in Fußgängerzonen. In der geballten Masse von Tannenbäumen, Nikoläusen und Weihnachtsengeln gehen die Chanukkaleuchter völlig unter.

krippenspiel Ich mag Weihnachten trotzdem. Für mich sind damit angenehme Erinnerungen verbunden. Dem Christfest verdankte ich nämlich als Kind meine gelungene Integration in die Klassengemeinschaft. Ich war acht Jahre alt, ging seit Kurzem auf eine neue Schule und durfte dort beim Krippenspiel einen der Heiligen Drei Könige spielen. Eigentlich wäre ich lieber das Jesuskind gewesen. Aber dafür wurden blonde Jungen gesucht.

Welchen der Weisen aus dem Morgenland ich damals verkörperte – Caspar, Melchior oder Balthasar –, habe ich vergessen. Doch an meinen Auftritt selbst kann ich mich erinnern, als sei es gestern gewesen. In der großen Turnhalle kniete ich vor Jesus nieder. Jesus wurde von Ralph gespielt. Ich konnte ihn nicht leiden. Trotzdem reichte ich ihm großzügig Myrrhe – es kann auch Weihrauch oder Gold gewesen sein. Laut Drehbuch sollte Ralph mich dabei strahlend angucken. Doch der Blödmann schnitt stattdessen die ganze Zeit Grimassen. Ich bekam daraufhin einen Lachanfall, der nicht mehr aufhören wollte, rannte fluchtartig weg von der Krippe und versteckte mich hinter der Bühne. 400 Mütter und Väter zeigten sich peinlich berührt, allen voran meine eigenen Eltern. Sie waren sehr engagiert im christlich-jüdischen Dialog und machten sich jetzt Sorgen um die Zukunft der interkonfessionellen Verständigung.

erfolg Auch mir war mulmig zumute. Ich würde am nächsten Tag Klasssenkeile beziehen, befürchtete ich. Stattdessen wurde mir in der Schule ein regelrechter Heldenempfang bereitet. Alle klopften mir auf die Schulter und gratulierten zu dem gelungenen und witzigen Sabotageakt. Mein Status in meiner Peergroup war ab diesem Zeitpunkt gesichert, dank Jesus, Maria und Josef.

Und bis heute trägt mein Auftritt Früchte. Vor ein paar Tagen kam ich mit meiner kleinen Tochter in der Stadt an einer Kirche vorbei, vor der eine Krippenszene aufgebaut war. Das Kind wollte wissen, was das sei und worum es gehe. Ich war so perfekt in der Lage, dem Mädchen die Weihnachtsgeschichte zu erläutern, dass ein daneben stehender älterer Herr mich anschließend beglückwünschte: Es sei selten heutzutage, Eltern zu erleben, die die christliche Erziehung ihrer Kinder noch so ernst nähmen! In diesem Sinne, Chanukka sameach!

Lettland

Deutsche Städte gedenken der nach Riga deportierten Juden

1941/42 wurden mehr als 25.000 Juden aus Deutschland und Österreich zur Vernichtung in die lettische Hauptstadt deportiert. Daran gedachten nun Vertreter aus 30 deutschen Städten

 03.07.2026

Gesellschaft

Filmproduzentin Brauner: Erinnerungskultur ist gescheitert

Symbolpolitik statt echter Auseinandersetzung - Alice Brauner hält die deutsche Erinnerungskultur für gescheitert. Ihr neuer Film über Menschenversuche in Auschwitz soll die Vergangenheit schonungslos sichtbar machen

von Hannah Krewer  03.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Auf dem Weg zum »Mustard Belt«: Am 4. Juli gehtʼs um die Wurst

von Katrin Richter  03.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  02.07.2026 Aktualisiert

Fußball

Länderspiel verlegt: Irland verzichtet auf Israel-Boykott

Irlands Fußballverband FAI will das UEFA-Nations-League-Spiel gegen Israel nun in Serbien austragen - auch, um einen Abstieg zu vermeiden

 02.07.2026

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« gegründet

Rund 60 Theaterschaffende haben in Augsburg ein neues Netzwerk gegen Judenfeindlichkeit ins Leben gerufen. Ihnen geht es etwa darum, antisemitismuskritische künstlerische Werke zu entwickeln. Und sie wollen expandieren

von Christopher Beschnitt  02.07.2026

Kulturkolumne

In der Hitze des Sommers

Zwischen Deutschland und Israel: Wenn die Luft sich nicht bewegt und die Zeit stillsteht

von Laura Cazés  02.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026