Neuerscheinung

Barbies Netzwerk

Ende einer Flucht: Klaus Barbie vor Gericht in Lyon 1987 Foto: dpa

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Vatikan, BND, Militärdiktaturen, Linksterroristen: Der »Schlächter von Lyon« und seine Unterstützer nach 1945

von Anton Maegerle  08.09.2014 20:29 Uhr

Der erst 1983 gefasste Klaus Barbie war weltweit einer der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Wie viele hohe NS-Funktionäre und Kriegsverbrecher konnte er nach 1945 eine neue Existenz aufbauen. Zeitweilig arbeitete Barbie für diverse Geheimdienste wie den Bundesnachrichtendienst (BND).

Unter dem Titel Deckname Adler. Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste hat der Historiker Peter Hammerschmidt nach jahrelangen, weltweiten Recherchen eine spannend zu lesende komplette Biografie über den vormaligen SS-Hauptsturmführer vorgelegt. Hammerschmidt ist der erste Historiker, dem Barbies in Haft geschriebene Memoiren vorlagen.

us-geheimdienst
Barbie (1913–1991) war ab Ende 1942 Gestapo-Chef in Lyon. Die Stadt im Südosten Frankreichs galt als die heimliche Hauptstadt der Resistance und beherbergte die zweitgrößte jüdische Gemeinde des Landes. Barbies Verbrechen sind noch heute tief im kollektiven Gedächtnis der Franzosen verankert, wo er wegen seiner Grausamkeit »Der Schlächter von Lyon« genannt wird. Der gläubige Katholik hatte unter anderem die Ermordung der Führungsfigur des französischen Widerstands, Jean Moulin, und die Deportation von 44 Kindern aus dem jüdischen Waisenhaus in Izieu zu verantworten.

Im April 1947 wurde der untergetauchte Barbie vom Counter Intelligence Corps (CIC), dem Nachrichtendienst der US Army, als Agent angeworben. Im beginnenden Kalten Krieg heuerten westliche Nachrichtendienste ohne Skrupel NS-Täter als Mitarbeiter an. Jahrelang wurde Barbie vom CIC vor französischen Ermittlern versteckt. Barbies Akte beim BND, die Hammerschmidt nach langen bürokratischen Anläufen als erster Wissenschaftler einsehen konnte, ist zu entnehmen, dass auch deutsche Behörden schon im Juni 1949 seine Wohnadresse in Augsburg kannten und wussten, dass er wegen Geiselerschießungen auf der französischen Kriegsverbrecherliste stand.

1951 wurde Barbie vom CIC abgeschaltet und mithilfe der sogenannten »Rattenlinie« unter dem Alias »Klaus Altmann« aus Europa nach Bolivien geschleust. An der Nazi-Fluchthelferorganisation waren auch Vertreter des Vatikans und des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) beteiligt.

Barbies Deckname »Altmann« war kein »Zufallsprodukt«, konstatiert Hammerschmidt. Mitte der 30er-Jahre hatte Barbie als persönlicher Adjutant eines NSDAP-Ortsgruppenleiters in Trier amtiert. Zu diesem Zeitpunkt lebte in der Stadt der Oberrabbiner Adolf Altmann. Der Name, so Hammerschmidt, muss Barbie ein Begriff gewesen sein.

bolivien In Bolivien stand Barbie alias Altmann unter dem Decknamen »Adler« von Mai bis Dezember 1966 als nachrichtendienstliche Verbindung (V-43118) des BND in Bolivien auf dessen Gehaltsliste. Der BND behauptet, Barbies wahre Identität sei zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt gewesen. Sein SS-Hintergrund hatte jedenfalls bei Barbies Anwerbung keine negative Rolle gespielt.

In einem BND-Memorandum vom September 1966 heißt es: »Die Tatsache, dass V-43118 SS-Hauptsturmführer war, schließt nicht aus, ihn als Quelle zu verwenden«. Nach seiner Zeit als BND-Agent diente sich Barbie, der seinem nationalsozialistischen und antikommunistischen Weltbild treu blieb, dem bolivianischen Geheimdienst an, der seine bei der Gestapo erworbenen Fähigkeiten gerne nutzte. Das bolivianische Diktatorenregime schützte ihn über Jahrzehnte hinweg vor einer Auslieferung.

Wie die Altnazis Hans-Ulrich Rudel, Léon Degrelle und Otto Skorzeny war Barbie auch als internationaler Waffenschieber aktiv. Für die Firma MEREX, die eng mit dem BND verbunden war, organisierte er den Waffenhandel mit Lateinamerika. Ungehindert konnte »Altmann«, ausgestattet mit einem bolivianischen Diplomatenpass, Geschäftsreisen in die USA und in die Bundesrepublik, zuletzt 1972, machen.

Im August 1971 putschte sich der von der US Army ausgebildete General Hugo Banzer Suarez an die Macht in dem Andenstaat. Barbie wurde nun de facto Chef des gesamten Geheimdienstapparates und somit Kopf der innenpolitischen Repression gegen Linke und Gewerkschafter.

In dieser Zeit versorgte Barbie indirekt über das bolivianische Innenministerium die CIA mit nachrichtendienstlich relevanten Informationen. Im Oktober 1982 übernahm eine demokratisch gewählte Regierung in Bolivien das Ruder. Barbie wurde 1983 an Frankreich ausgeliefert und am 4. Juli 1987 wegen »Verbrechen gegen die Menschheit« zu lebenslanger Haft verurteilt. Vor Gericht verlor er kein einziges Wort über seine einstigen Geheimdienst-Beschützer.

befreiungspläne
Kenntnis- und detailreich beschreibt Hammerschmidt das Wirken des »Freundeskreises Barbie«, eines internationalen neofaschistischen Unterstützerkreises des Inhaftierten. Einer der Hauptfinanziers von Barbies Verteidigung war der rechtsextreme Verleger und Bundesvorsitzende der Deutschen Volksunion (DVU), Gerhard Frey.

Frey stellte zwischen 1983 und 1987 mindestens 55.000 DM für die Finanzierung von Barbies Verteidigung bereit. Seit den 70er-Jahren verband Barbie und Frey eine »persönliche Freundschaft«, schreibt Hammerschmidt. Der Historiker macht erstmals öffentlich, dass Alt-Nazis um Otto Ernst Remer Fluchtpläne zur Befreiung Barbies schmiedeten. Eingebunden in dieses Netzwerk war auch der in Syrien lebende und weltweit gesuchte NS-Kriegsverbrecher Alois Brunner. Brunner teilte Remer in einem Schreiben 1984 mit, dass Barbie in Syrien »willkommen« sei.

Brunners Angebot steht exemplarisch für eine »globale Gemeinschaft« ehemaliger NS-Funktionäre nach 1945. An Plänen zur Befreiung Barbies arbeitete auch eine »antiimperialistische« Untergrundgruppe mit dem Namen »Separat«. Kopf der Gruppe war der Linksterrorist und militante Antisemit Ilich Ramirez Sanchez alias »Carlos«. Die Befreiungspläne blieben allesamt erfolglos. Barbie alias Altmann starb 1991 im Alter von 77 Jahren in der Haft.

Peter Hammerschmidt: »Deckname Adler. Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste«. S. Fischer, Frankfurt/M. 2014, 555 S., 24,99 €

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